Der Wunsch der Saudis nach modernen Waffen spiegelte ein tief sitzendes Gefühl der Schwäche und Bedrohung, das sich 1979 weiter verstärkte, als die Islamische Revolution im Iran das prowestliche Schah-Regime hinwegfegte, ohne dass Washington seinem Verbündeten zu Hilfe kam. Im November 1979 dann besetzten islamistische Rebellen die Große Moschee von Mekka. Sie prangerten die Korruption und den Sittenverfall der königlichen Familie an und forderten das Ende der Ölexporte in die USA. Die Sicherheitskräfte brauchten zwei Wochen, um die Moschee zu befreien; über 300 Menschen kamen dabei ums Leben.

Die saudischen Herrscher zogen die Konsequenz, sich künftig nicht mehr an islamischer Orthodoxie überbieten zu lassen und die US-Präsenz so unsichtbar wie möglich zu machen. Die Unzufriedenheit im Lande stieg jedoch an, denn der Verfall des Ölpreises und das Bevölkerungswachstum ließen den Lebensstandard sinken und verdüsterten die Zukunftsaussichten vieler junger Saudis, die zunehmend Gefallen an den islamistischen Parolen fanden.

Nach der sowjetischen Invasion Afghanistans Ende 1979 hatten die Saudis Präsident Jimmy Carters Angebot zur Stationierung von Kampftruppen noch abgelehnt, weil dies innenpolitisch zu riskant erschien. Als jedoch die Armee des irakischen Diktators Saddam Hussein im August 1990 in Kuwait einmarschierte, willigte König Fahd, der seit 1982 regierte, notgedrungen ein, das Land den amerikanischen Streitkräften zu öffnen.

Die Verlegung einer halben Million US-Soldaten ins Land des Propheten, darunter Frauen im Kampfanzug, die Jeeps durch die Wüste steuerten, bewirkte einen Kulturschock, den die Führung so weit wie möglich abzumildern versuchte. So bestanden die Saudis darauf, dass die Streitkräfte weder Alkohol noch weibliche »Truppenbetreuung« ins Land bringen durften. Kommandeur Norman Schwarzkopf gewann den Eindruck, dass nicht Saddam, sondern seine eigenen Soldaten als eigentliche Bedrohung betrachtet wurden.

In der Tat erhoben islamische Fundamentalisten lautstarken Protest gegen die Invasion der »Ungläubigen«. Die Beteiligung an der Operation Wüstenschild, mit der dem Irak Kuwait wieder entrissen wurde, kostete das Land nicht nur 55 Milliarden Dollar, sondern führte zu einer wachsenden Polarisierung zwischen Traditionalisten und Modernisierern. So verletzten im November 1990 saudische Frauen in Riad öffentlich das Autofahrverbot – ohne nachhaltigen Erfolg. König Fahd reagierte auf den Ruf nach Reformen mit einem »Grundgesetz«, das im Wesentlichen die absolute Monarchie festschrieb. Der seit 1953 bestehende Rat, dessen Mitglieder vom Monarchen ernannt werden, wurde vergrößert. An Regierungsform und -stil änderte sich auch nach 1995 nichts, als Prinz Abdullah für seinen schwer erkrankten Bruder Fahd die Staatsgeschäfte übernahm. Ein Parlament existiert bis heute nicht.

15 Attentäter vom 11. September kommen aus Saudi-Arabien

Für Osama bin Laden, den Spross einer reichen saudischen Unternehmerfamilie und Mäzen der arabischen Freiwilligen gegen die Sowjets in Afghanistan, war die Stationierung der US-Truppen in seiner Heimat eine unerträgliche Provokation. Sein Terrornetzwerk Al-Kaida wurde bereits in den neunziger Jahren für zahlreiche Anschläge auf US-Bürger und -Einrichtungen verantwortlich gemacht, darunter für die Bombenattentate auf die Botschaften in Nairobi und Daressalam. Gleichwohl war die US-Öffentlichkeit schockiert, als sich nach den Terroranschlägen des 11. September 2001 herausstellte, dass 15 der insgesamt 19 Attentäter aus Saudi-Arabien stammten. Zahlreiche Kommentatoren übten scharfe Kritik an der Nachgiebigkeit Washingtons gegenüber den Scheichs, die nun für ihre finanzielle Unterstützung des radikalen Islams weltweit am Pranger standen. Denn wo immer fundamentalistische Prediger auf Mission gingen und gehen, steckte und steckt saudisches Geld dahinter.

Umgekehrt strickten führende Prinzen in Riad an Verschwörungstheorien. Sie äußerten öffentlich den Verdacht, Israel sei für die Anschläge vom 11. September verantwortlich, und klagten die USA als Feind der Palästinenser an. Die Beziehungen waren auf dem Tiefpunkt. Die von Präsident George W. Bush beschlossene Invasion des Iraks im Frühjahr 2003 lehnte Saudi-Arabien ab, da man – zu Recht – befürchtete, die Entmachtung Saddams werde am Ende nur den Iran und die Schiiten am Golf stärken.

In seinem 2005 erschienenen Buch Inside the Mirage: America’s Fragile Partnership with Saudi Arabia nennt der amerikanische Nahostkorrespondent Thomas W. Lippman die Beziehungen zwischen den beiden Staaten eine »Vernunftehe«. Sie habe nur deshalb so lange gehalten, weil beide Partner am Ende immer bekamen, was sie wollten: die Saudis amerikanische Technologie und Sicherheitsgarantien, die Amerikaner Öl und ein prowestliches Regime, das trotz seiner antiisraelischen Rhetorik als mäßigende Kraft in der Region wirkte. Auch wenn das gegenseitige Misstrauen wächst – Washington betrachtet Riad im Kampf gegen den islamistischen Terror als unsicheren Kantonisten; die Saudis muss beunruhigen, wie schnöde die US-Politik 2011 ihren ägyptischen Alliierten Husni Mubarak fallen ließ –, gibt es zur saudisch-amerikanischen Vernunftehe für beide Seiten keine Alternative. Die Saudis unter ihrem 88-jährigen König Abdullah fürchten einen atomar bewaffneten Iran, vor dem allein die US-Militärmacht Schutz bieten kann. Amerika braucht das Land mit den größten Ölreserven als Preisstabilisator auf dem Weltmarkt. Zudem ist es nach dem US-Rückzug aus dem Irak als strategischer Partner wichtiger denn je.

Gerade erst hat die Regierung Obama den Verkauf von 84 F-15-Kampfjets im Wert von 30 Milliarden Dollar an die Saudis genehmigt – »eine klare Botschaft an alle Länder der Region, dass die Vereinigten Staaten sich der Stabilität am Golf verpflichtet fühlen«, hieß es dazu aus dem US-Außenministerium. Nach einer Ermutigung, mehr Demokratie zu wagen, klingt das nicht.