Staatsverschuldung : Zeit, die Wahrheit zu sagen

In Europa sind Privatleute, Unternehmen und Staaten so stark verschuldet, dass alle Verzicht üben müssen – auch die Deutschen.
Kanzlerin Merkel spricht über Europa (Archivbild). © Arnd Wiegmann/Reuters

Die Wirkung der »Dicken Bertha« der Europäischen Zentralbank beginnt zu verpuffen, die Risikozuschläge für Anleihen der Problemstaaten steigen wieder. Nach einer kurzen Atempause wird deutlich, dass es auch diesmal nur darum ging, Zeit zu gewinnen. Seit drei Jahren betreiben die Regierungen der Euro-Zone Symbolpolitik und drücken sich davor, die eigentlichen Ursachen der Krise anzugehen: die unterschiedliche Wettbewerbsfähigkeit der Mitgliedsstaaten und die untragbaren Schuldenlasten des Kontinents.

Die Verschuldung von Privathaushalten, Nicht-Finanzunternehmen und Ländern in Westeuropa und in den Vereinigten Staaten hat sich seit 1980 relativ zum Bruttoinlandsprodukt verdoppelt: Inflationsbereinigt ist die Verschuldung der Unternehmen dreimal, die der Staaten viermal, die der privaten Haushalte sogar sechsmal so hoch.

Sparen und zurückzahlen, was für private Schuldner der natürliche Weg aus der Misere ist, die Schulden zu tilgen, funktioniert für ganze Staaten nur, wenn diese zugleich ihre Währung deutlich abwerten und damit Aushandelsüberschüsse erzielen. In einer Währungsunion bedeutet dies »interne Abwertung« mit verheerenden Folgen für Wachstum und Beschäftigung – ohne die Schuldenlast letztlich zu senken.

Daniel Stelter

Der Betriebswirt ist Partner bei der internationalen Unternehmensberatung Boston Consulting Group in Berlin. Er hat sich dort intensiv mit der Krise im Euro-Raum befasst

Herauszuwachsen aus den Schulden wäre der ideale Weg. Doch die dafür erforderlichen Reformen bleiben aus. Und selbst wenn diese durchgesetzt würden, sind Schulden ein großes Wachstumshemmnis, wie verschiedene Studien nachweisen. Hinzu kommt die negative demografische Entwicklung.

Die Politik setzt auf financial repression, also den Versuch, die Schulden durch niedrige Zinsen abzutragen. Doch selbst bei Wachstumsraten von fünf Prozent und einem Zinsniveau von zwei Prozent dauert es mindestens 20 Jahre, bis Länder wie Spanien oder Italien ein tragbares Schuldenniveau erreichen. Portugal und Irland bräuchten noch weit länger.

So bleibt als Option die geordnete Restrukturierung. Das ist ein langwieriges und politisch schwieriges Unterfangen. Aber das einzige, das Anlass zur Hoffnung gibt, die Währungsunion zu retten.

Das könnte so gehen: Zunächst wird der Schuldenüberhang aller Länder in einem Tilgungsfonds, wie ihn auch der Sachverständigenrat der Deutschen Wirtschaft vorschlägt, zusammengefasst. Dieser Fonds müsste neben dem staatlichen Schuldenüberhang (rund 3,7 Billionen Euro) auch den privaten mit einbeziehen und somit insgesamt rund 5 Billionen Euro umfassen. Das schüfe die Voraussetzung für die Rekapitalisierung von Banken, die – verpflichtend – einen Schuldenschnitt für Unternehmen wie Privatschuldner vornehmen müssten, die über einen bestimmten Prozentsatz ihrer Leistungsfähigkeit verschuldet sind. Damit würde vermieden, dass wirtschaftliches Wachstum und politische Stabilität durch eine große Zahl von Unternehmens- und Privatinsolvenzen gefährdet werden.

Der Tilgungsfonds wäre von den Staaten der Europäischen Union gemeinsam zu garantieren und zu refinanzieren, zum Beispiel mit Euro-Bonds. Die bei den Staaten verbleibenden Schulden – und alle zukünftigen Schulden – müssten die Staaten wie bisher eigenständig finanzieren. Über einen Zeitraum von 20 Jahren wäre der Fonds vollständig zu tilgen.

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Kommentare

224 Kommentare Seite 1 von 30 Kommentieren

So ein pöses Wort!

Er hat's tatsächlich geschrieben: Eurob...

Aber dies ist zur Abwechslung einmal ein zumindest theoretisch vorstellbares Szenario für einen Weg aus der Krise. Wahrscheinlich könnten viele Politiker, die fähig sind, über eine Legislaturperiode hinaus zu denken, dem auch positive Seiten abgewinnen.

Nur müssen auch diese sich regelmäßig zur Wahl stellen, und dabei bedienen sich die meisten zu gerne des "Buhmannes" Europa. Danach ist es jeweils nicht so leicht, wieder zu konstruktiver Politik zurückzufinden.

Wir werden sehen, was uns demnächst aus Frankreich, Holland und Griechenland entgegenschallt.

Sie werden es alle nicht glauben:

ich bin privat NICHT verschuldet und war es auch noch NIE. Allerdings lebe ich auf Normalniveau (keine Weltreisen, kein extrem teurer Luxusschlitten, keine Kinderschaar etc. pp.) Für die meisten Leute bin ich damit wahrscheinlich eine Zumutung bei soviel Stinknormalität im Lebensweltlichen. Allerdings habe ich mehrere akademische Abschlüsse (keine Plagiate!), die mich zum Denken (auch über dieses System) gezwungen haben. Das ganze Werbe- und Verführungsgedöhns prallt leider an mir ab. Als Konsument bin ich der Komplettausfall für dieses System. Viele (die meisten ?) werden mich bedauern ...

Warum bedauern...?

...du nutzt die Schwäche des Systems doch perfekt aus.

Es ist bezeichnend, dass nicht diejenigen gelobt werden, die auf Kredit und damit unter persönlichen Risiko in ihre und die gesellschaftliche Zukunft investieren, sondern die, die auf schmalen Fuß leben und nur von der Geldschöpfungsleistung anderer schmarotzen. Ohne Kredite gäbe es nämlich kein Geld und auch nicht deinen Job, das ist die bittere Wahrheit.

Wenn du, wie du behauptest, das System durchschaust, dann handelst du clever aber auch egoistisch und schon gar nicht zugunsten der Stabilität. Ich würde das daher lieber nicht so arg raushängen lassen und den moralischen Zeigefinger kannst du dir gleich ganz sparen...

Ich weiß nicht so recht, ob ich auf Ihre Unterstellungen

antworten soll. Ich will überhaupt Niemandes Schwächen ausnutzen ! Ich habe auch nicht behauptet das System "durchschaut" zu haben und einen moralischen Zeigefinger habe ich auch nicht erhoben. Eigentlich verstehe ich Ihren ganzen Kommentar nicht. Wer hat für mich Kredite aufgenommen ? Ich bin selbständig tätig und muß mich um alles (tatsächlich alles !!! klingt dämlich; ist aber so) selbst kümmern. Die Staatsstrukturen /Infrastrukturen bezahlen wir ALLE (oder vielleicht doch nicht alle ?) über Steuern ! Das das Steuersystem der "Hebel" für soziale Gerechtigkeit/Ungerechtigkeit darstellt, ist ein offenes Geheimnis.

Wertschöpfung staqtt Geldschöpfung

Den moralischen Zeigefinger sehe ich hier nur bei Dir, Dr_Bernd_Bresig, nicht bei FelixLassmann, dem Du Egoismus vorwirfst, weil er nicht zur Geldschöpfung beiträgt. Man darf ihm aber wohl unterstellen, dass er von seiner Arbeit lebt und damit zur Wertschöpfung beiträgt. Das tu ich auch und fühle mich gut dabei, auch wenn ich deshalb vielleicht bedauert oder als Egoist geschmäht werde.
Die Schwäche des Systems kommt jedenfalls daher, dass zu viel Geld und zu wenig Wert geschöpft wird. Den Sparern jetzt das auch noch vorzuwerfen, ist absurd. Dass letzten Endes die Sparer das Ganze bezahlen müssen, wird der "gierige Teil der Menschheit" (roberti5) schon erzwingen, deshalb würde ich Sparen auch nicht "clever" nennen.

Das ist ja sehr löblich

Auch ich habe privat keine Schulden.

Aber genau wie Sie (nehme ich mal an) habe ich auch noch kein Unternehmen gegründet und damit Arbeitsplätze geschaffen, so wie die vielen Mittelständler, deren Tätigkeit es den deutschen Kommentatoren zurzeit erlaubt, große Töne zu ...äußern.

Investition geht nicht ohne Kredit, also: keine Kredite, keine Arbeitsplätze. Können Sie soweit folgen? Wie machen Sie das dann mit ihrem vorbildlichen Lebenswandel - ohne Arbeitsplatz?

Vollkommen richtig

Denn die Schulden der Frau Merkel sind nicht etwa die Schulden der kleinen Leute, die sie jetzt bezahlen müssen, sondern die der großen Leute, der Reichen, der Superreichen und der Finanzkonzerne, die ihre Schulden einfach auf die Allgmeinheit abwälzen. Und damit wir alle das nicht erfahren, wird das Ganze ganz offiziell geheim gehalten!

Aber auch wenn man ohne eigenen Kredit lebt, so zahlt man doch immer die Kredite der anderen mit. Durchschnittlich sind bei allem, was wir kaufen, etwa 40% Zinsanteil drin.

Wer wirklich etwas tun will, der bildet mit anderen Gemeinschaften, die untereinander Leistungen und Waren ohne Geld tauschen. Dann würde ich meine Sparvermögen auflösen und mir diese einschließlich der Kontoguthaben in bar auszahlen lassen.

Widersprüchlich

Dieser Kommentar passt gar nicht in die Reihe Ihrer sonstigen Kommentare - war wohl ironisch gemeint!?
Ich kann dem Kommentator FelixLassmann nur recht geben mit seiner Haltung und ihn dazu beglückwünschen. Zumal er damit - im Gegensatz zu dem was Sie schrieben - tatsächlich nachhaltig wirtschaftet, da er Geldschöpfung aus Wertschöpfung als Unternehmer (und nicht als Luftnummer) erzielt und dies als geschäftlicher wie privater Konsument wieder in den Wirtschaftskreislauf einbringt.
Er verweigert sich lediglich des täglich wahnsinniger werdenden "Lifestyle-Konsumptionismus".

@FelixLassmann

Nicht nur, dass man Kinderschar nicht mit doppeltem 'a ' schreibt, Kinder haben in einer Aufzählung von Luxusgütern nichts zu suchen. Oder wollten Sie nur provozieren?

Ansonsten bin ich natürlich auch der Meinung, dass uns die Konsumgesellschaft oder, um dieses Schlagwort zu vermeiden, der ständige Zwang immer mehr zu konsumieren, so langsam aber sicher dem Abgrund entgegen führt.
'Freie s o z i a l e Marktwirtschaft' - das war mal ein Ideal, heute ist keiner mehr frei und vom Wort sozial hat sich die Wirtschaft schon lange verabschiedet. Zu Grabe getragen haben dieses Prinzip auch und vor allem die Sozialdemokraten unter Schröder, Müntefering & Co.,die mit der Deregulierung den Banken Tür und Tor zum Missbrauch geöffnet haben. Dass Merkel & Co diese Politik weiter betreiben, bzw. die Büchse der Pandora nicht schließen, sollte nun keinen verwundern, ist ja schließlich eine CDU/FDP-Regierung und damit Programm, vor allem bei der FDP.

Aber wer sein Prinzip verraten hat, ja das war die (S)PD.

Und nu?
Wir haben einen schwachen, verschuldeten Staat, Europa macht eine Finanzpolitik im Blindflug, der soziale Frieden ist in vielen Ländern stark gefährdet.....
Und da soll einem nicht Angst und Bange werden?

Mich persönlich

- niemand. Da haben Sie schon recht und ich hoffe, ich bin eine kritische Konsumentin, denn eine Konsumverweigerin bin ich nicht.
Mit Zwang war eigentlich eher dieser permanente Kaufanreiz gemeint, dem sich doch die allermeisten nicht immer entziehen können. Wie hoch die Reizschwelle diesbezüglich ist, ist sicherlich individuell und liegt nicht immer am Einkommen, denn Verbraucherkredite sind leicht zu bekommen oder der Kaufanreiz liegt im scheinbar billigen Preis.
Geiz ist geil - dieser Spruch aller Schnäppchenjäger, der die Moral nun völlig auf den Kopf stellt, geht nur langsam aus den Köpfen. Vielleicht ahnt so mancher, dass er sich hat verdummen lassen.
Ein anderes Beispiel: In Fernsehsendungen wie "Deutschlands Supermodel" oder dem verbraten von Superstars in den Medien werden weibliche Jugendliche quasi für einen bestimmten Lebensstil geimpft. Bei den männlichen Jugendlichen sind es dann eher die Verlockungen der Technik, wo immer wieder neue Finessen auf dem heiß umkämpften Markt der IPods, IPhones und wie sie alle heißen, zum Kaufen (und Verschulden) reizen.

Die Hürde, einem Kaufanreiz zu erliegen und etwas zu erwerben, was entweder die finanziellen Verhältnisse nicht hergeben oder was er eigentlich überhaupt nicht braucht, liegt unterschiedlich hoch aber wer sich dem Ganzen entziehen will, der muss im Elfenbeinturm oder auf der berühmten einsamen Insel wohnen - ich kann es nur bedingt.

No Fear Frank

Steuern zahlte und zahle ich seit genau meinem !8 Geburtstagstag, welcher zufälligerweise auch mein erster Arbeitstag gewesen ist. Vielleicht wurde mit diesen meinen Beiträgen zur Gesellschaft bisher sogar irgendwie ihre akademischen Laufbahn mit unterstützt ? Geschenkt !

Worauf ich aber hinaus wollte: hochgebildete Menschen die nichts riskieren, nie Schulden machen und nichts konsumieren und sich anderen Kultukreisen verschliessen sehe ich eher kritisch - da passt was nicht.
Schimpfwörter dafür finde ich aber unangebracht.
Also, nix für ungut - jeder nach seiner Façon !