StaatsverschuldungZeit, die Wahrheit zu sagen

In Europa sind Privatleute, Unternehmen und Staaten so stark verschuldet, dass alle Verzicht üben müssen – auch die Deutschen. von Daniel Stelter

Kanzlerin Merkel spricht über Europa (Archivbild).

Kanzlerin Merkel spricht über Europa (Archivbild).  |  © Arnd Wiegmann/Reuters

Die Wirkung der »Dicken Bertha« der Europäischen Zentralbank beginnt zu verpuffen, die Risikozuschläge für Anleihen der Problemstaaten steigen wieder. Nach einer kurzen Atempause wird deutlich, dass es auch diesmal nur darum ging, Zeit zu gewinnen. Seit drei Jahren betreiben die Regierungen der Euro-Zone Symbolpolitik und drücken sich davor, die eigentlichen Ursachen der Krise anzugehen: die unterschiedliche Wettbewerbsfähigkeit der Mitgliedsstaaten und die untragbaren Schuldenlasten des Kontinents.

Die Verschuldung von Privathaushalten, Nicht-Finanzunternehmen und Ländern in Westeuropa und in den Vereinigten Staaten hat sich seit 1980 relativ zum Bruttoinlandsprodukt verdoppelt: Inflationsbereinigt ist die Verschuldung der Unternehmen dreimal, die der Staaten viermal, die der privaten Haushalte sogar sechsmal so hoch.

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Sparen und zurückzahlen, was für private Schuldner der natürliche Weg aus der Misere ist, die Schulden zu tilgen, funktioniert für ganze Staaten nur, wenn diese zugleich ihre Währung deutlich abwerten und damit Aushandelsüberschüsse erzielen. In einer Währungsunion bedeutet dies »interne Abwertung« mit verheerenden Folgen für Wachstum und Beschäftigung – ohne die Schuldenlast letztlich zu senken.

Daniel Stelter

Der Betriebswirt ist Partner bei der internationalen Unternehmensberatung Boston Consulting Group in Berlin. Er hat sich dort intensiv mit der Krise im Euro-Raum befasst

Herauszuwachsen aus den Schulden wäre der ideale Weg. Doch die dafür erforderlichen Reformen bleiben aus. Und selbst wenn diese durchgesetzt würden, sind Schulden ein großes Wachstumshemmnis, wie verschiedene Studien nachweisen. Hinzu kommt die negative demografische Entwicklung.

Die Politik setzt auf financial repression, also den Versuch, die Schulden durch niedrige Zinsen abzutragen. Doch selbst bei Wachstumsraten von fünf Prozent und einem Zinsniveau von zwei Prozent dauert es mindestens 20 Jahre, bis Länder wie Spanien oder Italien ein tragbares Schuldenniveau erreichen. Portugal und Irland bräuchten noch weit länger.

So bleibt als Option die geordnete Restrukturierung. Das ist ein langwieriges und politisch schwieriges Unterfangen. Aber das einzige, das Anlass zur Hoffnung gibt, die Währungsunion zu retten.

Das könnte so gehen: Zunächst wird der Schuldenüberhang aller Länder in einem Tilgungsfonds, wie ihn auch der Sachverständigenrat der Deutschen Wirtschaft vorschlägt, zusammengefasst. Dieser Fonds müsste neben dem staatlichen Schuldenüberhang (rund 3,7 Billionen Euro) auch den privaten mit einbeziehen und somit insgesamt rund 5 Billionen Euro umfassen. Das schüfe die Voraussetzung für die Rekapitalisierung von Banken, die – verpflichtend – einen Schuldenschnitt für Unternehmen wie Privatschuldner vornehmen müssten, die über einen bestimmten Prozentsatz ihrer Leistungsfähigkeit verschuldet sind. Damit würde vermieden, dass wirtschaftliches Wachstum und politische Stabilität durch eine große Zahl von Unternehmens- und Privatinsolvenzen gefährdet werden.

Der Tilgungsfonds wäre von den Staaten der Europäischen Union gemeinsam zu garantieren und zu refinanzieren, zum Beispiel mit Euro-Bonds. Die bei den Staaten verbleibenden Schulden – und alle zukünftigen Schulden – müssten die Staaten wie bisher eigenständig finanzieren. Über einen Zeitraum von 20 Jahren wäre der Fonds vollständig zu tilgen.

Leserkommentare
  1. ... zu einem Artikel mit dem Titel "Die Reichen sind die wahren Sozialschmarotzer", in dem die Autorin Katrin Hartmann in wie ich finde einleuchtender Art die momentane Situation beschreibt.

    http://www.heise.de/tp/ar...

    7 Leserempfehlungen
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    gelesen und bin schockiert. Vielen Dank für den Hinweiß. Man kann es einfach nicht glauben, was sich in unserer Republik abspielt und auch noch für normal gehalten wird. Mir fehlen die Worte.

    • gquell
    • 06. Mai 2012 16:14 Uhr

    Die Rockefellers, Rothschilds, die Mafia und alle anderen Geldhorter machen damit eines, sie kaufen vor allem Grund und Boden, aber auch Unternehmen. Sie wandeln die wertlosen Geldscheine in Sachwerte, d.h. Besitz, um.
    Dieses Verhalten ist der Hauptgrund, warum gerade diese Kreise so vehement gegen eine Vergesellschaftung von Besitzes sind. Die Gelder, die ohne entsprechende Sicherheiten der Banken von diesen als Kredit erzeugt wurden, werden benutzt, um die Welt zu kaufen. Sobald dieser Prozess nach Ansicht dieser Kreise beendete ist, wird das Währungssystem zum Abschuss freigegeben und das Spiel beginnt wieder neu.
    Erst wenn die Menschen mehrheitlich ein System durchsetzen, daß den privaten Besitz an Grund und Boden vergesellschaftet, so daß dieser nur noch gepachtet werden kann und gleichzeitig ein Geldsystem einführt, wie wir es im goldenen Mittelalter (1150-1350) hatten, bei dem das gehortetes Geld automatisch im Laufe der Zeit immer weniger wert wird, dann können wir alle diesen Prozess durchbrechen und von Lohnsklaven zu wirklichen Menschen werden.

    14 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Geld ist genug da..."
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    Um zu sehen was uns "blüht", schaut doch alle mal endlich auf Südamerika, denn hier ist es quasi überall schon so und dieses schmutzige "Spielchen" läuft z.B. in ARG alle 10-15 Jahre ab ... und danach ist die hiesige und die internationale Oligarchie und Oberschicht (die schon halb Patagonien gekauft hat!) wieder reicher und viele Andere haben wieder mal das bißchen verloren das sie sich von der Nase abgespart hatten.
    Hier wird es in den nächsten 1-2,5 Jahre wieder (gewollt) crashen und nur die Wenigsten interessierts, da jeder nur mit sich selbst beschäftigt ist.
    Es läuft genau nach dem Muster, das Sie beschrieben haben, nur dass man hier durch geschürte exorbitante Inflation und bewusste Misswirtschaft zunächst die Wirtschaft/Gesellschaft gegen die Wand fahren lässt und dann billig aufkaufen kann. Danach beginnt das Spiel von vorne und jedesmal können diejenigen, die die (aus der Luft geschöpften) monetären (Kredit-)Mittel haben noch mehr echte/reale Werte hinzukaufen - seien dies Immobilien, Land/Ländereien(!), Industrien, Wasser(rechte), Schürfrechte, usw.
    Das Land ist so schön ... doch was nutzt es, wenn die gesellschaftlichen Zustände so verrottet sind.
    All das droht uns auch in der EU - wenn wir, also die gewöhnliche Bevölkerung und die wenigen integren Politker nicht endlich etwas dagegen machen.

    ""Die Rockefellers, Rothschilds, die Mafia und alle anderen Geldhorter machen damit eines, sie kaufen vor allem Grund und Boden, aber auch Unternehmen. Sie wandeln die wertlosen Geldscheine in Sachwerte, d.h. Besitz, um.""

    Meinen absoluten Respekt , dass Sie so furchtlos auf diese Tatsache hinweisen. Vielleicht noch folgende Klarstellung ;
    Die Rothschilds , Rockefellers , Well Fargos , JP Morgans , Goldman Sachs etc. produzieren Finanzprodukte , die kein Mensch mehr verstehen bzw nachvollziehen kann , ich spreche von Zertifikaten , 'toxischen' Finanzderivate etc.
    Die Summe dieser 'toxischen' Derivate , die weltweit im Umlauf sind und Banken und sonstige Finanzinstitute unheilbar infizieren wird auf sagenhafte 700 Bill $ geschätzt , also ca. das 12-fache des Welt-BSP von 60 Bill $.
    Das **interessante** dabei ist , dass das Vemögen und der Besitz diese Gruppe der Hyper-Reichen ( das Vermögen allein der Rothschilds wird auf mind. 100 Bill. $ geschätzt ) FREI von diesen 'toxischen' Derivaten sind . Deren Bestiz ist 'grundsolide und bodenständig'.
    Mit anderen Worten ,die Derivate werden von dieser 'Gruppe' produziert und in Umlauf gebracht , ohne dass sie selbst davon betroffen ist.
    Ein Zitat , nicht unbedingt themenrelevant , ist vielleicht angebracht :

    "Wenn meine Söhne es nicht wollen, dann gibt es keinen Krieg!"
    Gudula Rothschild - Witwe von Mayer Amschel Rothschild und Mutter von fünf Söhnen, die europaweit Bankendynastien begründeten.

  2. 123. [...]

    Entfernt. Verzichten Sie auf polemische Äußerungen und unangebrachte Vergleiche. Die Redaktion/mak

  3. So sehr ich befürchte, dass Sie mit Ihrer (dramatischen und traurigen) Prognose recht haben könnten, so sehr muss ich jedoch auch Ihre persönliche Konsequenz kritisieren, zumal das - nach Ihrer Aussage "um dann den endgültigen 'Welteroberungszug' anzutreten" - für sie auch nur ein Aufgeschoben aber nicht Aufgehoben bedeuten würde!
    Wohin sind Sie denn ausgewandert - weit weg, z.B. nach Australien, Neuseeland, Chile? Zumindest beim letztgenannten Beispiel würde ich Sie nicht beneiden. Ich gehe wieder zurück nach EU, denn ich lasse mir mein Land und unseren Kontinent nicht so leicht zerstören. Es reicht was ich hier in ARG sehe und erlebe und wohin dies gesellschaftlich führt. Wenn wir aus unserer Lethargie rauskommen, haben DIE keine Chance. Wenn wir die von Ihnen erwähnten "Strukturen" jedoch in EU gewähren lassen, dann nutzt Ihnen auch das "weit weg sein" nichts mehr.

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  4. Aus Merkozy wird Merlande.So einfach ist das. Zwar nicht für den ein oder anderen von der schreibenden und sendenden Zunft oder ihre Leser und Hörer, aber für Merkel.

    Sie kann, und das hat sie in ihrer Amtsperiode mehrfach bewiesen, abends als Lordsiegelbewahrerin einer bestimmten Politik ins Bett gehen, und am anderen Morgen eben diese Politik für weltfremd erklären. Und sie kann dann eine genau entgegengesetzte Politik als alternativlos erklären, die sie dann am übernächsten Morgen wieder alternativlos durch eine andere Alternativlosigkeit ersetzt.

    Dieses Verhalten kann man einerseits als klug, hochanpassungsfähig, situationsgerecht, hochflexibel oder andrerseits als richtungslos, konzeptlos, gewissenlos, ahnungslos, getrieben, chaotisch oder volksverdummend bezeichnen. Vielleicht ist ihre Politik von all diesen Eigenschaften weniger oder mehr und vielleicht auch noch von Wetter und Beschaffenheit ihres Frühstückseies determiniert. Es ist schon fast gut, es nicht zu wissen.

    Würde Merkel als Vorstandsvorsitzende in einem Unternehmen arbeiten, so hätte bestimmt schon mal der Aufsichtsrat Kontakt zu einem Psychotherapeuten aufgenommen. Aber einen Aufsichtsrat hat Merkel als Kanzlerin nun mal nicht.

    Wenn Merkel demnächst im Gewande des Merlande die Eurobands als ultimative Alternativlosigkeit anpreist, sollten wir uns also nicht wundern. Wir sollten es schon vorher wissen.

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  5. gelesen und bin schockiert. Vielen Dank für den Hinweiß. Man kann es einfach nicht glauben, was sich in unserer Republik abspielt und auch noch für normal gehalten wird. Mir fehlen die Worte.

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  6. Warum werde ich den Verdacht nicht los, dass bei Worten wie "Mentalitäts- und Einstellungsänderung" gleich der deutsche Selbsthass heraus gekramt wird ...?
    thomas74 hat nirgendwo preußisch-deutsche Tugenden gefordert, aber vielleicht hat er einfach nur ein bisschen gesellschaftliche und individuelle Ehrlichkeit-(Selbst)Reflexion-GEMEINSINN-Altruismus-Empathie-usw. gemeint?
    Wie hätten Sie es denn gerne mit den von Ihnen (anscheinend) angehimmelten "anderen" Mentalitäten? Das von mir erlebte und leider zu weit verbreitete "me ne frego-no me importa" können Sie nicht wirklich wollen. Allzuviel ehrliche Toleranz, ehrliche Offenheit und ehrliches Interesse am Anderen und dann noch gepaart mit dem oben erwähnten Eigenschaften finden Sie dort nämlich quasi gar nicht, dafür aber umso mehr der von Ihnen erwähnten und (zu recht) kritisierten "deutschen" Mentalitäten. Es ist ein weitverbreiteter Irrtum unter Deutschen und Mittel-/Nordeuropäern, dass es bei "den" Anderen so "harmonisch-freundlich" und "locker-tolerant" zugeht.
    Daher stimme ich thomas74 völlig zu und gehe noch weiter: Wenn wir unsere Gesellschaften weiterhin demontieren und separieren lassen, dann wird nur eine sich in Formierung befindliche (korrupte) EU-Oligarchie gewinnen. Eben so wie es z.B. hier in ARG schon immer war und nicht absehbar ist, dass sich, bei der mittlerweile "tradierten" Idionsynkrasie, etwas daran ändern wird.

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    Antwort auf "Ob schon ich"
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    "Das Auflösen der Eurozone und die Wiedereinführung der Landeswährung, gepaart mit einer "Währungsschlange" in der die Wechselkurse festgeschrieben sind und nur nach Regularien verändert werden können, wäre wahrscheinlich das probateste Mittel." schreibt thomas74 und Sie schreiben

    "Wenn wir unsere Gesellschaften weiterhin demontieren und separieren lassen, dann wird nur eine sich in Formierung befindliche (korrupte) EU-Oligarchie gewinnen."

    Also doch nicht Auflösung der Eurozone?

    Abgesehen davon waren z.B. Griechenland und Spanien beliebte Urlaubsländer, etwa wegen der deutschen Mentalität und Einstellung. Sorry, aber ich träume gewiss nicht von einem Europa in deutscher Einstellung und Mentalität.

    "gesellschaftliche und individuelle Ehrlichkeit-(Selbst)Reflexion-GEMEINSINN-Altruismus-Empathie-usw. gemeint?"

    Und das verkörpert der Deutsche mit seinem Herumgehacke auf Hartz IV-Empfängern, Muslimen ohne Differenzierung. Schauen Sie sich doch die Kommentare zu den Vorgängen in Bonn (Salafisten/ProNRW) an. Es wird auf die Muslime geschimpft nicht auf die Salafisten. Hartz IV Menschen sind auch mit dem Prädikat "Säufer, Raucher, Schmarotzer" etikettiert.

  7. Um zu sehen was uns "blüht", schaut doch alle mal endlich auf Südamerika, denn hier ist es quasi überall schon so und dieses schmutzige "Spielchen" läuft z.B. in ARG alle 10-15 Jahre ab ... und danach ist die hiesige und die internationale Oligarchie und Oberschicht (die schon halb Patagonien gekauft hat!) wieder reicher und viele Andere haben wieder mal das bißchen verloren das sie sich von der Nase abgespart hatten.
    Hier wird es in den nächsten 1-2,5 Jahre wieder (gewollt) crashen und nur die Wenigsten interessierts, da jeder nur mit sich selbst beschäftigt ist.
    Es läuft genau nach dem Muster, das Sie beschrieben haben, nur dass man hier durch geschürte exorbitante Inflation und bewusste Misswirtschaft zunächst die Wirtschaft/Gesellschaft gegen die Wand fahren lässt und dann billig aufkaufen kann. Danach beginnt das Spiel von vorne und jedesmal können diejenigen, die die (aus der Luft geschöpften) monetären (Kredit-)Mittel haben noch mehr echte/reale Werte hinzukaufen - seien dies Immobilien, Land/Ländereien(!), Industrien, Wasser(rechte), Schürfrechte, usw.
    Das Land ist so schön ... doch was nutzt es, wenn die gesellschaftlichen Zustände so verrottet sind.
    All das droht uns auch in der EU - wenn wir, also die gewöhnliche Bevölkerung und die wenigen integren Politker nicht endlich etwas dagegen machen.

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