NationalsozialismusOpas Krieg

Ein junger Historiker interviewt seinen Großvater, steigt ins Archiv und prüft die Erinnerungen. Die Geschichte eines ungewöhnlichen Buches von 

Der Großvater sagt: »Die wollten uns kaputtmachen«, die Westmächte, Versailles 1919. Der Enkel schreibt: »Zahlreiche Einstellungen, die später den Nationalsozialismus stützten, waren auch in der Familie meines Großvaters vorhanden«, die Empörung über den »Schandfrieden«, die Leugnung der Kriegsschuld.

Der Großvater sagt: »Goebbels hatte ja einen Klumpfuß und hinkte. Und da haben wir immer gesagt: Lügen haben kurze Beine.« Der Enkel liest die Briefe der Großeltern. 1943, Wollt ihr den totalen Krieg? »Ich bin auch so froh und glücklich über die Reaktion, die diese Rede bei Dir hatte«, schreibt die Großmutter. »Genau wie Du, Lieber, habe ich gefühlt, dass diese große Rede [...] für unser Schicksal von weittragender Bedeutung ist!«

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Der Großvater sagt: »Da habe ich nichts von mitgekriegt.« Gemeint sind die verbrecherischen Wehrmachtbefehle, Juni 1941, Überfall auf die Sowjetunion. Der Enkel geht ins Archiv, 79. Infanteriedivision. Er kommt zu dem Schluss: »Offenbar hat mein Großvater erheblich mehr gesehen und gewusst, als er [später] einzugestehen bereit war.« Eine Zeit lang sei er sogar selber derjenige gewesen, der zu entscheiden hatte, ob gefangene Rotarmisten sofort erschossen werden oder nicht.

Moritz Pfeiffer

geboren 1982, arbeitet als Historiker im Dokumentationszentrum Wewelsburg. Sein Buch Mein Großvater im Krieg 1939–1945 ist soeben im Donat Verlag erschienen (214 S.; 14,80 €).

Der Großvater erzählt. Der Enkel fragt, zeichnet auf. Der Großvater hat seine Erinnerung, der Enkel das Handwerkszeug des Historikers. Er liest die Forschungsliteratur, entstaubt das Familienarchiv, er wälzt die Quellen. Daraus wurde 2007 eine Magisterarbeit an der Universität Freiburg. Jetzt ist sie als Buch erschienen: Mein Großvater im Krieg 1939–1945. Erinnerung und Fakten im Vergleich. Systematisch stellt es die Familiengeschichte der Forschung gegenüber: Wo weicht das eine vom anderen ab? Wo geht das eine im anderen auf? Und inwieweit erhellt die kleine Geschichte die große und umgekehrt? Der Autor, Moritz Pfeiffer, geboren 1982, arbeitet heute als Wissenschaftler im NS-Dokumentationszentrum Wewelsburg, der ehemaligen Kult- und Schulungsstätte der SS bei Paderborn.

Im Jahr 2005, als alles begann, hatte er gerade Harald Welzers Studie Opa war kein Nazi gelesen. Die dritte Generation nach 1945 und wie sie die lieben Großeltern freispricht von Schuld.

Haben Sie sich darin wiedererkannt?

»Nein. Aber nach der Lektüre war mir umso klarer: Ich will das anders machen.«

Moritz Pfeiffers Großvater wurde am 10. März 1921 geboren. Er hat 1939 im Polenfeldzug gekämpft, war 1940 in Frankreich dabei, 1941/42 schließlich nahm er am Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion teil. Seine Frau, zwei Jahre älter, war 2005 schon zu schwach, um noch ausführlich befragt zu werden. Aber sie saß oft dabei, wenn der Enkel das kleine Gerät mit dem Mikrofon aufbaute. Noch dachte er nicht daran, das Erzählte einer kühlen Analyse zu unterziehen. Er wollte einfach die Erinnerungen bewahren, tippte die Bänder ab, ließ die losen Blätter binden. »Das war der Renner zu Weihnachten«, sagt er. Die Familiengeschichte, vom Opa erzählt. Ein schönes Geschenk.

Natürlich seien ihm die Unstimmigkeiten aufgefallen. Einerseits wollte der Großvater von vielem nichts gewusst haben: von Massenerschießungen, von Deportationen, von Mordbefehlen. Andererseits der Satz: Aber dagegen konnte man nichts tun. Wogegen man nichts tun konnte, konstatiert der Enkel nüchtern, davon musste man aber doch wohl gewusst haben. Hinter der Front, da haben wir das nicht mitbekommen, sagt der Großvater. Und dann: Wir waren vorn ja an der Front, da bekam man das nicht mit. Wo war er wirklich im Einsatz?

Moritz Pfeiffer begann, die Erinnerungen seines Opas der Quellenkritik zu unterziehen. »Mein Professor hat mich dann dazu ermutigt, daraus meine Abschlussarbeit zu machen.«

Leserkommentare
    • CoMiMo
    • 07. Mai 2012 19:24 Uhr

    [...], die Leugnung der Kriegsschuld.[...]"

    Ist damit der Erste oder der Zweite Weltkrieg gemeint?

    Wenn der Erste Weltkrieg:
    Ist dies die Aussage vom Kollegen Pfeiffer oder von der ZEIT, in dem Fall von Herrn Staas?

    5 Leserempfehlungen
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    @1. Nach dem zweiten weltkrieg gab es in der hinsicht nicht viel zu leugnen. "Leugnen der Kriegsschuld" ist ganz klar auf den ersten bezogen, stichwort Attentat auf Franz Ferninand. Und zum thema "Schandfrieden" kann man nur sagen, dass es ein ganz klares ziel der westmächte war, den imperialen newcomer deutsches reich zu zerschlagen bzw zu verkrüppeln (66 jahre reparationszahlungen etc). So einfach treibt man ein ganzen volk in den extremismus. Verglichen damit wirkt sogar die heutige außenpolitik vernünftig :)

    Der Kommentar wurde wieder hergestellte. Die Redaktion/fk.

    ...daß Herr Staas Ihnen die Antwort schuldig bleibt.
    Würde mich auch brennend interessieren!

    stützten, waren auch in der Familie meines Großvaters vorhanden." Folgt: Die Leugnung der Kriegsschuld. Aus dem Kontext ergibt sich also klar, dass der 1. Weltkrieg gemeint ist, da die Leugung der Schuld für den zweiten Weltkrieg schlecht später den Nationalsozialismus stützen konnte.
    Aber das werden Sie selbst bemerkt haben, es ist allzu offensichtlich worauf Sie hinauswollen.

  1. Soll das hier als etwas neues verkauft werden? Das wird doch schon seit Jahrzehnten in den Medien und der Wissenschaft widergekäut: das vermeintliche Nichtwissen und das Beschönigen der rabenschwarzen deutschen Periode. Und einigermaßen bewußte Leute, die mit den älteren Generationen aufgewachsen und gesprochen haben, wissen das doch auch und schon längst. Also ein bißchen kalter Kaffee.

    7 Leserempfehlungen
    • TS2012
    • 07. Mai 2012 19:33 Uhr

    Wenn man die Taten seiner eigenen Familie recherieren will, wo faengt man, welche Schritte sind noetig? .

    Ich lebe mittlerweile in den USA, wuerde aber gerne bei meinem naechsten Besuch in ein Archiv/Gedenkzentrum fahren um selber zu recherieren. Ich denke dieses Buch und der Artikel in der Zeit sind sehr wichtig um die Verbindung zu dem dunklen Kapiteln unserer Geschichte wach zu halten.

    3 Leserempfehlungen
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    @TS2012

    Am Besten erst einmal die Geschichte der Großeltern schriftlich erfassen, dann dürftest du die wichtigsten ORte und Eckdaten zusammenkriegen(Wohnort vor und während des Krieges, bei Kriegsteilnehmern Einsatzorte, Dienstgrad und Truppenteil - manche können sich gerade daran ziemlich genau erinnern) denn das PRoblem daran ist ja dass die Zeitzeugengeneration langsam ausstirbt. Auch auf die Gefahr hin, dass nicht alles erzählt wird was passiert ist - aber genau dass kann man ja dann prüfen.

    • konne
    • 08. Mai 2012 0:13 Uhr

    auch mich würde so etwas interessieren denn auch bei miener Familie sind viele ungeremtheiten. Ich lebe jetzt schon 30 Jahre in Spanien. Wo fängt man an zu recherchieren? git es einen link danke

  2. Einer meiner Großväter war von 1939 bis zur Kapitulation Soldat in der Wehrmacht. Als Konsequenz darauf, oder vielleicht aus Überzeugung, ist er später Kommunist geworden.
    Ich will mich hier nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, aber letztendlich hat er lediglich den Nationalismus abgeschworen.
    Den Untertanengeist gegenüber der Kommunistischen Partei hat er beibehalten.
    Aufgrund einer Schlägerei kam es zu einem Parteiausschlussverfahren.
    Offensichtlich gab es nichts Schlimmeres für ihn, als dieses Parteiverfahren. Umso glücklicher war er, als er doch nicht ausgeschlossen wurde.
    Genauso hatte er kein Problem mit der Gründung und mit der Bewaffnung der DDR Armee.

    Also, was ich damit sagen will: Die Ursache für die Verbrechen der Nazis und ihren Soldaten liegt viel tiefer als in der "Schande von Versailles". (So wird es übrigens heute noch in der Schule unterrichtet.)

    Bis auf den Nationalismus hat mein Opa sich nicht großartig geändert. Der Untertanengeist und er Militarismus sind in abgeschwächter Form erhalten geblieben.

    In der Schule werden Hitlers Wahlerfolge fast ausschließlich auf die hohe Arbeitslosigkeit und den Versailler Vertrag zurückgeführt. Doch das greift etwas zu kurz, oder nicht?

    Um es kurz zu machen:
    Nach dem Lesen von "Der Untertan" ist mir klarer geworden, das wohl eher der Untertanengeist, Militarismus und Nationalismus der eigentliche Nährboden für die Verbrechen seien könnten - nicht der "Schandfrieden".

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    diesen Kommentar, dem ich trotzdem widerspreche: Der Untertanengeist, der deutsche Gehorsam hat zwei Weltkriege und den Massenmord an den Juden ermöglicht, DARIN haben Sie recht. Ohne wenn und aber.

    ABER dass der gehorchende deutsche Soldat in diese Richtung gelenkt werden konnte, setzt noch etwas anderes voraus, nämlich Lenker, Kaiser, "Führer", die verantwortungslos genug waren, ihn in diese Richtung zu lenken.

    Das Fatale an der deutschen Geschichte war eine giftige Mischung aus Gehorsamstrotteln einerseits und in sich unkontrollierten bis anarchischen Oberhäuptern andererseits. Sowohl Willi II. als auch Adolf H. konnten mit Reden, die man heute nur mit Staunen ob ihrer blanken Unvernunft lesen kann, die gehorsamsbegierigen Massen begeistern - mit einem verbalen "über die Stränge schlagen", das sich keiner der Jubler selbst getraut hätte. Der kleinen disziplinierten Welt der Gehorsamen verschafften diese Führer die Ausbruchsmögichkeit in explodierende Freiheit allen "Feinden" gegenüber. Ohne Gehorsamstrottel wäre Hitler eine Witzfigur geblieben, ohne Hitler hätten sie wohl historisch harmloseren Befehlshabern gehorcht - mit weniger Begeisterung.

    Worin ich ihnen nun widerspreche: Der "Untertan" ist als Buch verunglückt. Was hilft uns die Karikatur eines Gehorchenden, wenn der Befehlshaber und dessen Verführungskraft nicht mit in den Blick genommen wird?

    ...lag an den Genen? Oder könnte es sein, daß er propagandistisches Opfer der damaligen deutschen Konzernpresse und des Staatsfunks geworden war? Vielleicht wurde er auch schon damals zum Ermächtigungsgesetz nicht gefragt?

    ...und wenn Sie mal ganz genau die Gegenwart (!) analysieren, könnten Sie eventuell feststellen:

    "Geschichte wiederholt sich zwar nicht, aber sie reimt sich" (Heiner Müller, BE)

    Ich hab die Befürchtung, die nachwachsende Generation wird auch mißbraucht - und merkt es nicht mal...

    Ihre "Begründungen" sind schon ziemlich dünn: Der Vertrag von Versailles hat nachweislich großen Einfluss für den grundlegenden Wahlerfolg der NSDAP im März '33 gehabt. In einer Depression wurde Deutschland die Möglichkeit zur Refinanzierung genommen, v.a. durch eine Austeritätspolitik der USA. Gleichzeitig stellten die Reparationsforderungen eine starke Belastung für das Reich dar.
    Die Folgen waren in Deutschland verheerend. Erst danach war die NSDAP - und mit tatkräftiger Unterstützung des Großkapitals, sowie der "alten Eliten" - bei Wahlen erfolgreich.

    Überhaupt scheint es mir nur sehr schwer begründbar zu sein, dass in D wesentlich mehr als in anderen europäischen Ländern, wie z.B. Frankreich, "Untertanengeist" und Militarismus vorherrschten.

    So nebenbei ist es auch schon ziemlich wohlfeil Menschen die über Jahrhunderte - auch durch ausländische Mächte - ins Untertanentum gepresst wurden dafür später verantwortlich zu machen.

    Frei nach Schiller: "Vom sicheren Ufer lässt sich's gemächlich raten."

  3. Eine Generation dazwischen reicht nicht, um persönliche Nähe auszuschalten. Der Großvater ist noch ein Mensch, zu dem man eine persönliche Bindung aufgebaut hat, der Teil der eigenen Biographie ist. Erst bei der Urgroßelterngeneration fängt Geschichte an, die man dann auch leichter möglichst objektiv beurteilen kann. Das ist bei diesem Abschnitt der deutschen Geschichte umso schwerer, da es ja nicht um ein paar Ausnahmen geht, deren Handlungen man aufarbeitet. Das fatale am Dritten Reich war, dass es eine breite Basis in der gesamten Bevölkerung hatte, nennenswerten Widerstand gab es nicht, das Ende des Regimes kam von außen. Dadurch wird man in fast jeder Familie Wunden aufreißen.

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    "dass es eine breite Basis in der gesamten Bevölkerung hatte"

    Das mag sein, aber die Richtung war nach dem Vertrag von Veraille absehbar:
    http://www.dradio.de/dkul...

    Bezeichnenderweise beendete erst Hitler diesen Vertrag und nicht das Weimarer Parlament und er gab damit vielen erstmals wieder Hoffnung, leider eine sehr trügerische.

    "nennenswerten Widerstand gab es nicht"

    Eine Beleidigung für alle die ihr Leben dem Widerstand geopfert haben:
    http://de.wikipedia.org/w...

    Das Widerstand in einer brutalen Diktatur eine schwierige Sache ist, dürfte sich rumgesprochen haben und von 32-39 war nicht viel Zeit. Danach war ein Großteil der jungen Männer permanent im Ausland und die Frauen mit überleben beschäftigt.

    "Dadurch wird man in fast jeder Familie Wunden aufreißen."

    Die sind wohl eher persönlicher Natur, Verdrängung ist ein recht gutes Mittel um mit schwer verarbeitbaren Traumata umzugehen. Die menschliche Psyche ist da sehr flexibel.

    Meine Großeltern waren im Krieg junge Leute, ein Großvater musste kämpfen, der andere hatte Glück, weil der Krieg gerade endete, als man ihn eingezogen hat.

    Schade dass ich so jung war und mir nur wenig aus den seltenen Erzählungen gemerkt habe, jetzt sind mittlerweile alle gestorben...

  4. dazwischenliegt, der »Rücksichtslosigkeit« ein Anliegen sein musste, die ist die Generation die sich in der selbstgewählten Hybris sonnt, sie hätte sich sicher besser verhalten. Das nicht ganz zu verdrängende unterschwellige Ahnen, dass dies zumindest zweifelhaft sein dürfte, hat zu der geübten rücksichtslosen Attitüde geführt. Zum Glück verschwindet diese Generation so langsam von der Bühne, Was nachkommt wird man sehen.

    2 Leserempfehlungen
    • H.v.T.
    • 07. Mai 2012 20:03 Uhr
    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Wo faengt man an?"
  5. ...eine Empfehlung!

    Bin Jahrgang 1951, war in der Jugend voller Unverständnis - wie viele andere auch - meinen Eltern gegenüber.

    Es flogen nicht nur die Fetzen!

    Meine Eltern leben nicht mehr, Ereignisse aus meiner Kindheit und Jugend hatten sich "eingebrannt".

    Ich bin kein Einzelfall, leider schreiben sich Dinge immer weiter fort.

    Durch Zufall und mit Dankbarkeit bin ich auf ein Buch gestossen.

    http://www.dradio.de/dlf/...

    Ich vesrtehe jetzt gewisse Dinge besser, ich konnte sie auch abarbeiten.

    Verhaltensmuster habe ich an meine Söhne weitergegeben - unbewusst.

    Bewusst arbeiten wir gewisse "falsche" Wege gemeinsam ab.

    Zu Wohle der Familie und des persönlichen Lebens.

    Wer offen ist sein Verhalten und seine Jugend zu überprüfen - gönnen Sie sich die Investition.

    Aus der Reihe gibt es 2 weitere hilfreiche Bücher - zum Verstehen der vorigen Generation und des eigenen Verhaltens.

    2 Leserempfehlungen

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