Lassen wir den "Schwarzen Sonntag" von Athen und Paris einen Moment beiseite, zumal in beiden Hauptstädten die Machtfrage nicht geklärt ist : In Frankreich muss François Hollande in den Juni-Wahlen noch die Parlamentsmehrheit erobern; in Griechenland kann es nach dem Debakel der Koalition rasch zu Neuwahlen kommen. Vorerst gilt die Schlagzeile der Ta Nea: "Albtraum der Anarchie".

Wenden wir uns lieber dem Urquell der Misere zu, dem Niedergang Europas. Dessen Wachstumswunder ist Geschichte – und damit auch das Lebenselixier der Integration. Die Zahlen für die EU-15 – die alte Kern-Union – sprechen eine grausame Sprache. In den Siebzigern wuchs sie um 3,2 Prozent. In den Achtzigern waren es 2,5, in den Neunzigern 2,2, im vergangenen Jahrzehnt 1,2 Prozent. Gewiss, der Crash hat alle erwischt, aber hier geht es weiter bergab. Mehr als ein Prozent wird es 2012 nicht sein.

Der lange Abstieg vom märchenhaften Reichtum ist also älter als Crash und Schuldendesaster. Aber die Krise hinter der Krise ficht die Gewinner vom Sonntag nicht an. Triumphiert hat der Protest gegen eine Wirklichkeit, die schmerzhaften Wandel fordert. Der Widerstand will die Mauern des Nationalstaates zurückhaben, die Globalisierung und Integration geschleift haben. Er träumt von einem Staat, der versorgt und verwöhnt, der, hinter seinen Zinnen hockend, den Feind vertreibt: "Brüssel", Merkel oder "die Märkte".

Bloß lässt sich dieser Staat nicht mehr finanzieren. Nehmen wir Frankreich. Dessen Staatsschulden sind in nur 22 Jahren von 35 auf 90 Prozent vom BIP angeschwollen. Das Land verzeichnet im Handel ein Rekorddefizit von 70 Milliarden Euro: au revoir, Wettbewerbsfähigkeit. Die EU-15 ächzt in diesem Jahr unter einem Refinanzierungsbedarf von 1,8 Billionen. Oder so: Athen muss sich 35 Prozent des Bruttoinlandsprodukts borgen. Frankreich 17.

Der Bundeskanzlerin darf man raten: Bleibe stark – und hilf

Womit also will Hollande die Geschenke bezahlen ? Wie die Rekordarbeitslosigkeit von zehn Prozent abbauen, wenn er den Mindestlohn anheben will? Wie die Jugendarbeitslosigkeit (22 Prozent) abschmelzen, wenn er den vereisten Arbeitsmarkt nicht anpackt, der die Nation zweigeteilt hat: hier die fast Unkündbaren, dort die Jungen? Das Volk träumt, der Gewählte gaukelt.

Und Angela Merkel ist allein zu Haus, der probate Prügelknabe, der Europa mit Geiz und teutonischer Arroganz von der Gesundung abhält. Eine hübsche Fiktion, doch mit zwei hässlichen Flecken. Erstens flirten in Euroland alle mit der Pleite, die nicht nur der Rezession, sondern auch Jahrzehnten der Verschwendung geschuldet ist. Deutschland kann vielleicht Athen retten, nicht aber die großen drei: Frankreich, Italien und Spanien.

Zweitens lenkt das Merkel-Bashing ab von der eigentlichen Krankheit, die Dr. Keynes – noch höhere Defizite, noch billigeres Geld – nicht heilen kann. Der Staat kann Straßen bauen (darf sich für die Investition auch verschulden), aber Europas Wettbewerbsfähigkeit nicht allein wiederherstellen. Die welkt, wenn der Staat noch größer wird – siehe Frankreich, wo er 56 Prozent der Wirtschaftsleistung auffrisst. Sie blüht auch nicht in eingemauerten Arbeitsmärkten, wo es die Insider bequem haben und die Outsider in der Stütze kampieren. Je mehr der Staat für den Schuldendienst abgreift, desto weniger Kapital bleibt für Existenzgründung und Unternehmens-Expansion.