Euro-Krise : Vorbild Schröder

Ohne gemeinsame Disziplin geht der Euro zugrunde. Daran ändern auch die Wahlerfolge der Reformgegner in der EU nichts.
Aktivisten in Berlin tragen Masken von Angela Merkel und François Hollande. © John MacDougall/AFP/GettyImages

Lassen wir den "Schwarzen Sonntag" von Athen und Paris einen Moment beiseite, zumal in beiden Hauptstädten die Machtfrage nicht geklärt ist : In Frankreich muss François Hollande in den Juni-Wahlen noch die Parlamentsmehrheit erobern; in Griechenland kann es nach dem Debakel der Koalition rasch zu Neuwahlen kommen. Vorerst gilt die Schlagzeile der Ta Nea: "Albtraum der Anarchie".

Wenden wir uns lieber dem Urquell der Misere zu, dem Niedergang Europas. Dessen Wachstumswunder ist Geschichte – und damit auch das Lebenselixier der Integration. Die Zahlen für die EU-15 – die alte Kern-Union – sprechen eine grausame Sprache. In den Siebzigern wuchs sie um 3,2 Prozent. In den Achtzigern waren es 2,5, in den Neunzigern 2,2, im vergangenen Jahrzehnt 1,2 Prozent. Gewiss, der Crash hat alle erwischt, aber hier geht es weiter bergab. Mehr als ein Prozent wird es 2012 nicht sein.

Der lange Abstieg vom märchenhaften Reichtum ist also älter als Crash und Schuldendesaster. Aber die Krise hinter der Krise ficht die Gewinner vom Sonntag nicht an. Triumphiert hat der Protest gegen eine Wirklichkeit, die schmerzhaften Wandel fordert. Der Widerstand will die Mauern des Nationalstaates zurückhaben, die Globalisierung und Integration geschleift haben. Er träumt von einem Staat, der versorgt und verwöhnt, der, hinter seinen Zinnen hockend, den Feind vertreibt: "Brüssel", Merkel oder "die Märkte".

Bloß lässt sich dieser Staat nicht mehr finanzieren. Nehmen wir Frankreich. Dessen Staatsschulden sind in nur 22 Jahren von 35 auf 90 Prozent vom BIP angeschwollen. Das Land verzeichnet im Handel ein Rekorddefizit von 70 Milliarden Euro: au revoir, Wettbewerbsfähigkeit. Die EU-15 ächzt in diesem Jahr unter einem Refinanzierungsbedarf von 1,8 Billionen. Oder so: Athen muss sich 35 Prozent des Bruttoinlandsprodukts borgen. Frankreich 17.

Der Bundeskanzlerin darf man raten: Bleibe stark – und hilf

Womit also will Hollande die Geschenke bezahlen ? Wie die Rekordarbeitslosigkeit von zehn Prozent abbauen, wenn er den Mindestlohn anheben will? Wie die Jugendarbeitslosigkeit (22 Prozent) abschmelzen, wenn er den vereisten Arbeitsmarkt nicht anpackt, der die Nation zweigeteilt hat: hier die fast Unkündbaren, dort die Jungen? Das Volk träumt, der Gewählte gaukelt.

Und Angela Merkel ist allein zu Haus, der probate Prügelknabe, der Europa mit Geiz und teutonischer Arroganz von der Gesundung abhält. Eine hübsche Fiktion, doch mit zwei hässlichen Flecken. Erstens flirten in Euroland alle mit der Pleite, die nicht nur der Rezession, sondern auch Jahrzehnten der Verschwendung geschuldet ist. Deutschland kann vielleicht Athen retten, nicht aber die großen drei: Frankreich, Italien und Spanien.

Zweitens lenkt das Merkel-Bashing ab von der eigentlichen Krankheit, die Dr. Keynes – noch höhere Defizite, noch billigeres Geld – nicht heilen kann. Der Staat kann Straßen bauen (darf sich für die Investition auch verschulden), aber Europas Wettbewerbsfähigkeit nicht allein wiederherstellen. Die welkt, wenn der Staat noch größer wird – siehe Frankreich, wo er 56 Prozent der Wirtschaftsleistung auffrisst. Sie blüht auch nicht in eingemauerten Arbeitsmärkten, wo es die Insider bequem haben und die Outsider in der Stütze kampieren. Je mehr der Staat für den Schuldendienst abgreift, desto weniger Kapital bleibt für Existenzgründung und Unternehmens-Expansion.

Verlagsangebot

Entdecken Sie mehr.

Lernen Sie DIE ZEIT 4 Wochen lang im Digital-Paket zum Probepreis kennen.

Hier testen

Kommentare

311 Kommentare Seite 1 von 37 Kommentieren

Sehr geehrter Herr Joffe,

bitte nehmen sie doch ihre Scheuklappen ab. Es gibt tausende Möglichkeiten die Wohltaten des Staates Frankreich zu finanzieren, und wenn es eine re verstaatlichung von de gaulles geschenken an seine Freunde ist. Wir Deutschen haben laut meinen alten Atlanten auch noch sehr viele Investitionen ins Ausland getätigt. Diese richtig zu verrechnen, traue ich einer Frau Merkel nicht zu. Und was ist mit Schröders Milliardeninvestiotionen in Russische firmen, all das müsste auf Deutscher Guthabenseite auftauchen. Mathemathik ist eine Kunst, Wirtschaftsmathematik bedingt gründlichkeit. Haben wir diese noch?

Jimmy Carter Experience

Politiker, die ernsthaft Reformen fordern und dem Land wirklich helfen wollen, sind leider unbeliebt...

Beispiel Jimmy Carter 1979, als er die USA neu aufbauen wollte. Quittung: Ronald Reagan, der die USA wieder in die 50er zurückversetzt hat, den Kommunismus wieder als Diabolum (Akk. Sg.) an die Wandgemalt hat und Leuten wie Bush Sr. und Jr. den Weg geebnet hat...

Selten so etwas Kindisches gehört:

>>Der Widerstand will die Mauern des Nationalstaates zurückhaben, die Globalisierung und Integration geschleift haben. Er träumt von einem Staat, der versorgt und verwöhnt, der, hinter seinen Zinnen hockend, den Feind vertreibt: »Brüssel«, Merkel oder »die Märkte«.<< Seit wann ist ein Widerstand eine Person und kann träumen?

[...]

Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/ls

zu 4. Selten so etwas Kindisches gehört:

Ihre Kritik an Herrn Joffes Artikel:

>>Der Widerstand will die Mauern des Nationalstaates zurückhaben, die Globalisierung und Integration geschleift haben. Er träumt von einem Staat, der versorgt und verwöhnt, der, hinter seinen Zinnen hockend, den Feind vertreibt: »Brüssel«, Merkel oder »die Märkte«.<< Seit wann ist ein Widerstand eine Person und kann träumen?

Teile ich leider nicht, ich stehe dieses Mal ausnahmsweise hinter Herrn Joffes Artikel...und ich finde Herr Joffe beobachtet das Ausland genau...
Dieses: "hinter seinen Zinnen hockend, den Feind vertreibend: »Brüssel«, Merkel oder »die Märkte«" sehe ich auhc hier in Frankreich, wo ich wohne und daher besseren Einblich habe...und hoere ich auhc von Freunden in Griechenland, die noch immer meinen der Staat muss alles retten...voellig vertreumt und realitaetsfern und keine Selbstverantwortung wahrnehmend!

Schuldenbremse und Haushaltsdisziplin sind bittere Pillen für ganz Europa (am stärksten triffts im Moment Griechenland). Dies muss als Grobrahmen so stehen bleiben und ist nicht verhandelbar...
Ob es innerhalb des Grobrahmens mehr Flexibilität geben kann, ist ermessenssache...man darf aber nie das Grobziel aus den Augen verlieren!

......

[Einblich habe...und hoere ich auhc von Freunden in Griechenland, die noch immer meinen der Staat muss alles retten...voellig vertreumt und realitaetsfern und keine Selbstverantwortung wahrnehmend!]

Wissen Sie, mit Selbstverantwortung können Sie mir nicht kommen. Sie tun gerade nichts anderes, als genau das gleiche zu tun, welchen Sie es unterstellen.

Wer ausschließlich mit Selbstverantwortung argumentiert, tut nichts anderes als die eigene Verantworung von sich zu lenken.

Ich frage Sie:

1. Konnten Sie bestimmen in welchem Land Sie geboren wurden?
2. Konnten Sie bestimmen, wieviele Mögl. die Gesellschaft bietet?

Und was ist eigentlich der Staat? Der Staat sollte doch die Rahmenbedingungen für die GESELLSCHAFT anpassen und ändern - oder nicht?

Wenn Sie oder ich keine Geld haben, wie können wir auf einem geldbasierendem System Eigeninitiative zeigen, wenn Nebenwege VERBOTEN sind und man von Grund und Boden abgeschnitten ist?

Wenn ich ein Stück Boden habe, wo ich etwas anbauen und mich selbst versorgen kann, kann ich Eigeninitiative zeigen. Wenn mir aber nichts geblieben ist und der Staat mir auch dies nicht (für die Eigenverantwortung) zur Verfügung stellt, kann ich nichts machen!

Selbstverantwortung ist die Verantwortungslosigkeit der Person, die ständig damit argumentiert!

Widerstand! Was oder wer ist das?

In Europa formiert sich seit einiger Zeit ein Widerstand gegen die, die

1. mit Zins-, Derivat- und anderen Bankengeschäftengeschäften Geld verdienen, das aber nicht versteuert werden muss (der einfache Bürger aber muss auf alles, was er zum Alltagsüberleben braucht, Steuern bezahlen, von Lohn- bis Mehrwertsteuern)

2. die Arbeitsloe als Leiharbeiter auszubeuten - früher nannte man dies Sklaverei: für die selbe Arbeit, die ein Festangestellter verrichtet, bekommt der Leiharbeiter nicht etwa den selben, nein, nur einen Bruchteil des Lohns

3. das Volk ausgebeutet haben, wie jene griechischen Politiker, die die Bilanzen gefälscht haben, die aber von Merkel und Sarkozy und der EU generell weiterhin unterstützt werden

4. das Volk für ihre Politik-/Misswirtschaft in Haft nehmen wollen.

Eine derartige Wirtschaft und Politik kann und darf kein vernünftiger Mensch unterstützen. Politiker, die betrügen, muss man nicht nur nicht wählen, man darf sie nicht mehr wählen!

Es gilt, der Ausbeutung durch Politik und Wirtschaft entgegenzutreten. Wenn dann auch noch Journalisten Wähler, die nicht mehr diesen korrupten Politikern, mit denen Merkels die Verträge machten, ihre Stimmen geben, beschimpfen, dann platzen natürlicherweise die Krägen!

Gegen das Sparen und Konsolidieren hat niemand etwas. Aber die, die das Geld auf Kosten des Volkes einheimsen + missbrauchen, stehlen, sollen schließlich auch zur Rechenschaft gezogen werden. Wo leben wir denn?