Die Journaille lobt ungern die Regierenden, aber trotzdem: Ohne Schröders Agenda 2010 stünde Deutschland heute nicht so gut da. Erinnern wir uns an seine legendäre Rede im Bundestag 2003: "Wir werden Leistungen des Staates kürzen, Eigenverantwortung fordern und mehr Eigenleistung abfordern müssen." Rot-Grün senkte Steuern, lockerte den Arbeitsmarkt auf und verschärfte mit Hartz IV den Anreiz zur Arbeitssuche. Aus fünf Millionen ohne Job sind heute weniger als drei Millionen geworden; das Defizit tendiert gen null.

Ein solcher Umbau steht Frankreich und Co. noch bevor. Auf jeden Fall wird Hollande seine Versprechen brechen müssen. Das weiß er, weil er als junger Mann seinem sozialistischen Vorgänger François Mitterrand gedient hat, der 1981 mit einem ähnlichem Programm angetreten war: mehr Staat, weniger Markt. Die Quittung: Kapitalflucht, Schulden, Arbeitslosigkeit. Nach zwei Jahren wurde Saulus zu Paulus, der Umkehr und Disziplin predigte.

Nach dreißig Jahren Globalisierung und Integration hätte Hollande nicht einmal hundert Tage; auch das weiß er. Außerdem ahnt er, was neben Frankreich auf dem Spiel steht: Europa und der Euro. Deshalb führt ihn sein erster Weg nach Berlin . Der Kanzlerin darf man raten: Bleibe stark – und hilf. "Stark" heißt: Ohne gemeinsame Disziplin geht der Euro zugrunde, ohne eine blau-weiß-rote "Agenda 2015" wird Frankreich nicht gesunden. "Helfen" heißt: Wir werden alle Kraft aufbieten, um die "Brandmauern" höher zu ziehen und den Rettungsschirm breiter zu spannen. Vielleicht auch "Euro-Bonds" auflegen, um den Krisenländern billigeres Kapital zu verschaffen – aber nur Zug um Zug gegen Strukturreformen. Eine bittere Medizin, doch eine andere gibt es für Europa nicht.

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