Drohen uns hierzulande religiöse Straßenkämpfe? Gehen jetzt radikale Muslime und militante Islamhasser massenhaft aufeinander los , mit Latten und Messern, demnächst womöglich mit noch schwereren Waffen, mitten in Deutschland, im Mai 2012?

Die Bilder aus Solingen und Bonn von Glaubensfanatikern, die über die Polizei herfallen, provoziert von einer Handvoll Islamhassern, haben etwas Verstörendes. Nicht nur der bloßen Brutalität wegen – da sind manche Schlägereien in Fußballstadien eher noch schockierender. Vielmehr, weil die Gewalt religiös motiviert ist; genauer: weil die Gewalttäter ihre Straftaten religiös verbrämen. Sein Glaube, sein Gott seien beleidigt worden, hat einer der in Bonn Festgenommenen zur Rechtfertigung seiner Tat gesagt.

Religionskonflikte führen zu einem unfassbaren Hass und Furor. Diese Erfahrung hat sich dem kollektiven Gedächtnis tief eingebrannt – siehe Libanon , siehe Nordirland , siehe Balkan .

Es ist diese historische Perspektive, verbunden mit der hierzulande immer noch verbreiteten Furcht vor dem irgendwie »fremden«, irgendwie »bedrohlichen« Islam, die die Ausschreitungen von Salafisten am Wochenende in Bonn so brisant macht. 29 Beamte wurden dabei verletzt, zwei von ihnen schwer, als die radikalen Muslime mit brutaler Gewalt auf eine Mohammed-Karikatur reagierten , die Mitglieder der rechten »pro NRW «-Gruppe vor der saudischen König-Fahd-Akademie gezeigt hatten. Die Polizei spricht von einer beispiellosen »Explosion der Gewalt«, die offenbar gezielt vorbereitet worden war, die Staatsanwaltschaft hat Anklage gegen einen 25-Jährigen wegen versuchten Mordes erhoben. Man mag sich gar nicht ausmalen, was geschehen würde, wenn sich derlei wiederholen sollte. Vermutlich wäre es der sichere Weg, auch in Deutschland antiislamische Populisten in die Parlamente zu bringen.

Wäre es da nicht einfacher, billiger, politisch klüger (und der Gesundheit der Polizisten förderlich), den Frieden kurzerhand zu erzwingen? Also den islamfeindlichen Rechtspopulisten von »pro NRW« zu verbieten, mit Mohammed-Karikaturen vor Moscheen zu ziehen, so wie es der Düsseldorfer Innenminister mehrfach versucht hat?

Die Antwort haben gleich mehrere Gerichte gegeben. Sie alle haben es erlaubt, die Karikaturen zu zeigen, und sie liegen richtig damit. Denn die Meinungsfreiheit ist das Fundament der Demokratie, auch Schwachköpfe dürfen sie in Anspruch nehmen, sofern sie dabei nicht gegen Gesetze verstoßen.

Ja, die paar versprengten Mitglieder von »pro NRW« sind ebenso Extremisten wie die Salafisten , sie sind ebenso Eiferer, Zündler, Verblendete. Beide Gruppen wollen die Eskalation, beide kalkulieren mit dem Fanatismus der Gegenseite, und beide gieren nach der öffentlichen Aufmerksamkeit, die ihnen die Konfrontation beschert.

Und es stimmt, Mohammed-Karikaturen ausgerechnet vor einer Moschee zu zeigen ist idiotisch. Gläubige Muslime gezielt zu provozieren ist widerlich. Aber es ist nicht verboten.

Demokratie ist keine Konsensveranstaltung, Streit ist ihr Treibstoff, solange er friedlich ausgetragen wird. Und Satire, Zuspitzung, Provokation gehören dazu, so schwer erträglich das manchmal sein mag.