SüdamerikaFrau Kirchner greift ein

Argentinien galt kürzlich noch als Paradebeispiel für ein ökonomisches Comeback. Jetzt fürchtet die Welt, dass die populistische Präsidentin alles zerstört. von Christoph Gurk

Hernán Douce hat diesen Gewinnerlook, wie man ihn manchmal bei mittelständischen Unternehmern findet: 45 ist er, braun gebrannt und drahtig, er könnte auch ein Sportlehrer sein. Douce unterrichtet aber nicht. Er lässt Strickpullis fertigen.

Das Fabrikgebäude von Andrea Sweaters liegt im Südwesten von Buenos Aires. Zwei Stockwerke, oben sitzt Douce, der Chef, in einem kleinen Büro. Unten rattern die Strickmaschinen, 24 Stunden, sieben Tage die Woche, spucken Wollpullis und dünne Strickjäckchen aus. Das meiste wird im Land verkauft, ein Teil wird exportiert, überwiegend nach Chile. Andrea Sweaters ist einer der größten Hersteller in Argentinien.

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»Kommen Sie mal mit«, sagt Douce und führt nach unten. Dort steht einer der beiden Lieferwagen seiner Firma. Immer wieder wurden sie ausgeraubt, dann hatte Douce eine Idee: Für 800 Peso ließ er »Fiestas de Cumpleaños«, Geburtstagsfeiern, auf die Seiten der Autos malen. Als Tarnung. Bis jetzt habe sie funktioniert, sagt Douce; stolz steht er neben dem Lieferwagen und sagt: »So etwas gibt es nur in Argentinien.«

Improvisieren, tricksen und das Unmögliche möglich machen: Diese Kunst muss ein Geschäftsmann in Argentinien beherrschen. Sie gehört dazu, sonst schafft man es nicht. Das hat auch damit zu tun, dass das Geschäftemachen in Argentinien ein Spiel nach Regeln ist, die sich laufend verändern.

In den vergangenen zehn Jahren hatte es eigentlich so ausgesehen, als finde das Land zu einer Art Stabilität zurück. 2003 wurde Néstor Kirchner zum Präsidenten gewählt, und er überwand eine der schwersten Krisen der argentinischen Geschichte. 2001 hatte das Land wegen einer Wirtschaftskrise damit aufgehört, seine Auslandsschulden zu bezahlen, der Zorn der Gläubiger war groß, Argentinien wurde zum Ausgestoßenen auf den Finanzmärkten. Doch unter Néstor Kirchner und seiner 2007 zur Präsidentin gewählten Frau Cristina wuchs die Wirtschaft wieder. Argentiniens Weg aus der Krise galt vielen sogar als Musterbeispiel.

Doch davon redet im Augenblick niemand mehr. Cristina Kirchner landete Mitte April einen Coup, der die Weltöffentlichkeit tief verschreckte: Die Präsidentin kündigte an, Argentinien werde die Firma YPF enteignen, die argentinische Tochterfirma des spanischen Ölkonzerns Repsol. Die Spanier beschwerten sich bitter, Investoren aus aller Welt bangten plötzlich um ihre Argentinienanlagen, auf den ersten Seiten der Weltpresse stand Argentinienschelte. Würde 2001 sich wiederholen? Würde das Land auf seinen populistischen Sonderweg zurückkehren, sich wieder mal ausschließen vom Finanzmarkt und vom internationalen Geschäft?

Von außen betrachtet, muss es so aussehen. Argentinien hat sich zuletzt zunehmend vom Weltmarkt abgeschottet, immer stärkere Handelsschranken aufgebaut. Unternehmen klagen über Schikanen. Wegen des zunehmenden Protektionismus haben EU und USA vor Kurzem Beschwerde bei der Welthandelsorganisation eingelegt. Manche vergleichen Cristina Fernández de Kirchner schon mit Hugo Chávez, reden von einer »desaströsen« Wirtschaftspolitik.

Doch beim näheren Hinsehen ist die Sache nicht so einfach. Einer, der das gut versteht, ist Hernán Douce. Der Strickwarenhersteller gehört nämlich zu denen, die von der Präsidentin und ihrer »desaströsen« Wirtschaftspolitik tüchtig profitieren. »Alles, was ich habe, verdanke ich Cristina Kirchner«, sagt er. 50.000 Strickpullis verkauft er pro Monat, das Geschäft läuft gut, gerade hat er zwei neue Maschinen gekauft.

Leserkommentare
  1. Doch für dieses Jahr geht die Regierung nur noch von fünf Prozent Wirtschaftswachstum aus, das ist fast die Hälfte des Vorjahres.

    So falsch kann die Politik dann ja doch wohl nicht sein.

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    heißt es dann hier "doch...nur noch"?
    Es ist wohl eher die Frage, wie man die Wertschöpfung stabilisieren, sozial gerecht verteilen und zum weiteren Ausbau der inländischen Produktivkräfte nutzen kann. Wichtig dürfte für einen Staat wie Argentinien auch der Binnenmarkt sein. Es ist verständlich, dass man dessen Produktivität vor Ressourcenplünderung und Dumpingkonkurrenz aus dem Ausland zunächst weiter zu schützen versucht.

  2. Moin Moin,

    erinnert ein wenig an die Situation der USA in den 1860ern. Der Norden wollte mit Zöllen seine Industrie schützen, der Süden wollte offenen Handel um Baumwolle und andere Agrarprodukte exportieren zu können.
    Der Norden gewann den Bürgerkrieg die Zölle blieben und die USA wurden die stärkste Wirtschaftsmacht der Welt.

    CU

  3. [...]

    Bei der Gelegenheit: Was ist eigentlich mit der Achse des Bösen - Venezuela? War das bis vor Kurzem nicht auch eine Weltbedrohung? Wenn ein Kapitalistenimperium so eine kleine Dorfinsel wie Cuba boykottieren und drohen muss, dann sagt es ja schon einiges über die angeblich bessere Kapitalismusdemokratie aus...

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich. Die Redaktion/ds

  4. Soviel ich gelesen habe, soll der Konzern verstaatlicht werden.

    http://www.zeit.de/wirtschaft/2012-04/argentinien-repsol-ypf

    Ist klar, dass die Kapitalisten Zeter und Mordio schreien.
    Frau Kirchner kann froh sein, dass es kein Amerikanisches Unternehmen ist. Es gäbe plötzlich einen Argentinischen Frühling.

    Man erinnere sich an Lumumba, dem ist sowas auch nicht bekommen.

  5. Tag!
    Seit Jahren haben latinoamerikanische Laender unter dem europaeischen Protektioniums darunter gelitten. Warum soll Argentinien niet protektionistich sein duerfen?

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    ...gegen die Doktrin vom freien Welthandel ist, mithin pauschal böse, vor allem dann, wenn andere das machen.

    So richtig protektionsistisch ist es ja eigentlich auch nicht, es strebt eine ausgeglichene Außenhandelsbilanz an, könnte also durchaus Vorbild für D sein. Ist auf jeden Fall um Längen nachhaltiger und sinnvoller als einseitig Exportüberschüsse per Lohndumping anzustreben.

    Die Konzerne jammern natürlich, das tun sie immer, wenn Befehle nicht befolgt werden.

  6. dann ist alles in Butter...

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    • Logeg
    • 15. Mai 2012 12:02 Uhr

    In Spanien wurden die Schulden verstaatlicht. Das ist immer erlaubt. Nennt sich dann Bad Bank. Gibts bei uns auch.
    Wer zahlt?

  7. seit Wochen im Zoll fest. Einmal aussetzen also."
    Das scheint ein wesentliches Problem im Staate zu sein: Unkalkulierbare und willkührliche Bürokratie. Laut Erfahrung Betroffener ist es schon irrwitzig, auch nur ein Geschenkpaket an die Verwandschaft in Argentinien zu schicken:
    Außer dem teuern Porto für den Versender fallen dann in Argentinien exorbitante Gebühren an, das Paket ist umständlich beim Zoll auszulösen und liege da vorher möglicherweise so lange auf Halde bis enthaltene Lebensmittel vergammelt seien.

    • herc
    • 15. Mai 2012 10:03 Uhr

    Populistisch heißt im SZ-Neusprech also nichts anderes, als das Frau Kirchner das Richtige für ihr Volk tut.

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