BetrugBeim Titelhändler

Wer die Mühe einer Promotion scheut, kann sich den "Doktor" oder "Professor" auch einfach kaufen. Einblick in eine verschlossene Branche von Egmont R. Koch

Es war »ein durchaus angemessener, würdiger Rahmen«, erinnert sich Hans Volkmar* an seine Ernennung zum Professor für Wirtschaftswissenschaften. In einer Villa am Stadtrand von Solingen, umrahmt von moderner Kunst, überreichen ihm der Hausherr, Professor Claus Dieter Wielowski, und dessen Freund Damir Baitalow, ein Ordinarius aus Russland, die Ernennungsurkunde zum Professor der Pädagogischen Universität Moskau.

Es folgen kurze Ansprachen, ein Lehrvertrag wird unterzeichnet; am Ende stoßen die drei Männer auf der Terrasse mit Champagner an. Volkmar, der sein Geld als Unternehmensberater verdient, verfügt zwar über keinen Doktortitel, nicht einmal ein Studium hat er abgeschlossen. Dennoch kommt ihm die Ernennung zum Hochschullehrer in Russland damals »irgendwie gerechtfertigt« vor.

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Zehn Jahre ist die Berufung jetzt her – und Volkmar ist sie inzwischen nur noch »hochnotpeinlich«. Sein Titel hat ihm zwar den erhofften Karriereschub eingebracht, am Ende jedoch vor allem Ärger. Claus Dieter Wielowski dagegen residiert noch immer in der Villa mit den vielen Gemälden. Und damals wie heute vermittelt der einstige PR-Berater der Pharmabranche akademische Titel aus fernen Ländern.

Im Bürotrakt des Solinger Anwesens hat die Medior GmbH ihren Sitz. Das Unternehmen bietet auf seiner Website viele Dienste an: Public Relations, Lobby-Industriepolitik, Marktforschung, Vermarktung »ethischer Produkte«. Von Promotionsberatung und Titelvermittlung ist da indes keine Rede, die ergeben sich vielmehr aus Kleinanzeigen der Firma, etwa in den VDI nachrichten vom 29. Juli 2011: »Dr. Studien – anerkannt-führbar, berufsbegleitend, alle Fachrichtungen«, heißt es in holprigem Deutsch, aber fetten Lettern.

Seit vor rund einem Jahr Karl-Theodor zu Guttenberg des Plagiats überführt wurde und in der Folge immer mehr Doktorarbeiten von Politikern ihre Schwächen offenbarten (bis hin zu jener der Bundesbildungsministerin) ist klar geworden, dass längst nicht jeder »Dr.« den Fleiß in seine Promotion gesteckt hat, den man mit diesem Titel eigentlich verbindet. Allerdings erfordert das Schummeln oder auszugsweise Abschreiben in einer real vorhandenen Doktorarbeit immerhin eine gewisse intellektuelle Anstrengung.

Für diejenigen, die selbst diese scheuen, steht eine Branche bereit, die gerne im Verborgenen arbeitet: die Titelhändler. Sie vermitteln nicht mehr, wie zu Zeiten des legendären Konsuls Hans-Hermann Weyer, einen Baron, Freiherrn oder Grafen vor dem Namen, sondern ein Diplom, einen Doktorhut oder eine Professur. Denn ein akademischer Titel ist heute nicht nur für Politiker, sondern für Vertreter vieler Berufsgruppen eine verlockende Aussicht – fürs Ego, für die Karriere, für ein besseres Gehalt oder für alles zusammen.

Im Internet offerieren zwei bis drei Dutzend Berater und Agenturen ihre Doktor-Dienste. Ihre wichtigste Zielgruppe: Anwälte, Makler, Unternehmensberater, Manager und Ärzte, die im Berufsleben stehen und nicht die Zeit für eine langwierige Dissertation aufbringen. Die Promotionsberater vermitteln Titel ausländischer Hochschulen, meist in Osteuropa oder auf fernen Kontinenten, die keine allzu großen Ansprüche stellen – wenn überhaupt. Sie helfen bei der Übersetzung in die jeweilige Landessprache oder beim Verfassen der Doktorarbeit selbst. Wenig ist seriös, vieles zweifelhaft, manches kriminell.

Im Grunde genommen sei »die Ausgangslage schon beim ersten Beratungsgespräch in einer Agentur völlig klar«, sagt der Münchner Universitätsprofessor Manuel R. Theisen, der seit Jahren versucht, den Doktormachern das Handwerk zu legen. »Beide Seiten wissen: Du bekommst Geld, und ich bekomme einen Titel.« 25.000 bis 40.000 Euro muss man für einen solchen Doktorhut anlegen, für ein Diplom oder eine Professur etwas weniger. Zwar sind alle Titel im Prinzip wertlos, weil bei uns nicht anerkannt. Doch das Risiko, irgendwann wegen falscher Lorbeeren aufzufliegen, ist eher gering, wie die Geschichte des Claus Dieter Wielowski exemplarisch zeigt.

Wer sich auf die Anzeige in den VDI nachrichten meldet, wird meist zu einem persönlichen Gespräch in Solingen eingeladen. Dort erfährt man von Wielowski, dass seine Firma zur EuroSwiss Universität in Schaffhausen in der Schweiz gehöre, einer »privaten Hochschule für Erwachsenenbildung«. Deren Kollegium betreue die Auslandspromotionen. Die EuroSwiss ihrerseits arbeite mit Partneruniversitäten unter anderem in Liberia und Panama zusammen. Das klingt zwar nicht gerade nach dem Nabel der akademischen Welt – aber die meisten Interessenten erwarten ja auch keinen Harvard-Abschluss. Und Wielowski versteht es, sich mit Charme und Witz in Szene zu setzen.

Leserkommentare
  1. Für dieses Problem gibt es eine einfache Lösung: akademische Titel ab dem Dr. oder PhD sollten nur noch dann geführt werden, wenn die entsprechende Person hauptberuflich an einer Hochschule oder Forschungseinrichtung arbeitet.

    Dann haben die Hochstapler keinen Anreiz mehr und die echten Akademiker werden nicht mehr ständig in den Schmutz gezogen.

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    "Für dieses Problem gibt es eine einfache Lösung: akademische Titel ab dem Dr. oder PhD sollten nur noch dann geführt werden, wenn die entsprechende Person hauptberuflich an einer Hochschule oder Forschungseinrichtung arbeitet."

    Absolut richtig. Ich würde da sogar noch einen Schritt weiter gehen und das "... sollten nur noch dann geführt werden ..." in ein "dürfen nur noch dann geführt werden ..." und das Verwenden eines Dr. ausserhalb der akademischen Felder gesetzlich unterbinden.

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf unsachliche Behauptungen. Danke, die Redaktion/au.

    die sie da haben.

    Das Führen eines Bachelor-, Master-, Magister-Titels oder eines Diploms wird dann natürlich auch allen untersagt, die nicht Vollzeit an einer Forschungseinrichtung arbeiten.
    Schließlich gibt es ja den Grundsatz der allgemeinen Gleichbehandlung.

    Und deshalb werden natürlich auch alle Betriebswirte, Techniker, Gesellen, Meister und Bäckereifachverkäuferin ihren Titel nicht mehr ausserhalb der Berufsbildende Schule oder sonstigen Weiterbildungseinrichtung führen.

    Ich hab selten solchen Unsinn in der Diskussion gelesen wie der von Ihnen verzapfte, Herr "Doktor".

  2. Ihre wichtigste Zielgruppe: Anwälte, Makler, Unternehmensberater

    100% FDP-Klientel

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    immer wieder wiederholen, wird er auch nicht richtiger. Bekommen Sie denn Rabatt?

  3. Auf der einen Seite ist das doch verdammt dreist, auf der Anderen muß man vor soviel krimineller Energie shcon fast den Hut ziehen.

    Was mich aber wirklich unglaublich aufregt ist folgender Teil:
    "Im Rahmen einer Werbekampagne für das neue Bio-Siegel, mit dem die damalige grüne Ministerin Renate Künast biologische Lebensmittel aufwerten wollte, wurde »Prof. Dr. Wielowski« als »einer der führenden Kreativitätsforscher der internationalen Wirtschaftsszene« vorgestellt."

    Liebe Freunde in der (damaligen) Regierung: Wenn ihr schon unbedingt nen Akademiker braucht, um euren Schrott zu bewerben, dann sorgt wenigstens dafür, dass der auch ein KLEINES bisschen was taugt. Ich mein, die werden ja in dem Ministerium (hoffentlich?) wissen, wie man eine international annerkannte Korrifäe von einem Scharlatan unterscheidet. Da muß es ja ein eingiermaßen funktionierendes System geben, denn irgendwie muß da ja festgestellt werden, wer als Experte geladen wird und wer nicht. Oder ziehen die da etwa Stäbchen und der mit dem kürzesten muß dann für 10 Minuten den Experten spielen? oO

    Und die gleiche Fr. Künast will mit ihrer grünen Kommödiantentruppe also zurück an die Regierung? Na herzlichen Glückwunsch...

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    die einfach keinen Echten für ihre Zwecke finden können und mussten somit auf einen Hochstapler zurückgreifen ... ???

  4. "Für dieses Problem gibt es eine einfache Lösung: akademische Titel ab dem Dr. oder PhD sollten nur noch dann geführt werden, wenn die entsprechende Person hauptberuflich an einer Hochschule oder Forschungseinrichtung arbeitet."

    Absolut richtig. Ich würde da sogar noch einen Schritt weiter gehen und das "... sollten nur noch dann geführt werden ..." in ein "dürfen nur noch dann geführt werden ..." und das Verwenden eines Dr. ausserhalb der akademischen Felder gesetzlich unterbinden.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "not cool"
  5. die einfach keinen Echten für ihre Zwecke finden können und mussten somit auf einen Hochstapler zurückgreifen ... ???

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    Antwort auf "Meine Güte!"
  6. Bei mir in der Gegend gibt es zahlreiche Anwaelte, Aerzte und Ingenieure fast jeder Art, die ihren verschiedenen "akademischen" Titeln meist aus osteuropaeieschen Staaten, aber auch aus arabischen, wie Jordanien oder Palaestina, ohne Berechtigung erhalten haben. Auch aus manchen Universitaeten westeuropaeiescher Staaten und Israels Fachhochschulen, wurden akademischer Titel unberechtigt verliehen. Ich sage unberechtigt, weil ich persoenlich viele diese Titeltraeger, die von tuten und blasen wirklich keine Ahnung haben, kenne. Man koennte sie gar als analphabeten bezeichnen, weil deren Sprachniveau, fachlicher und allgemeiner Wissensstand vieles zu wuenschen uebrig laesst. Das aergerliche dabei ist, dass die Zustaendigen im Lande diese Menschen auf uns los lassen.

  7. "Du bekommst Geld, und ich bekomme einen Titel.« 25.000 bis 40.000 Euro muss man für einen solchen Doktorhut anlegen, für ein Diplom oder eine Professur etwas weniger.

    Kann mir jemand sagen, warum eine Professur weniger kostet, als ein Dr. ? Meint "Professur" in den betreffenden Ländern einfach Lehrerlaubnis im weiteren Sinn?

    Was ich ansonsten gelernt habe: längst nicht alle Titelträger tragen ihren Titel zu Recht. Aber manchen kann man eine ebenbürtige Intelligenz nicht absprechen.

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    An einer Fachhochschule können Sie zum Professor berufen werden, ohne vorher promoviert zu haben - daher ist der "Prof." vielleicht "billiger" :-(

  8. Die meisten Ärzte und viele Rechtsanwälte besitzen einen Doktortitel, um ihren (dummen) Kunden zu imponieren.

    Dabei bedeutet der Doktortitel lediglich, dass sich der Titelinhaber mit einem klitzekleinen, oft praxisfernen Spezialgebiet beschäftigt hat. Viel sinnvoller und nützlicher für den Kunden ist dagegen eine Spezialisierung als Facharzt oder Fachanwalt. Ich hoffe, dass sich dies auch eines Tages beim Volk herumsprechen wird.

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