BetrugBeim Titelhändler

Wer die Mühe einer Promotion scheut, kann sich den "Doktor" oder "Professor" auch einfach kaufen. Einblick in eine verschlossene Branche von Egmont R. Koch

Es war »ein durchaus angemessener, würdiger Rahmen«, erinnert sich Hans Volkmar* an seine Ernennung zum Professor für Wirtschaftswissenschaften. In einer Villa am Stadtrand von Solingen, umrahmt von moderner Kunst, überreichen ihm der Hausherr, Professor Claus Dieter Wielowski, und dessen Freund Damir Baitalow, ein Ordinarius aus Russland, die Ernennungsurkunde zum Professor der Pädagogischen Universität Moskau.

Es folgen kurze Ansprachen, ein Lehrvertrag wird unterzeichnet; am Ende stoßen die drei Männer auf der Terrasse mit Champagner an. Volkmar, der sein Geld als Unternehmensberater verdient, verfügt zwar über keinen Doktortitel, nicht einmal ein Studium hat er abgeschlossen. Dennoch kommt ihm die Ernennung zum Hochschullehrer in Russland damals »irgendwie gerechtfertigt« vor.

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Zehn Jahre ist die Berufung jetzt her – und Volkmar ist sie inzwischen nur noch »hochnotpeinlich«. Sein Titel hat ihm zwar den erhofften Karriereschub eingebracht, am Ende jedoch vor allem Ärger. Claus Dieter Wielowski dagegen residiert noch immer in der Villa mit den vielen Gemälden. Und damals wie heute vermittelt der einstige PR-Berater der Pharmabranche akademische Titel aus fernen Ländern.

Im Bürotrakt des Solinger Anwesens hat die Medior GmbH ihren Sitz. Das Unternehmen bietet auf seiner Website viele Dienste an: Public Relations, Lobby-Industriepolitik, Marktforschung, Vermarktung »ethischer Produkte«. Von Promotionsberatung und Titelvermittlung ist da indes keine Rede, die ergeben sich vielmehr aus Kleinanzeigen der Firma, etwa in den VDI nachrichten vom 29. Juli 2011: »Dr. Studien – anerkannt-führbar, berufsbegleitend, alle Fachrichtungen«, heißt es in holprigem Deutsch, aber fetten Lettern.

Seit vor rund einem Jahr Karl-Theodor zu Guttenberg des Plagiats überführt wurde und in der Folge immer mehr Doktorarbeiten von Politikern ihre Schwächen offenbarten (bis hin zu jener der Bundesbildungsministerin) ist klar geworden, dass längst nicht jeder »Dr.« den Fleiß in seine Promotion gesteckt hat, den man mit diesem Titel eigentlich verbindet. Allerdings erfordert das Schummeln oder auszugsweise Abschreiben in einer real vorhandenen Doktorarbeit immerhin eine gewisse intellektuelle Anstrengung.

Für diejenigen, die selbst diese scheuen, steht eine Branche bereit, die gerne im Verborgenen arbeitet: die Titelhändler. Sie vermitteln nicht mehr, wie zu Zeiten des legendären Konsuls Hans-Hermann Weyer, einen Baron, Freiherrn oder Grafen vor dem Namen, sondern ein Diplom, einen Doktorhut oder eine Professur. Denn ein akademischer Titel ist heute nicht nur für Politiker, sondern für Vertreter vieler Berufsgruppen eine verlockende Aussicht – fürs Ego, für die Karriere, für ein besseres Gehalt oder für alles zusammen.

Im Internet offerieren zwei bis drei Dutzend Berater und Agenturen ihre Doktor-Dienste. Ihre wichtigste Zielgruppe: Anwälte, Makler, Unternehmensberater, Manager und Ärzte, die im Berufsleben stehen und nicht die Zeit für eine langwierige Dissertation aufbringen. Die Promotionsberater vermitteln Titel ausländischer Hochschulen, meist in Osteuropa oder auf fernen Kontinenten, die keine allzu großen Ansprüche stellen – wenn überhaupt. Sie helfen bei der Übersetzung in die jeweilige Landessprache oder beim Verfassen der Doktorarbeit selbst. Wenig ist seriös, vieles zweifelhaft, manches kriminell.

Im Grunde genommen sei »die Ausgangslage schon beim ersten Beratungsgespräch in einer Agentur völlig klar«, sagt der Münchner Universitätsprofessor Manuel R. Theisen, der seit Jahren versucht, den Doktormachern das Handwerk zu legen. »Beide Seiten wissen: Du bekommst Geld, und ich bekomme einen Titel.« 25.000 bis 40.000 Euro muss man für einen solchen Doktorhut anlegen, für ein Diplom oder eine Professur etwas weniger. Zwar sind alle Titel im Prinzip wertlos, weil bei uns nicht anerkannt. Doch das Risiko, irgendwann wegen falscher Lorbeeren aufzufliegen, ist eher gering, wie die Geschichte des Claus Dieter Wielowski exemplarisch zeigt.

Wer sich auf die Anzeige in den VDI nachrichten meldet, wird meist zu einem persönlichen Gespräch in Solingen eingeladen. Dort erfährt man von Wielowski, dass seine Firma zur EuroSwiss Universität in Schaffhausen in der Schweiz gehöre, einer »privaten Hochschule für Erwachsenenbildung«. Deren Kollegium betreue die Auslandspromotionen. Die EuroSwiss ihrerseits arbeite mit Partneruniversitäten unter anderem in Liberia und Panama zusammen. Das klingt zwar nicht gerade nach dem Nabel der akademischen Welt – aber die meisten Interessenten erwarten ja auch keinen Harvard-Abschluss. Und Wielowski versteht es, sich mit Charme und Witz in Szene zu setzen.

Auch Hans Volkmar war von Wielowski und dessen Offerten angetan. Die russische Provenienz seines Professorentitels war ihm dabei, wie er rückblickend bekennt, ziemlich gleichgültig – solange dessen Legitimität nicht in Zweifel stand. Und dafür verbürgte sich Wielowski. Er stellte Volkmar sogar eine spätere Lehrtätigkeit an der EuroSwiss Universität in Aussicht.

Der Campus, so verspricht der aktuelle Internetauftritt der EuroSwiss, liege ganz in der Nähe des Rheinfalls, »umgeben von grandioser Natur« in einer »herrlichen Schweizer Landschaft«. Die Bildungseinrichtung verfüge über Institute unter anderem für Psychologie, Philosophie sowie »Kunst und Bauhauslehre« und natürlich über ein »Doktoranturzentrum«; sogar besinnliche Meditationstage in einem nahe gelegenen Kloster werden angeboten. Die Verkehrsanbindung Schaffhausens komme »der internationalen Ausrichtung unserer Universität in idealer Weise entgegen«.

Wer jedoch den Campus der Hochschule besuchen möchte, wird ihn unter der offiziellen Adresse nicht finden. Die Hochschule in der Nähe des Rheinfalls existiert nicht. Die EuroSwiss residiert stattdessen zu Hause bei »Prof. Dr. Wielowski«, der laut Gesellschafterprotokoll vom 26. November 2010 alleiniger Eigentümer der Einrichtung ist und der in Schaffhausen über eine kleine Bleibe verfügt. Die Universität entpuppt sich als Briefkastenfirma, oder treffender: als Potemkinsches Dorf in der virtuellen Welt. Zwar ist die Bezeichnung »Universität« in vielen Schweizer Kantonen nicht geschützt, aber an der angegebenen Adresse sollte die Institution schon zu finden sein. Hans Volkmar kann sich heute nicht verzeihen, dass er nie versucht hat, hinter diese Fassade zu schauen.

Und wer steckt hinter der Fassade des »Prof. Dr. Wielowski«? Ein Wunderkind – wenn man seinem eigenen Lebenslauf glaubt. Nach dem Abitur will er eine Lehre als Groß- und Außenhandelskaufmann gemacht, dann nacheinander Betriebswirtschaft (Abschluss Diplom), Medizin (Abschluss Dr. med.), Naturwissenschaften (Abschluss Dr. rer. nat.) und Publizistik (Abschluss Master) studiert, sich in Medizin habilitiert und verschiedene Berufungen als Professor, unter anderem in Russland, Rumänien und Moldawien, erhalten haben.

Doktorarbeiten oder eine Habilitationsschrift unter seinem Namen lassen sich allerdings auch bei intensiver Suche nicht finden, ebenso wenig irgendwelche wissenschaftlichen Veröffentlichungen in renommierten Fachzeitschriften. Im Rahmen eines Steuerverfahrens, in dem Wielowski im Jahr 2005 vom Landgericht Wuppertal verurteilt wurde, stellte die Kammer fest, es sei nicht sicher, ob der Angeklagte überhaupt die Hochschulreife erworben habe.

Bei einer Hausdurchsuchung seien bei ihm allerdings vier Doktorurkunden gefunden worden: Dr. med., Dr. med. dent., Dr. rer. nat. und Dr. jur. Der Berner Untersuchungsrichter Peter Herren kam zu der Erkenntnis, es handele sich bei Wielowski »aktenkundig um einen mutmasslichen Titelschwindler und Titelhändler, was sich bereits aus seinen offensichtlich gefälschten Doktorats- und Professorenurkunden ... und seinem hochstaplerischen Lebenslauf ergibt«.

Im Gespräch weist Claus Dieter Wielowski diese Anschuldigung vehement zurück; eine Antwort auf die Frage, ob und wo er denn tatsächlich Abitur gemacht habe, bleibt er allerdings schuldig. Dokumentiert ist eine durchaus einträgliche Tätigkeit als PR-Berater für die Pharmaindustrie und für andere Branchen in den achtziger und neunziger Jahren. Er habe schon damals »auf seiner Visitenkarte und auf seinen Briefbögen einen Doppeldoktor« geführt, erinnert sich der ehemalige Mitarbeiter seiner PR-Agentur Karl-Heinz Smuda. 2000 gab Wielowski zusammen mit zwei Siemens-Managern das Wirtschaftssachbuch Innovationen im Verlag Moderne Industrie heraus. Im Klappentext heißt es, er sei Psychoanalytiker und »Professor an der Universität Neuchatel«.

Die Stadt am gleichnamigen See in der Westschweiz beherbergt tatsächlich eine der renommierten Hochschulen des Landes. »Dieser Mann hat nie irgendeine Tätigkeit an der Universität Neuchatel ausgeübt«, empört sich deren Rektorin Martine Rahier und nennt ihn »einen Hochstapler«. Auch dazu nimmt Wielowski keine Stellung.

Der Titel wird in Moskau verliehen, mit Kindertanz und Balalaika-Ensemble

Im März 2002 adelte ihn das Bundesministerium für Verbraucherschutz in Berlin. Im Rahmen einer Werbekampagne für das neue Bio-Siegel, mit dem die damalige grüne Ministerin Renate Künast biologische Lebensmittel aufwerten wollte, wurde »Prof. Dr. Wielowski« als »einer der führenden Kreativitätsforscher der internationalen Wirtschaftsszene« vorgestellt. Für eine Broschüre des Ministeriums ließ er sich inmitten von Sonnenblumen und mit einer Biobanane in der Hand ins Bild rücken.

»Nichts ist so gut wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist«, so lautet – frei nach Victor Hugo – das Motto auf der Internetseite der EuroSwiss Universität. Die Idee, eine eigene Hochschule in der Schweiz zu gründen, kam Wielowski offenbar im Jahr 2001, gewissermaßen zwischen Neuchatel und Berlin. Er hatte im Berner Oberland einen Geschäftsmann kennengelernt, der sich »im käuflichen Erwerb unrechtmässiger akademischer Titel und falscher Diplome« seit Jahren blendend auskannte, wie später vom Kantonsgericht Bern festgestellt wurde. Die beiden beschlossen eine Zusammenarbeit – und der Schwindel bekam Methode.

In einer E-Mail an seinen Partner machte Wielowski damals folgende Rechnung auf: »20 Dr. h.c., 20 Professuren und 100 (Doktor-)Kandidaten... im Jahr«, damit käme man nach Abzug aller Kosten jährlich auf einen »Gewinn von 1,5 Millionen Euro«. Und möglicherweise »wären selbst diese Zahlen nur ein erster bescheidener Anfang«.

Wielowski brachte seine Verbindung zu Damir Baitalow, Chemie-Professor der Universität Kasan, und dessen Studienfreund German Mansurow, Professor an der Pädagogischen Universität Moskau, in die neue Partnerschaft ein. Mit ihrer Hilfe und wohl auch mit Unterstützung korrupter Rektoren begann alsbald ein schwungvoller Handel mit akademischen Urkunden: Diplomen, Doktortiteln, Professuren. Die Zertifikate von der Pädagogischen Universität Moskau (die später in Moskauer Landesuniversität umbenannt wurde) und von der Universität für Bauwesen waren, wie sich später bei kriminaltechnischen Untersuchungen in Bern und nach Ermittlungen von Interpol in Moskau herausstellen sollte, »erwiesenermaßen gefälscht«.

Hans Volkmar, der kein Geld für seinen Titel zahlen musste, diente im Juli 2002 offenbar als eine Art Versuchskaninchen. Würde er die ziemlich plump nachgemachte Ernennungsurkunde »schlucken«? Das von goldenen Girlanden umrahmte und in Kunstleder gebundene Dokument glich eher einem rheinischen Karnevalsorden. Zudem wies der in Latein gehaltene Text zehn Fehler in 18 Zeilen auf, was Volkmar allerdings nicht auffiel, denn er sei »leider kein Lateiner«.

Auf der Basis solcher »selbst gebastelten Formulare«, lacht Barbara Buchal-Höver, könne man natürlich »keinen Professorentitel in Deutschland führen«. Buchal-Höver ist Leiterin der Zentralstelle für ausländisches Bildungswesen, einer Einrichtung der Kultusministerkonferenz (KMK), die im Ausland erworbene akademische Titel überprüft und bewertet.

Später gaben sich die Fälscher in Moskau offenbar mehr Mühe. Wielowskis Begeisterung für Inszenierungen zeigte sich auch im Umgang mit seinen Klienten. Bezahlung hin oder her – keiner bekam seinen Titel für lau, alle mussten tatsächlich so etwas wie eine »Doktorarbeit« abliefern. Wielowski meckerte, Wielowski lobte, er korrigierte und ließ umschreiben. Mitunter gerierte er sich sogar als Doktorvater, obwohl er vermutlich nie einen Universitätshörsaal von innen gesehen hat. Das alles mag dazu beigetragen haben, den Titelanwärtern beim Selbstbetrug zu helfen, ihr Gewissen ruhigzustellen. Denn natürlich ahnten alle, dass sie mit ihren Elaboraten an einer deutschen Hochschule nie zu akademischen Ehren kommen würden.

Und dann der Höhepunkt des Promotionsverfahrens, die feierliche Verleihung in Moskau, zum Beispiel in der Aula eines Moskauer Gymnasiums. Es treten auf: die beiden russischen Ordinarien Baitalow und Mansurow, dazu ein Universitätsrektor, eine Dolmetscherin – und Claus Dieter Wielowski. Im Publikum: an die 20 Kandidaten, teilweise mit Anhang, auf eigene Kosten angereist aus Deutschland, alle in gespannter Erwartung. Die meisten haben sich auf Empfehlung von Wielowski im teuren Hotel Ararat Park Hyatt einquartiert, für 330 Euro die Nacht; sie alle lassen sich ihre akademische Inauguration im Schatten des Kremls etwas kosten.

Auch Hans Volkmar ist Wielowskis Einladung gefolgt, er soll knapp zwei Jahre nach der Verleihung in Solingen noch einmal coram publico geehrt werden. Nach der »sehr würdevollen Verleihungszeremonie«, so erinnert er sich, traten eine Kindertanzgruppe und ein Balalaika-Ensemble der Tschaikowsky-Universität auf; danach folgte ein kleiner Imbiss. Und abends stand das Bolschoi auf dem Programm. Großes Theater allenthalben. »Es war eine tolle Kulisse«, erzählt Volkmar, »und es gab gute Gespräche mit den hochkarätigen Teilnehmern, die überhaupt keinen Zweifel aufkommen ließen, dass da irgendjemand seinen Doktorhut oder seine Professur nicht verdient hätte.«

Sechs Wochen nach der Moskauer Gala saß Claus Dieter Wielowski in Wuppertal in Untersuchungshaft. Verdacht: Steuerdelikte im Zusammenhang mit seinem Titelhandel. Er wurde später schuldig gesprochen, musste 16 Monate absitzen. Die Staatsanwaltschaft trennte das Ermittlungsverfahren wegen gewerbsmäßigem Betrug durch den Verkauf gefälschter Titel zunächst ab, stellte es dann im November 2008 nach Paragraf 154 StGB ganz ein. Begründung: Die zu erwartende Strafe schlage gegenüber derjenigen, zu der er bereits wegen Steuerhinterziehung verurteilt worden sei, nicht mehr entscheidend zu Buche. Ein formal, kein inhaltlich begründeter Verzicht auf eine Anklage also.

47 Verdachtsfälle sind in der Wuppertaler Ermittlungsakte aufgelistet, unter den Betroffenen finden sich: ein praktischer Arzt aus Köln, ein Rechtsanwalt aus Karlsruhe, ein Wirtschaftsberater aus Düsseldorf, ein Vorstandsmitglied aus Frankfurt am Main, ein Zahnarzt aus Wuppertal, ein Unternehmensberater aus Berlin, ein Heilpraktiker aus Duisburg, ein Bauleiter aus Kassel, ein Managementtrainer aus Mülheim, ein Steuerberater aus München, ein Pharmareferent aus Hagen, ein Möbelhändler aus Wien und ein Kunstlehrer aus dem Saarland.

Die Staatsanwaltschaft Wuppertal hatte eine Auswahl der bei Wielowski gefundenen Urkunden zur Überprüfung nach Moskau geschickt. Die Rückmeldung ließ Zweifel nicht zu: Die verliehenen Titel waren bei der russischen Bildungsbehörde nicht registriert. Da aber in Wuppertal nicht angeklagt wurde, blieb den Kunden erspart, womöglich als Zeuge aufgerufen und in öffentlicher Verhandlung bloßgestellt zu werden; die meisten tragen ihren falschen Doktorhut deshalb bis heute.

Da ist zum Beispiel der süddeutsche Autoverkäufer und Lokalpolitiker Dr. Thomas H., der 2002 mit einer Arbeit über den Kfz-Handel in Moskau den »Doktor der Philologie« (sic!) gemacht haben und dabei von »Professor Dr. Claus Dieter Wielowski ... hervorragend unterstützt« worden sein will (Nachwort). Neben Wielowski führt die Dissertation auch Prof. Baitalow als »Gutachter« auf. Diesen Doktortitel will H. offenbar nicht aufgeben, obwohl er inzwischen weiß, dass die von ihm »käuflich erworbene« russische Urkunde, so der Berner Untersuchungsrichter Peter Herren, völlig wertlos ist.

Die Gesamtzahl der deutschen Titelträger von Wielowskis Gnaden dürfte weit über hundert liegen. Denn seine Doktorspiele gingen auch nach Ende der Haftzeit 2006 weiter. Wie auch seine Inszenierungen. Er trennte sich von seinem Partner in der Schweiz, verlegte den Sitz seiner virtuellen Universität aus dem Berner Oberland nach Schaffhausen. Zwar ist von gefälschten Urkunden danach nichts mehr bekannt geworden. Dafür vergab Wielowski jetzt Zertifikate seiner EuroSwiss in Verbindung mit der russischen »Akademie der Naturwissenschaften« (RANS). Diese Einrichtung ist nicht zu vergleichen, wohl aber zu verwechseln mit der altehrwürdigen russischen Akademie der Wissenschaften (RAN). Die RANS ist ein esoterisch angehauchter Verein, in dem sich Geisterheiler, Ufo-Anhänger und andere wissenschaftliche Scharlatane organisieren. Nach Aussage ihrer Generalsekretärin Lida Iwanitskaja darf die Organisation keine offiziellen Titel vergeben. Wielowski vergab ihn dennoch, nannte ihn »duales Degree«.

Möchten Sie Ehrenritter des »Ordens des Heiligen Johannes von Jerusalem« sein?

Die Zentralstelle der KMK verfügt inzwischen über eine dicke Akte von Anträgen, in denen sich Dutzende von EuroSwiss-Kandidaten um die Bestätigung ihrer angeblichen Titel bemüht haben. Natürlich vergeblich, wie Barbara Buchal-Höver sagt. Kein Abschluss werde dadurch glaubwürdiger, dass er von zwei nicht anerkannten Institutionen gemeinsam verliehen werde.

Im September 2011 ergibt sich die Gelegenheit, Claus Dieter Wielowski mit diesen Vorwürfen zu konfrontieren, bei einem persönlichen Gespräch im noblen Wirtschaftsclub zu Düsseldorf an der Königsallee (»for members only«) . Mit den Aussagen von Buchal-Höver konfrontiert, entgegnet Wielowski heiter, dann müsse er wohl die KMK verklagen. Fünf Stunden gibt er sich redselig und weist alle Verdächtigungen von sich. Seine eigenen Titel? Die habe er alle ordentlich erworben! Die von ihm vermittelten russischen Urkunden? Wenn tatsächlich etwas gefälscht worden sei, dann ohne sein Wissen!

Und tatsächlich: Als Titelhändler blieb Claus Dieter Wielowski juristisch bislang weitgehend ungeschoren. In Wuppertal wurde das Betrugsverfahren gegen ihn aus formalen Gründen eingestellt. In Bern erhielt nur sein ehemaliger Schweizer Partner eine empfindliche Geldstrafe, weil er »in Moskau mit Hilfe des Wielowski, Claus Dieter, ... gefälschte Urkunden/Diplome käuflich erworben hatte«. In Nürnberg stand im April 2009 ein Berufsbetreuer vor Gericht, der jahrelang ein von Wielowski vermitteltes gefälschtes russisches Diplom dazu benutzt hatte, überhöhte Gebührensätze bei der Staatskasse abzurechnen. Er wurde am Ende wegen Betrugs zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt. Wielowski trat in Nürnberg als Zeuge auf und gab sich ahnungslos. Die Kammer billigte ihm »Verbotsirrtum« zu, er sei wohl von Baitalow und Mansurow übers Ohr gehauen worden.

Härter dagegen traf es am Ende Hans Volkmar. Fast zehn Jahre lang hatte er sich mit seinem russischen Professorentitel geschmückt, der ihm in der Solinger Vorstadt verliehen worden war. Auch auf seinen Arbeitgeber hatte der Glanz abgestrahlt. Im Oktober 2009 offerierte ihm Wielowski sogar die Mitgliedschaft als Ehrenritter eines ominösen »Ordens des Heiligen Johannes von Jerusalem« – gegen eine kleine Aufnahmegebühr, versteht sich. Selbst zu diesem Zeitpunkt will Volkmar immer noch »der festen Überzeugung« gewesen sein, alles gehe mit rechten Dingen zu.

Es dauerte noch einmal fast zwei Jahre, bis er sich entschloss, »nicht länger mit einer Lüge zu leben«. Im August 2011 setzte er seine Vorgesetzten darüber in Kenntnis, er wolle in Zukunft auf seinen Professorentitel verzichten, da es nie zu irgendwelchen Lehrtätigkeiten in Moskau gekommen sei. Nur Tage später wurde sein Arbeitsvertrag fristlos gekündigt, wegen arglistiger Täuschung bei der Anstellung. Seitdem steht Volkmar ziemlich nackt da – ohne Titel, ohne Würde und ohne Job.

*Name von der Redaktion geändert

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Leserkommentare
  1. Für dieses Problem gibt es eine einfache Lösung: akademische Titel ab dem Dr. oder PhD sollten nur noch dann geführt werden, wenn die entsprechende Person hauptberuflich an einer Hochschule oder Forschungseinrichtung arbeitet.

    Dann haben die Hochstapler keinen Anreiz mehr und die echten Akademiker werden nicht mehr ständig in den Schmutz gezogen.

    2 Leserempfehlungen
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    "Für dieses Problem gibt es eine einfache Lösung: akademische Titel ab dem Dr. oder PhD sollten nur noch dann geführt werden, wenn die entsprechende Person hauptberuflich an einer Hochschule oder Forschungseinrichtung arbeitet."

    Absolut richtig. Ich würde da sogar noch einen Schritt weiter gehen und das "... sollten nur noch dann geführt werden ..." in ein "dürfen nur noch dann geführt werden ..." und das Verwenden eines Dr. ausserhalb der akademischen Felder gesetzlich unterbinden.

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf unsachliche Behauptungen. Danke, die Redaktion/au.

    die sie da haben.

    Das Führen eines Bachelor-, Master-, Magister-Titels oder eines Diploms wird dann natürlich auch allen untersagt, die nicht Vollzeit an einer Forschungseinrichtung arbeiten.
    Schließlich gibt es ja den Grundsatz der allgemeinen Gleichbehandlung.

    Und deshalb werden natürlich auch alle Betriebswirte, Techniker, Gesellen, Meister und Bäckereifachverkäuferin ihren Titel nicht mehr ausserhalb der Berufsbildende Schule oder sonstigen Weiterbildungseinrichtung führen.

    Ich hab selten solchen Unsinn in der Diskussion gelesen wie der von Ihnen verzapfte, Herr "Doktor".

  2. Ihre wichtigste Zielgruppe: Anwälte, Makler, Unternehmensberater

    100% FDP-Klientel

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    immer wieder wiederholen, wird er auch nicht richtiger. Bekommen Sie denn Rabatt?

  3. Auf der einen Seite ist das doch verdammt dreist, auf der Anderen muß man vor soviel krimineller Energie shcon fast den Hut ziehen.

    Was mich aber wirklich unglaublich aufregt ist folgender Teil:
    "Im Rahmen einer Werbekampagne für das neue Bio-Siegel, mit dem die damalige grüne Ministerin Renate Künast biologische Lebensmittel aufwerten wollte, wurde »Prof. Dr. Wielowski« als »einer der führenden Kreativitätsforscher der internationalen Wirtschaftsszene« vorgestellt."

    Liebe Freunde in der (damaligen) Regierung: Wenn ihr schon unbedingt nen Akademiker braucht, um euren Schrott zu bewerben, dann sorgt wenigstens dafür, dass der auch ein KLEINES bisschen was taugt. Ich mein, die werden ja in dem Ministerium (hoffentlich?) wissen, wie man eine international annerkannte Korrifäe von einem Scharlatan unterscheidet. Da muß es ja ein eingiermaßen funktionierendes System geben, denn irgendwie muß da ja festgestellt werden, wer als Experte geladen wird und wer nicht. Oder ziehen die da etwa Stäbchen und der mit dem kürzesten muß dann für 10 Minuten den Experten spielen? oO

    Und die gleiche Fr. Künast will mit ihrer grünen Kommödiantentruppe also zurück an die Regierung? Na herzlichen Glückwunsch...

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    die einfach keinen Echten für ihre Zwecke finden können und mussten somit auf einen Hochstapler zurückgreifen ... ???

  4. "Für dieses Problem gibt es eine einfache Lösung: akademische Titel ab dem Dr. oder PhD sollten nur noch dann geführt werden, wenn die entsprechende Person hauptberuflich an einer Hochschule oder Forschungseinrichtung arbeitet."

    Absolut richtig. Ich würde da sogar noch einen Schritt weiter gehen und das "... sollten nur noch dann geführt werden ..." in ein "dürfen nur noch dann geführt werden ..." und das Verwenden eines Dr. ausserhalb der akademischen Felder gesetzlich unterbinden.

    Antwort auf "not cool"
  5. die einfach keinen Echten für ihre Zwecke finden können und mussten somit auf einen Hochstapler zurückgreifen ... ???

    Antwort auf "Meine Güte!"
  6. Bei mir in der Gegend gibt es zahlreiche Anwaelte, Aerzte und Ingenieure fast jeder Art, die ihren verschiedenen "akademischen" Titeln meist aus osteuropaeieschen Staaten, aber auch aus arabischen, wie Jordanien oder Palaestina, ohne Berechtigung erhalten haben. Auch aus manchen Universitaeten westeuropaeiescher Staaten und Israels Fachhochschulen, wurden akademischer Titel unberechtigt verliehen. Ich sage unberechtigt, weil ich persoenlich viele diese Titeltraeger, die von tuten und blasen wirklich keine Ahnung haben, kenne. Man koennte sie gar als analphabeten bezeichnen, weil deren Sprachniveau, fachlicher und allgemeiner Wissensstand vieles zu wuenschen uebrig laesst. Das aergerliche dabei ist, dass die Zustaendigen im Lande diese Menschen auf uns los lassen.

  7. "Du bekommst Geld, und ich bekomme einen Titel.« 25.000 bis 40.000 Euro muss man für einen solchen Doktorhut anlegen, für ein Diplom oder eine Professur etwas weniger.

    Kann mir jemand sagen, warum eine Professur weniger kostet, als ein Dr. ? Meint "Professur" in den betreffenden Ländern einfach Lehrerlaubnis im weiteren Sinn?

    Was ich ansonsten gelernt habe: längst nicht alle Titelträger tragen ihren Titel zu Recht. Aber manchen kann man eine ebenbürtige Intelligenz nicht absprechen.

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    An einer Fachhochschule können Sie zum Professor berufen werden, ohne vorher promoviert zu haben - daher ist der "Prof." vielleicht "billiger" :-(

  8. Die meisten Ärzte und viele Rechtsanwälte besitzen einen Doktortitel, um ihren (dummen) Kunden zu imponieren.

    Dabei bedeutet der Doktortitel lediglich, dass sich der Titelinhaber mit einem klitzekleinen, oft praxisfernen Spezialgebiet beschäftigt hat. Viel sinnvoller und nützlicher für den Kunden ist dagegen eine Spezialisierung als Facharzt oder Fachanwalt. Ich hoffe, dass sich dies auch eines Tages beim Volk herumsprechen wird.

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