»Wann geht es los, Herr Lüning?«, ruft ein Mann über die Straße. »Am 25. Mai mit dem ›Ruhrpott Rodeo‹ in Hünxe«, antwortet Eduard Lüning und lächelt. Er ist es gewohnt, in seiner Heimatstadt Münster von Fremden angesprochen zu werden. Man kennt ihn dort als den wohl einzigen steuerpflichtigen Dosenpfandsammler Deutschlands.

Lüning ist aber nicht nur hauptberuflicher Dosenpfandsammler, sondern auch leidenschaftlicher Musikliebhaber. Beides verbindet er, indem er von Ende Mai bis Oktober fast jedes Wochenende zu den größten Musikfestivals des Landes fährt und dort den Dosenschrott trinkfreudiger Besucher einsammelt und bei Pfandannahmestellen in Supermärkten zu Geld macht. Dabei legt er insgesamt rund 7.000 Kilometer zurück, mit seinem »Schätzchen«: einem kleinen weißen Wohnmobil, das er für 7.900 Euro gebraucht gekauft hat – bezahlt mit Dosenpfand und der Wegwerfmoral anderer.

In heller Cordhose, mit schwarzen, geputzten Schnürschuhen und Lederjacke steht der Pfandsammler neben seinem Wagen und begutachtet das Reifenprofil. Alles ist bereit für die große Tour. »Die meisten Tickets habe ich schon gekauft«, sagt Eduard Lüning, unter dessen Baskenmütze dunkle Locken hervorschauen. »Da muss man zum Teil ein halbes Jahr im Voraus aktiv werden, sonst gibt es keine Karten mehr.« Für das »Rock am Ring«-Festival habe er gerade noch im Internet eine Karte ergattern können, 170 Euro hat ihn das gekostet.

Zehn Etappen und 20.000 Euro

Der Einsatz lohnt sich: In 30 Tagen bringt Lüning es mit zehn Festivals auf 13.000 Euro Dosenpfand. 1.000 Euro zahlte er dem Finanzamt Münster im Jahr 2010 an Steuern. Wer ganz fleißig sei, könne es in zehn Etappen auch locker auf 20.000 Euro bringen. Die Erinnerungen an seine erste Festivaltour 2010 hat er in einem Buch festgehalten: Mit Dosenpfand zum Wohnmobil,die erste Auflage ist vergriffen.

Nach dem Punkrock-Festival in Hünxe fährt Lüning zu »Rock am Ring« am Nürburgring, »danach zum Metalfest an der Loreley und dann zum Festival in Montabaur, so geht das bis Ende Oktober weiter«. Ein Highlight sei für ihn, neben Wacken, das Hurricane Festival in Scheeßel: »Da gibt es ordentlich was zu sammeln. Die saufen gut, die Jungs.« Jene Zeltstädte, in denen gerockt und gehiphopt wird, sind für Lüning ein Sammelbecken voller Dosen- und Becherpfand. Lüning kann es kaum erwarten, wieder loszuziehen. »Die Tour wird eine Gaudi, und ich fahre in diesem Jahr bestimmt wieder die volle Ernte ein.«

Angefangen hat alles vor knapp drei Jahren. Der studierte Sozialpädagoge, der einst bei der Kreishandwerkerschaft in Beckum schwierige Jugendliche auf den Arbeitsmarkt vorbereitete, verlor nach einer Trennung gegen Mitte der neunziger Jahre den Boden unter den Füßen. Wegen einer Depression habe er seinen Job nicht weiter ausüben können. »Ich war innerlich obdachlos, habe dann auch die Wohnung verloren und war plötzlich auf der Straße oder wohnte mich bei Freunden durch.« Jahrelang verkaufte er in Münster das Straßenmagazin draußen und sammelte zusätzlich Pfandflaschen und Dosen, bis ihn im September 2009 die Redaktion des Straßenmagazins anrief und fragte, ob er einer Fernseh-Produktionsfirma ein Interview übers Pfandsammeln geben würde. Lüning sagte zu. Er kam auf die Idee, für den Fernsehbeitrag bei einem Rockfestival in Lüdinghausen zu sammeln. An diesem Wochenende erwirtschaftete Lüning 600 Euro mit Dosenpfand – und nahm sich vor, im nächsten Sommer »so viele Musikevents wie möglich« zu besuchen.

Während er erzählt, sitzt er in der schmalen Sitzecke seines Wohnmobils MB 100 und nippt an einem Becher Tee. Sein Dienstwagen ist ausgestattet mit einem kleinen Flachbildfernseher, Kochnische und Dachschlafkammer. Fast zwei Jahre lang wohnte er hier ständig, doch dann sei es ihm im Winter zu kalt gewesen. »Seit Februar kann ich mir in einer WG ein eigenes Zimmer für 220 Euro im Monat leisten. Das ist schon sehr viel kultivierter«, sagt er. In seinem WG-Zimmer hat Lüning nun auch Platz für einen Kleiderschrank, aus massivem Buchenholz. »Den habe ich mir gegönnt und sogar ein eigenes Fach für meine Arbeitskleidung eingerichtet.«