Tobias Niehaus war es gewohnt, bei Diskussionsrunden seine Visitenkarte auszuteilen. Es gehörte zu seinem Alltag, in der deutschen Landesvertretung Unternehmer kennenzulernen oder sich im Europäischen Parlament mit Abgeordneten zu treffen. In Brüssel geht es um Kontakte, das wusste er mittlerweile, auch ums Sehen-und-gesehen-Werden. Aber eine Begegnung, die überraschte ihn dann doch: Als eine Dame vor ihm stand und sich als Vertreterin der europäischen Krankenhauswäschereien vorstellte. "Wahnsinn", sagt Niehaus. "Da habe ich gemerkt: Es hat wirklich jeder ein Büro in Brüssel!"

Bis zu seinem sechsmonatigen Praktikum hatte Niehaus nur in der Theorie davon gehört, wer wann auf welche Weise Einfluss nehmen kann auf die europäische Gesetzgebung. Er hatte im Politikseminar über die Rolle der einzelnen Organe, Institutionen und Verbände diskutiert. Im Wirtschaftsunterricht hatten sie darüber gesprochen, wie der gemeinsame Markt funktioniert und wie sich EU-Richtlinien auf Unternehmen auswirken. Sie hatten englisches Fachvokabular gepaukt und interkulturelle Fettnäpfchen analysiert. Als dann das Praktikum in Brüssel begann, fühlte er sich gut vorbereitet. "Aber hautnah dabei zu sein, wenn Gesetze entstehen, das ist etwas ganz anderes. Selbst, wenn man nur Praktikant ist."

Niehaus studiert an einer Hochschule, die auf diese Verbindung von Theorie und Praxis großen Wert legt: Hier in Halberstadt nahe dem Harz sollen Experten ausgebildet werden, die das Innerste der Europäischen Union kennen, ihre Abläufe und Strukturen, die wundersamen Wege, auf denen Richtlinien und Regularien entstehen. Europäisches Verwaltungsmanagement heißt das Studienfach – "aber das kann sich kaum jemand merken", sagt Tobias Niehaus. Seine Freunde jedenfalls mutmaßen: "Tobias? Der macht irgendwas mit europäischem Recht."

Was aber versteckt sich tatsächlich hinter der etwas nebligen Studienfachbezeichnung? Eines gleich vorweg: Zum Bananenkrümmungsberechner – sprich: zum Bürokraten in der EU-Verwaltung – fühlt sich von den hiesigen Studenten kaum jemand berufen. Rund 20 studieren in einem Jahrgang, etwa die Hälfte hat die Privatwirtschaft als Arbeitgeber für sich ins Auge gefasst. "Unsere Studenten können an Schnittstellen eingesetzt werden", sagt Frank Altemöller, Leiter des Studiengangs. "Etwa in Unternehmen, die von europäischer Regulierung betroffen sind, oder in öffentlichen Einrichtungen. Heute hat man ja fast überall mit Anträgen für EU-Fördergelder zu tun. Und auch die Gemeinden und Kommunen müssen EU-Recht umsetzen. Da braucht es Experten, die sich mit europäischen Belangen auskennen."

Dementsprechend bunt fallen die bislang absolvierten Praktika der Sechstsemester-Studenten aus: Einer erzählt von seiner Zeit bei einem Exportunternehmen in Spanien, ein anderer von der Arbeit in einem Informationsnetzwerk der Europäischen Kommission – und Tobias Niehaus absolvierte sein Praxissemester im geschäftigen Brüssel bei der Arbeitsgruppe der norddeutschen Industrie- und Handelskammer. Zurück im Halberstädter Seminarraum, hat sich seine Perspektive verändert: "Manche Theorieansätze kann ich jetzt kritischer hinterfragen. Einfach, weil ich es in der Praxis anders erlebt habe." Auf dem Seminarplan stehen dieses Semester unter anderem "Intercultural Negotiations and International Mediation" sowie "Leitbilder und Entwicklungen in der EU" – die Herangehensweise an das Thema Europäische Union bleibt breit gefächert. "Anfangs habe ich mir Sorgen gemacht, weil das Studium ja nicht sehr spezialisiert ist", sagt Niehaus. Aber er hofft, mithilfe seiner zwei Praxissemester und der Bachelorarbeit seine Richtung selber definieren zu können – und dann ein Masterstudium anzuschließen. Dass er an seinem früheren Praktikumsplatz ein Jobangebot erhielt, stärkt ihn in der Entscheidung für das Studium.

"Der Studiengang hält viele Möglichkeiten für später offen", findet auch Ninett Wenglikowski. Die 22-Jährige will sich für ihr nächstes Praktikum im sächsischen Wirtschaftsministerium bewerben, vielleicht auch im Auswärtigen Amt. Ihr fünftes Semester verbrachte sie wie alle anderen im Ausland: Sie arbeitete für einen US-Baumaschinenhersteller in Paris. Im Einkauf musste sie unter anderem Teile für die Maschinen bestellen – und dabei EU-Normen beachten. Die Zeit im Ausland habe sie alle gestärkt, sagt Wenglikowski. "Das Selbstbewusstsein ist gestiegen. Einfach in einer Fremdsprache draufloszureden, das ist uns vorher nicht so leicht gefallen." Tatsächlich bewältigen die Studenten im sechsten Semester mühelos Fachdiskussionen in englischer Sprache.

Wenglikowski hat bereits einen Master für sich ins Auge gefasst, bei dem sie diese Kenntnisse gut gebrauchen kann: International Management. Ihre Begeisterung für EU-Themen gibt sie gern an andere weiter – etwa, wenn sie Europa wieder einmal verteidigt. "Es ist so viel Unwissenheit da", sagt sie. "An den Schulen wird viel zu wenig über Europa geredet." Ist da also doch die Chance, dass aus ihr eine waschechte EU-Bürokratin werden könnte? Die Studentin schüttelt den Kopf. Und sagt: "Aber das kann ja noch kommen – vielleicht, wenn ich älter bin."