Integrativer Kindergarten – plötzlich löste diese Bezeichnung bei David Schreiber Angst und Ekelgefühle aus. Was sollte er sich darunter vorstellen? Kinder mit übermäßigem Speichelfluss? Unkontrollierte Bewegungen? Würde er mit solchen Kindern überhaupt zurechtkommen? In wenigen Tagen sollte Schreiber sein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) in genau so einem Kindergarten beginnen. Bei seiner Bewerbung hatte er sich keine Gedanken darüber gemacht. Er war froh gewesen, so kurzfristig überhaupt noch eine Stelle zu finden. Um das »Nachzüglerkind« von Freunden seiner Eltern hatte er sich immer gern gekümmert. Aber dieses Kind war »normal«, es hatte kein Handicap.

Wie man mit behinderten Kindern umgehen soll, ist nicht nur eine persönliche, sondern vor allem auch eine politische Frage: Sollen alle Kinder gemeinsam lernen, egal, ob eines im Rollstuhl sitzt, das nächste nur Russisch spricht und ein drittes aus einer deutschen Mittelstandsfamilie stammt? Selbst ernannte Experten für diese Fragen gibt es zuhauf, gut ausgebildete hingegen kaum. Deshalb bietet die Hochschule Fulda seit Kurzem den Studiengang »Frühkindliche inklusive Bildung« an.

Seit seinem FSJ haben David Schreiber die Themen Integration und Inklusion nicht mehr losgelassen. Und als er dann das Angebot der Hochschule Fulda im Internet entdeckte, war er sofort begeistert. »Die Unbefangenheit der Kinder im Umgang miteinander hat mir geholfen, meine Vorbehalte zu überwinden. Das war der Anfang«, sagt Schreiber, der heute im vierten Semester in Fulda studiert. »Außerdem ist mir klar geworden, dass die Bezeichnung ›normal‹ eine willkürlich gesetzte, kulturell bedingte Zuschreibung ist. Kinder mit Behinderung automatisch vom allgemeinen Bildungssystem auszuschließen ist Diskriminierung.«

Diese Erkenntnis in die Praxis umzusetzen ist allerdings nicht einfach. Deshalb müssen in Fulda alle Studenten 15 bis 22 Stunden pro Woche in der Kinderbetreuung oder in der Beratung arbeiten. Nur alle vier Wochen treffen sie sich für zwei, drei Tage in Fulda, um Themen wie »familiäre Sozialisationsprozesse« und »Formen von Bildungsbenachteiligung« zu diskutieren und sich über ihre praktische Arbeit auszutauschen. In der übrigen Zeit kommunizieren sie über eine Onlineplattform. Oft geht es dabei um die Praxisaufgaben – zum Beispiel, wie man in der eigenen Kita den Übergang zur Grundschule gestalten kann. Nicht selten führen solche Praxisaufgaben zu Irritationen beim Kita-Personal. »Ich versuche jetzt viel häufiger herauszufinden, was das einzelne Kind braucht, statt immer selber zu entscheiden, was nötig ist«, sagt Schreiber. »Einige Kolleginnen sehen das kritisch. Oft fehlt leider die Zeit, mein Vorgehen zu erklären.« Auch Sabine Lingenauber, Schreibers Professorin, beobachtet: »Es gibt Studierende, die auf so starken Widerstand stoßen, dass sie die Einrichtung wechseln.«

Die Irritation in den Kitas ist systemisch bedingt: Die Bundesregierung hat sich für Inklusion ausgesprochen und 2009 die UN-Behindertenrechtskonvention ratifiziert. Die Vertragsstaaten »gewährleisten ein integratives Bildungssystem auf allen Ebenen«, heißt es dort. Länder wie Bremen wollen Sondereinrichtungen deshalb abschaffen. Dadurch sei in den Regelschulen genug Geld für Fahrstühle und spezielles Personal vorhanden. Bayern dagegen will verschiedene Betreuungsformen – Eltern von behinderten Kindern sollen Wahlmöglichkeiten haben, heißt es. Doch in der Realität bleibt ihnen oft nur der Rechtsweg. Zwei Drittel der Kinder mit sogenanntem besonderem Förderbedarf besuchen derzeit einen Regelkindergarten, doch nur 21,3 Prozent der Kinder mit besonderem Förderbedarf sind auf einer Regelschule angenommen worden.