Beke Brandenburg kennt das schon. Sie ist auf einer Party, steht vielleicht gerade mit ein paar Leuten in der Küche, und einer fragt: »Und, was studierst du?« Wenn sie antwortet: »Lehramt«, rattert bei ihrem Gegenüber die Klischeemaschine los. »Die hat wohl gerne Ferien«, flüstert jemand, und irgendeiner in der Runde zitiert unweigerlich den Spruch: »Lehrer haben vormittags recht und nachmittags frei.«

Vor ein paar Jahren wäre der Rest dieses Artikels ähnlich einseitig ausgefallen wie die Vorurteile auf jener Studentenfete. Am Anfang hätte die Feststellung gestanden, dass die Lehrer von morgen nicht richtig auf ihren Beruf vorbereitet werden. Dass das Lehramtsstudium zu sehr auf überflüssiges Fachwissen setzt, dafür zu wenig auf die Unterrichtspraxis. Und dass mangels Beratung zu viele Studenten Lehrer werden wollen, weil ihnen nichts Besseres eingefallen ist oder weil sie schon als Schüler gern zur Schule gegangen sind.

Heute handelt ein Artikel zur Lehrerbildung von Studienanfängern wie Beke Brandenburg. Die 21-Jährige ist gerade mal im zweiten Studienjahr angekommen und hat schon sechs Wochen an einem Gymnasium in der Sprachförderung von Migranten mitgearbeitet und noch mal einen Monat bei einem Autozulieferer den Azubis Zeitmanagement beigebracht. Dazu gab es jeweils ein begleitendes Seminar an der Uni, wo sie sich mit ihren Kommilitonen in Kleingruppen über ihre Erfahrungen austauschen konnte. Und als Nächstes plant sie ein Semester an einer französischen Schule, Deutschkurse geben.

Selten gab es eine günstigere Zeit, um auf Lehramt zu studieren

Brandenburg studiert Englisch und Französisch auf Lehramt an der Ruhr-Universität Bochum (RUB). Die RUB ist eine der ersten deutschen Universitäten, die eine Professional School of Education gegründet haben, die alle Facetten der Lehrerausbildung vereinen soll. Auch andernorts herrscht Aufbruchstimmung. Die TU München (TUM) war noch schneller als die RUB, als sie vor drei Jahren eine eigene TUM School of Education gründete, im Gegensatz zum Bochumer Pendant sogar mit dem Status einer eigenen Fakultät. Von Wuppertal über Bielefeld und Berlin bis an die kleine Uni Hildesheim: Überall sind die Hochschulen dabei, die Lehrerbildung, über Jahrzehnte ungeliebtes Stiefkind der Fachwissenschaften wie Chemie, Germanistik oder Englisch, ins Zentrum ihrer Aufmerksamkeit zu rücken, neue Lehrstühle einzurichten und zusätzliche Gelder für die Ausbildung der Lehrer von morgen lockerzumachen.

Tatsächlich gab es selten für Abiturienten einen günstigeren Zeitpunkt, »auf Lehramt« zu studieren, als heute: Pädagogen werden in vielen Fächern gebraucht, bis zu 250.000 Stellen, schätzen Experten, werden bis 2020 frei. Gleichzeitig buhlen die Hochschulen um die klügsten Köpfe. Davon profitieren zunächst die Studenten, in ein paar Jahren dann aber vor allem die Schüler. Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) hat kürzlich sogar eine »Exzellenzinitiative« für die Ausbildung von Lehrern vorgeschlagen. Inzwischen spricht sie etwas weniger zugespitzt von einer »Qualitätsoffensive«. Die aber soll sich gewaschen haben: 500 Millionen Euro will Schavan in den nächsten zehn Jahren ausgeben, damit – wie sie sagt – das Lehramtsstudium nicht länger das »fünfte Rad am Wagen« sei.

Lange Zeit war es das tatsächlich. Generationen künftiger Lehrer mussten unter skandalösen Bedingungen ihr Studium absolvieren: überfüllte Hörsäle, zerklüftete Studienordnungen, und das bisschen fachdidaktische Ausbildung übernahmen oft unterbezahlte und unterqualifizierte Honorarkräfte. »Das Geld, das es für die Lehrerbildung gab, haben die Universitäten immer gern genommen und es dann oft in andere Fächer gesteckt«, sagt Manfred Prenzel, der die TUM School leitet.

Für die notorisch klammen Unis war es ein lukratives Geschäft. Beispiel Germanistik: Je mehr Lehramtsstudenten man durchschleuste, desto mehr Professuren gab es, die man dann sehr leicht für den Ausbau der mit (damals noch) Magisterstudenten überlaufenen Fächer Mediävistik, Linguistik oder Neue Deutsche Literatur umwidmen konnte – auch wenn das den künftigen Lehrern logischerweise wenig brachte. Deren pädagogische Ausbildung hielt man dagegen bewusst schlank – davon hatten ja nur sie etwas, als Steinbruch, aus dem sich andere Disziplinen bedienen konnten, war sie ungeeignet. »Die Lehramtsstudenten sind nebenbei mitgelaufen, es gab keine Gesamtkoordination ihres Studiums und selten spezielle Angebote für sie«, sagt die Bildungsforscherin Mareike Kunter von der Universität Frankfurt. »Erschreckend unkoordiniert« sei die Lehrerbildung gewesen, sagt auch Henning Feldmann von der Bochumer Professional School. Erschreckend vor allem für die Lehramtsstudenten.