Dies ist ein wirklich aufregender Moment für uns«, sagt Sebastian Thrun in seiner ersten Videobotschaft. Der Stanford-Professor und Google Fellow – er hat das fahrerlose Auto entwickelt – sieht aus, als müsse er sich bemühen, nicht allzu sehr in die Kamera zu grinsen. »Wir eröffnen unsere neue Universität – und dies ist unser allererster Kurs.«

Ich habe mich bei der Online-Plattform Udacity angemeldet, und nun ist die Stimmung so feierlich, wie sie in einem Einführungsvideo nur sein kann. Neben Thrun steht David Evans, Professor an der Uni Virginia, er ist der Dozent in diesem allerersten Kurs. Das Lernziel: eine Suchmaschine programmieren. Ohne einen Cent zu zahlen, ohne Vorkenntnisse und innerhalb von nur sieben Wochen soll ich das lernen – oder vielmehr: Wir sollen das lernen. Denn während ich allein auf meinem Sofa sitze, den Laptop auf den Knien, bin ich eine von Zehntausenden. Genau wie 58.000 andere Teilnehmer in dieser Februarwoche klicke ich die erste interaktive Quizfrage an.

Dass Dozenten ihre Vorlesungen ins Netz stellen, ist nicht neu, auch darüber hinaus setzen Universitäten immer mehr auf E-Learning, also die Unterstützung von Präsenzveranstaltungen durch Online-Angebote. Portale wie Udacity aber bieten ihre netz-didaktisch aufbereiteten Kurse für Zehntausende Teilnehmer gleichzeitig an, ohne ein Schulzeugnis oder Anmeldegebühren zu verlangen. Es ist ein langersehntes Ideal: Bildung für alle – und zwar umsonst. Führt der Weg dahin am Ende mitten ins Internet?

Für Sebastian Thrun muss es eine Offenbarung gewesen sein: Als er im vergangenen Jahr seine Vorlesung über Künstliche Intelligenz, die vorher an der Stanford Universität zu den beliebtesten gehört hatte, frei zugänglich für jedermann im Netz hielt, inklusive Abschlussprüfung, meldeten sich 160.000 Teilnehmer an, »aus allen Ländern der Welt, bis auf Nordkorea«. 23.000 bestanden später die Prüfung, 240 fehlerlos.

Von dort aus einfach in den Hörsaal zu 200 Studenten zurückzukehren konnte sich Thrun schlichtweg nicht vorstellen. Deshalb nahm er eine Auszeit von Stanford und gründete das Start-up Udacity. Sein Ziel: »Wenn wir es schaffen, Leuten in jeder Phase ihres Lebens und überall auf der Welt eine gute Ausbildung zukommen zu lassen, dann bin ich zufrieden.« Udacity ist ein Mischwort aus university und audacity, also Kühnheit, Wagemut, Verwegenheit – Udacity, die Revolution der Universitäten.

Über revolutionäre Großgedanken schiebt sich mein Kleinklein des Alltags: Jede Woche wird eine neue Lerneinheit online gestellt. »Hal«, der Mailing-Roboter, gibt mir Bescheid: Deadline für die Hausaufgaben ist immer dienstags 23.59 Uhr zur koordinierten Weltzeit, bei mir also um ein Uhr nachts. Der Druck ist also da, aber reicht das? Wie soll das gehen, sich wie ein Einzelkämpfer durch den Lernstoff von sieben Wochen zu klicken?

Überraschung: Die Unterrichtseinheiten sind ganz persönlich gehalten. Es ist, als würde ich David Evans, dem Dozenten, direkt über die Schulter schauen, während er handschriftlich bunte Skizzen entwirft – wie in einem Einzeltutorium. Bei jeder Frage bin ich angesprochen, und wenn ich antworte, bekomme ich sofort eine Rückmeldung vom automatischen Benotungsprogramm. Steht »Correct!« da, freue ich mich, fast, als hätte mir Professor Evans persönlich gratuliert.

Woche vier: Mir fehlt die zum Studieren nötige Muße. Gerade einmal die Hälfte der Hausaufgaben schaffe ich, und schon das dauert ewig. Zum Glück gibt es für uns Kursteilnehmer das Forum. »I can't wrap my mind around how the code works«, schreibt Jaybo921. Ich bin also nicht die Einzige, deren Gehirnwindungen sich bei »rekursiven Definitionen« und Ähnlichem verknoten – beruhigend. Und hilfreich: Fragen werden hier fast in Echtzeit beantwortet. Einer von uns Tausenden Studenten hat immer Zeit, aber meistens sind es die gleichen, es gibt geradezu Forum-Stars. Die Simulation von persönlichem Unterricht inmitten einer großen Gemeinschaft – ist dies das eigentlich Neue, Bestechende an den Kursen?