Schweizer JournalismusBitte keine Nostalgie

Junge Journalisten sind weder faul noch zahm, schreibt Konrad Weber. von Konrad Weber

Zahm, oberflächlich, unmotiviert. So beschrieb Mario Cortesi, 71, in der ZEIT die junge Journalistengeneration. Cortesi verherrlicht in seiner Analyse die einst glorreichen Journalistenzeiten, »als man noch wusste, wofür man kämpfte« – und auch mal einen Bundesrat aus dem Bett telefonierte. So mag es gewesen sein. Doch von Cortesis Vergangenheit können wir Jungen längst nicht mehr leben.

Heute ist alles anders – das hat auch Senior-Journalist Cortesi festgestellt. Dennoch flüchtet er sich in Nostalgie. Dies kann sich nur leisten, wer seine Pflicht im Journalismus bereits erfüllt hat.

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Wir jungen Journalisten hingegen versuchen an unserer gemeinsamen Zukunft zu bauen. Seit fast einem Jahr sind über 100 von uns Mitglied im Netzwerk jungejournalisten.ch. Statt ewiggestrigem Konkurrenzdenken findet ein anregender Austausch statt – im Netz und bei persönlichen Treffen. Immer wieder treffe ich auf Jugendliche, die mit Eifer und Elan mit Video- und Fotokameras umgehen und eigene Blogs zu lokaljournalistischen Themen publizieren. Und ich bin beeindruckt, wenn ich miterlebe, mit welch großer Freude junge Kolleginnen und Kollegen ihre Freizeit opfern, um in diesem Herbst erstmals Schweizer Jugendmedientage mit Workshops, Podien und Besuchen in Medienhäusern zu organisieren. Gerne halten wir Ihnen, Herr Cortesi, in der ersten Reihe einen Platz frei, damit Sie sich ein differenzierteres Bild von der heranwachsenden Journalistengeneration machen können.

Konrad Weber

23, ist Gründer des Netzwerks Junge Journalisten. Neben seinem Journalismusstudium arbeitet er im Projektteam Social Media von Schweizer Radio und Fernsehen.

Ja, wir sind die Generation Praktikum. Ja, die meisten von uns haben schlechte Berufsaussichten. Und ja, wir sind chronisch überbelastet. Aber ist es verwerflich, wenn wir um unsere Arbeitsbedingungen kämpfen? Warum sollte uns das fortwährende Anpassen an die schnell wechselnden technologischen und ökonomischen Umstände des Informationsgeschäfts unkritisch und zahm machen? Und warum gelten wir, wenn wir sämtliche Recherchetools benutzen, als oberflächlich und faul?

Während Branchenveteran Cortesi damals mit seinen Kollegen über Adverbien und Adjektive stritt, überlegen wir uns heute, ob wir eine Geschichte mit einem Video, einer Infografik oder doch textbasiert auf Tweets und Posts erzählen wollen. Wir machen uns den »Schall und Rauch des Netzes« zunutze, ohne dabei die journalistischen Tugenden zu vernachlässigen. Erstmals in der Geschichte des Journalismus sind wir nicht nur Beobachter der großen Räder im System, sondern können selbst als Teile des Systems mitdrehen. Wir setzen uns nicht morgens hin und überlegen uns bei Spiegelei und Schinken, wie wir von unserer Kanzel die Inhalte der Welt predigen könnten. Nein, wir stehen morgens auf, loggen uns in die weltweiten digitalen Netzwerke ein und werden so zu einem Teil der globalen Gesellschaft. Als Journalisten bringen wir Menschen einander näher, reduzieren die Komplexität der Realität und erleichtern Diskussionen. Dabei brauchen wir sehr wohl unser Herz, schwitzen Blut und leiden mit.

Wir sind die Netzgeneration. Wir arbeiten nicht nur mit »diesem Internet«, sondern leben darin. Nostalgie oder ein Entweder-Oder können wir uns nicht leisten. Und: Wir haben keine Angst. Weder vor dem papierlosen Zeitalter noch vor der Zukunft.

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