Selig lächelnd sitzt Dr. Neumann auf der nassen Holzbank, auf dem Schoß das Memorial, eine 168-seitige Traktandenliste. Der Regen tropft ihm in den Nacken. »Ja, hier fühle ich mich wohl«, sagt er und lauscht den Worten des Herrn Landammann. Fast jedes Jahr kommt Neumann am ersten Sonntag im Mai auf den Zaunplatz in Glarus an die Landsgemeinde. Er, der Deutsche, beobachtet fasziniert die Glarnerinnen und Glarner, die »hochvertrauten Mitlandleute«, wie sie sich unter freiem Himmel treffen, um unter dem Machtschutz Gottes »zu raten, zu mindern und zu mehren«. So wie sie das seit 1387 tun. Begeistert zeigt Neumann auf eine Seite im durchnässten Memorial: Traktandum 3, der Steuerfuß. »Es ist für uns Deutsche unvorstellbar, über die Finanzplanung zu entscheiden.«

Sein Geld verdient Peter Neumann in Dresden als Rechtsanwalt mit eigener Kanzlei. Aber sein Herz schlägt für die Schweiz und die direkte Demokratie. Ihr widmet er sich als Direktor und Gründer des Instituts für sachunmittelbare Demokratie an der TU Dresden. Drei Dutzend Studenten und Kollegen begleiten Dr. Neumann, wie ihn alle titelehrfürchtig nennen, heuer in die Schweiz. Sie will er Demokratie lehren.

Ein paar Stunden zuvor, um Viertel nach acht vor dem Rathaus. Die Ehrengarde der Schweizer Armee steht stramm, die Harmonie Glarus bläst und trommelt ABC von den Jackson 5. Von den Fassaden hängen die Fahnen mit dem heiligen Fridolin, dem Schutzpatron des Kantons, die Straßen sind gesäumt von Essständen und Verkaufsbuden, Extrazüge karren die Stimmbürger in den Kantonshauptort – die Landsgemeinde ist ein Volksfest.

Schleppenden Schrittes, so wie es der Brauch verlangt, geht die Kantonsregierung die 300 Meter in den Ring; voran die zwei Weibel mit Landesschwert und -zepter, den Insignien der Macht. Gestützt auf das brusthohe Schwert, wird der Landammann die vierstündige Versammlung leiten, das Worte erteilen, zur Kürze mahnen – und am wichtigsten: die Stimmenmehrheit schätzen, gezählt wird an der Landsgemeinde nicht.

In der Zwischenzeit hat sich Neumanns Reisegruppe auf der Zuschauertribüne platziert. »Gibt es keine Vorlage gegen Ausländer? Wir sind doch in der Schweiz«, frotzelt Maximilian, ein Student der Uni Bonn. Ihm und seinen Kommilitonen sind diese Schweizer suspekt. Demokratie, sehr gerne, aber muss es gleich so radikal sein? Muss das Volk alles können dürfen? Hat es tatsächlich immer recht?

Schon am Vortag, als sie das Zentrum für Demokratie in Aarau besuchten, sagte eine der angehenden deutschen Juristinnen: »Es ist doch absurd, wenn Menschenrechtsfragen von parteipolitischen Meinungen bestimmt werden.« Sie verstand nicht, weshalb die Schweiz kein Verfassungsgericht hat. Es wollte ihr nicht in den Kopf, dass zu fast allem eine Volksinitiative eingereicht werden kann. Also Minarette verboten, kriminelle Ausländer ausgeschafft und Sexualstraftäter lebenslang verwahrt werden können: egal, ob das Begehren gegen die Europäischen Menschenrechtskonvention verstößt.

Peter Neumann selbst war nicht immer ein Anhänger der direkten Demokratie. Als Referendar an der Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer schrieb er eine wissenschaftliche Arbeit zum Thema. »Begeistert war ich nicht«, erinnert er sich. Nach und nach aber sah Neumann, wie fehlerhaft die deutsche Fachliteratur zur direkten Demokratie war. Und die Repetitoren empfahlen ihren Studenten für die mündliche Staatsrechtsprüfung: »Wenn Ihnen nichts mehr einfällt, dann sagen Sie einfach: Weimarer Erfahrung – das stimmt im Zweifel immer.« Dabei waren es Wahlen, nicht die Volksentscheide, die damals den Radikalen als Plattform dienten, Deutschland ins Chaos stürzten und später die Nationalsozialisten an die Macht brachten.

Da packte es den Juristen. Vielleicht ist doch etwas dran an Volksinitiative und Referendum. Ja, der Rheinländer aus konservativem christlichen Elternhaus fand gefallen an der anarchistischen Macht aus dem Volk für das Volk.

Heute ist Neumann ein Fan der direkten Demokratie: »Ich war wohl schon häufiger an einer Landsgemeinde als viele Schweizer.« Und er versucht seine Erfahrungen in Deutschland einzubringen. Der Rechtsanwalt beriet die Kommission, die Anfang der neunziger Jahren eine neue Verfassung für das vereinte Deutschland schrieb, er weibelte in den Landtagen von Sachsen oder Nordrhein-Westfalen: »Mit allen habe ich geredet: Müntefering, Möllemann, Rüttgers...« Genützt hat es wenig. Zwar wurde in NRW die Volksgesetzgebung reformiert, aber noch immer tut sich Deutschland schwer mit direkter Demokratie – auch nach den Piratenpartei-Erfolgen und den Erfahrungen mit der Abstimmung über Stuttgart 21. »Es ist eine Machtfrage«, sagt Neumann im Flüsterton, als wir im Reisecar von Aarau nach Bern fahren. Direkte Demokratie fordere in Deutschland jeweils nur jene Partei, die gerade in der Opposition sei. Wer in der Regierung sitzt, will seinen Einfluss nicht teilen – schon gar nicht mit dem unberechenbaren Volk. 24 Jahre lang war Neumann selbst SPD-Mitglied, später wechselte er zur CDU: »Ein Grund dafür war der Versuch der Vereinnahmung der direkten Demokratie durch die politische Linke.«

Die meisten Mitreisenden teilen die Demokratie-Euphorie von Peter Neumann nicht. Die Neulinge seien anfangs immer skeptisch, sagt er: »In einigen Jahren liefen Studenten in die Gasthöfe, um die Leute zu befragen. Die konnten das gar nicht glauben: ›Ihr seid doch bestellt? Das ist doch nicht echt, oder?‹« Aber wenn die jungen Deutschen erst einmal auf den Gästeplätzen im Ring sitzen würden und erlebten, wie Tausende Menschen ihr politisches Schicksal selbst in die Hand nehmen, würden sie übermannt: »Mit Tränen in den Augen schreiben die Studentinnen Postkarten an ihre Professoren: Fahrt in die Schweiz, seht euch das an!«

Nun, an diesem Sonntag gibt es keine Tränen, nur nasse Füße. »Liebi Mitlandlüüt, ds Wort isch fry.« Der Landammann bittet die Glarner ans Mikrofon auf der Tribüne in der Mitte des Ovals. Es ist beeindruckend, wie gesittet sie das tun. Keine Zwischenrufe, kaum Raunen, nicht einmal Applaus. Sogar das scharfe Votum eines Jung-SVPlers endet versöhnlich: mit der devot vorgetragenen Bitte, man möge doch seiner Meinung folgen. Nur als eine notorisch bekannte Brandrednerin das Wort ergreift und ihren Mitlandleuten die Leviten liest, hört man einige Lacher. Doch da haben die Deutschen bereits vor dem immer stärker werdenden Regen kapituliert. Sogar ihr Protokollführer flüchtet aus dem Ring auf die Festbänke eines Kebabstands.

Peter Neumann lässt sich nicht beirren. Ein Landsgemeinde-Gipfeli in der Rechten, einen Kaffee in der Linken, genießt er die letzte Abstimmung. »Mitbestimmen, beteiligen – das ist Kokolores! Es geht ums Entscheiden.« Und sei es nur über die Einführung eines Kampfhundeverbots, das die Glarnerinnen und Glarner gerade jetzt, an diesem Maisonntag, bachab schicken.