König Friedrich VIII.: Graf Kronberg geht spazieren
Erinnerung an einen europäischen Skandal: Im Mai 1912 starb Dänemarks König Friedrich VIII. in einem Hamburger Vergnügungsviertel.
Er ist ein Passant unter vielen, jener elegant gekleidete ältere Herr, der am Abend des 14. Mai 1912 – ein kühler, trockener Dienstagabend – gegen Viertel nach zehn über den Gänsemarkt in Hamburgs Innenstadt geht. In den Theatern senkt sich gerade der Vorhang, und in den Straßen rundum, wo beliebte Restaurants und Nachtlokale liegen, verschwiegene Spielsalons und exklusive Etablissements für den besseren Herrn, herrscht Hochbetrieb. Hanseaten und Gäste, die es sich leisten können, ziehen die Damengesellschaft und das Glücksspiel hier, in Gassen wie der kleinen Schwiegerstraße, dem doch eher vulgären St. Pauli bei Weitem vor.
Der Schritt unseres einsamen Spaziergängers wirkt allerdings etwas unsicher, wie später ein Augenzeuge bemerkt haben will. Doch ernste Aufmerksamkeit erregt er erst, als er nahe dem Restaurant Ehmke plötzlich zu taumeln beginnt, so heftig und so erschreckend, dass mehrere Passanten herbeilaufen, um ihm zu helfen. Sie setzen ihn vorsichtig auf eine Treppenstufe.
Auch ein Vertreter der Obrigkeit – Wachtmeister Konietzke von der Revierwache 12 – ist gleich zur Stelle. Lautstark und immer wieder fragt er nach Name, Stand, Adresse. Seinen Namen aber will der Hilflose nicht nennen, und überhaupt, so scheint es, ist ihm der schnell größer werdende Menschenauflauf überaus peinlich. Dafür gibt er als Adresse deutlich den Hamburger Hof an, ein Luxushotel am nahe gelegenen Jungfernstieg. In diese Richtung versuchen der Wachtmeister und zwei Männer ihn zu führen, aber schon nach wenigen Schritten bricht der Unbekannte zusammen und verliert das Bewusstsein.
Der König genießt das »Treiben der Weltstadt in all seinen Nuancen«
Eine Autodroschke wird angehalten, ein zufällig vorbeikommender Arzt ruft einige Anweisungen, ein zweiter Polizist mischt sich ein. Schließlich wird der Bewusstlose ins Hafenkrankenhaus gefahren. Als man dort gegen 22.30 Uhr eintrifft, kommt jede Hilfe zu spät: Der Mann ist tot. »Meines Erachtens«, konstatiert der diensthabende Arzt nach einer kurzen Untersuchung, »ist der Tod auf Herzschlag zurückzuführen.«
Papiere führte der Unbekannte keine bei sich. Dass er jedoch »höchsten Gesellschaftsklassen« angehört, scheint der Polizei angesichts seiner exquisiten Garderobe offensichtlich. Die Revierwache 12 gibt daher kurz vor Mitternacht eine »Circulardepesche« mit Personenbeschreibung heraus: »1,65 groß, graues Haar, dito Schnurrbart, dunkelgrauer Jackettanzug, dunkler Überzieher, schwarzer steifer Hut, Schnürstiefel. Wegen Schlaganfall Hafenkrankenhaus. Auf Transport verstorben.« Im Hamburger Hof aber, an der Adresse, die der Tote noch hat angeben können, fragt niemand nach. Da verlässt sich jeder auf den anderen, und so wird das Hotel überhaupt nicht benachrichtigt.
König Friedrich VIII. von Dänemark auf einem Gemälde von Otto Bache aus dem Jahr 1911.
Um 2.40 Uhr am Morgen des 15. Mai erscheint dann ein sehr aufgeregter und ratloser Mann auf der Polizeiwache am Stadthaus: der Direktor des Hamburger Hofes. Einer seiner Gäste, ein dänischer Graf, habe das Haus gegen halb zehn zu einem Abendspaziergang verlassen und sei noch nicht zurückgekehrt. »Es wird ein Unglück vermutet«, notiert Kriminalkommissar Pisselhoy. Als er dem Hoteldirektor die Beschreibung des Toten im Hafenkrankenhaus vorliest, dürfte ihn das schiere Entsetzen seines Gegenübers doch etwas gewundert haben. Allerdings nicht lange. Denn ein dänischer Graf ist der Tote, der da seit Stunden unerkannt in der Leichenhalle liegt und den der Hoteldirektor sofort identifiziert, nicht. Sein voller Name lautet Christian Friedrich Wilhelm Carl von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg. Es ist Friedrich VIII., der König von Dänemark.
Seine Majestät – zusammengebrochen in einem Vergnügungsviertel, gestorben in der Autodroschke HH 982, stundenlang anonym und dazu noch mit anderen, bürgerlichen Leichen im Hafenkrankenhaus aufgebahrt – das ist entschieden eine Nummer zu groß für Kommissar Pisselhoy. Er lässt sich die »Effecten« des Verstorbenen aushändigen: »ein Portemonnaie mit 114 Mark und fünf Pfennigen, ein Paar Manschettenknöpfe, eine Kravattennadel, vier Ringe, ein Kneifer, ein Zigarettenetui, zwei Schlüssel, zwei Zettel mit je einer Adresse«. 114 Mark: Das ist ein ziemlicher Batzen Geld.
Den Tod eines regierenden Monarchen, noch dazu unter so peinlichen Umständen, hat es in der Stadtgeschichte noch nicht gegeben. Mehr noch: Nie und nirgendwo ist je ein gekröntes Haupt auf vergleichbare Weise zu Tode gekommen, und so weiß niemand, was nun zu tun, wie zu reagieren ist.






Ein toller Artikel. Sehr schön!
bessere methode abzutretenXD.
kT
Interessantes Thema, gut geschrieben!
hat mir die Geschichte so erzählt: Er starb beim Verkehr im Bordell und weil man wusste wer er war und keine Schwierigkeiten haben wollte, wurde er schnell angezogen und auf die Strasse gebracht.
Die Wahrheit ist das wohl auch nicht ganz, klar dürfte aber sein das er Spaß haben wollte.
Nette Geschichte!
An de Alster, an de Elbe, an de Bill,
Dor kann jeder eener moken, wat he will.
Christian VIII hat's auch getan und sich dabei offensichtlich prächtig amüsiert. Im Gegensatz zum Kaffeebesitzer Kleinschmidt scheint das Etablissement in der Schwiegerstraße, dem Seine Majestät mit letzter Kraft entwichen war, nicht mit dem berühmten Besucher geworben zu haben, obgleich der Vorfall irgendwie doch auch für die Qualität der Damen spricht.
Gute, alte Zeit! Heute liegt Hamburg im Luxustourismus in Deutschland hinter München, Frankfurt, Berlin und Düsseldorf nur auf Platz fünf.
Ich denke, es war ein Fehler, dass man 1922 die Bordelle in der Hamburger Innenstadt geschlossen hat.
Quel faux pas! Da habe ich die Hamburger Affäre doch CHRISTIAN VIII zugeschrieben. Es war natürlich FRIEDRICH VIII, der in Hamburg voll auf seine Kosten kam.
Affären Christians VIII sind mir nicht bekannt, allerdings ist das Leben seines Onkels, König Christian VII, im weitesten Sinne ebenfalls mit Hamburg verbunden:
Steigt man heute vor dem Hamburger Hof, 1912 Absteige König Friedrich VIII, in die S-Bahn Richtung Westen, gelangt man nach 10 Minuten Fahrzeit in den Hamburger Stadtteil Altona. Zu Lebzeiten Christian VII war Altona noch eine eigenständige Stadt im Herzogtum Holstein, das sich unter dänischer Herrschaft befand. Dort hatte der Arzt Johann Friedrich Struensee praktiziert, der 1768 Leibarzt Christian VII geworden war. Struensee war um die fragile Gesundheit seines Patienten derart bemüht, dass er dem König die Besorgung der Staatsgeschäfte abgenommen und sich selbst dieser angenommen hatte. Nicht nur das, Struensee hatte sich auch die Erfüllung der ehelichen Pflichten des Königs auferlegt, die Christian gegenüber seiner jungen und schönen Ehefrau auf das Sträflichste vernachlässigte.
Aber Undank ist der Welten Lohn! Anstatt dem Altonaer Arzt dankbar für den selbstlosen Einsatz um die Gesundheit Seiner Majestät zu sein, hat man ihn einfach hingerichtet.
Auf den jüngst angelaufenen Kinofilm zu dieser Thematik hatte die ZEIT dankenswerterweise bereits hingewiesen [vgl: http://www.zeit.de/kultur... ].
Quel faux pas! Da habe ich die Hamburger Affäre doch CHRISTIAN VIII zugeschrieben. Es war natürlich FRIEDRICH VIII, der in Hamburg voll auf seine Kosten kam.
Affären Christians VIII sind mir nicht bekannt, allerdings ist das Leben seines Onkels, König Christian VII, im weitesten Sinne ebenfalls mit Hamburg verbunden:
Steigt man heute vor dem Hamburger Hof, 1912 Absteige König Friedrich VIII, in die S-Bahn Richtung Westen, gelangt man nach 10 Minuten Fahrzeit in den Hamburger Stadtteil Altona. Zu Lebzeiten Christian VII war Altona noch eine eigenständige Stadt im Herzogtum Holstein, das sich unter dänischer Herrschaft befand. Dort hatte der Arzt Johann Friedrich Struensee praktiziert, der 1768 Leibarzt Christian VII geworden war. Struensee war um die fragile Gesundheit seines Patienten derart bemüht, dass er dem König die Besorgung der Staatsgeschäfte abgenommen und sich selbst dieser angenommen hatte. Nicht nur das, Struensee hatte sich auch die Erfüllung der ehelichen Pflichten des Königs auferlegt, die Christian gegenüber seiner jungen und schönen Ehefrau auf das Sträflichste vernachlässigte.
Aber Undank ist der Welten Lohn! Anstatt dem Altonaer Arzt dankbar für den selbstlosen Einsatz um die Gesundheit Seiner Majestät zu sein, hat man ihn einfach hingerichtet.
Auf den jüngst angelaufenen Kinofilm zu dieser Thematik hatte die ZEIT dankenswerterweise bereits hingewiesen [vgl: http://www.zeit.de/kultur... ].
Quel faux pas! Da habe ich die Hamburger Affäre doch CHRISTIAN VIII zugeschrieben. Es war natürlich FRIEDRICH VIII, der in Hamburg voll auf seine Kosten kam.
Affären Christians VIII sind mir nicht bekannt, allerdings ist das Leben seines Onkels, König Christian VII, im weitesten Sinne ebenfalls mit Hamburg verbunden:
Steigt man heute vor dem Hamburger Hof, 1912 Absteige König Friedrich VIII, in die S-Bahn Richtung Westen, gelangt man nach 10 Minuten Fahrzeit in den Hamburger Stadtteil Altona. Zu Lebzeiten Christian VII war Altona noch eine eigenständige Stadt im Herzogtum Holstein, das sich unter dänischer Herrschaft befand. Dort hatte der Arzt Johann Friedrich Struensee praktiziert, der 1768 Leibarzt Christian VII geworden war. Struensee war um die fragile Gesundheit seines Patienten derart bemüht, dass er dem König die Besorgung der Staatsgeschäfte abgenommen und sich selbst dieser angenommen hatte. Nicht nur das, Struensee hatte sich auch die Erfüllung der ehelichen Pflichten des Königs auferlegt, die Christian gegenüber seiner jungen und schönen Ehefrau auf das Sträflichste vernachlässigte.
Aber Undank ist der Welten Lohn! Anstatt dem Altonaer Arzt dankbar für den selbstlosen Einsatz um die Gesundheit Seiner Majestät zu sein, hat man ihn einfach hingerichtet.
Auf den jüngst angelaufenen Kinofilm zu dieser Thematik hatte die ZEIT dankenswerterweise bereits hingewiesen [vgl: http://www.zeit.de/kultur... ].
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