Nordrhein-Westfalen ist der Klimasündenpfuhl Deutschlands. Nirgendwo sonst erzeugen Kraftwerke, Industrie und Verbraucher mehr Treibhausgase. 317.000 Tonnen sind es pro Jahr, jede dritte Tonne der klimaschädlichen Substanzen . Pro Kopf sind das schon fast amerikanische Ausmaße. Und fast jede zweite Tonne Kohlendioxid, die in Deutschland ein Großbetrieb gen Himmel bläst, stammt aus diesem Bundesland – das allerdings nicht allen Strom für den Eigenbedarf produziert, sondern etwas auch in andere Regionen exportiert.

Da können die Bayern noch so viele Solaranlagen auf ihre Äcker und die Niedersachsen Windräder in die Nordsee stellen: Wenn Nordrhein-Westfalen (NRW) so bleibt, bleibt der Klimaschutz in Deutschland auf der Strecke – und damit die größte Herausforderung des 21. Jahrhunderts, wie Angela Merkel sagt. Aus der Energiewende, dem größten Projekt der Regierung Merkel , wird dann ebenfalls nichts. Sie wird dann eine Illusion bleiben.

Eigentlich müsste es also hoch herge- hen in diesem Wahlkampf, im Energieland NRW, müssten die politischen Gegner einander mit ehrgeizigen Konzepten zum Klimaschutz regelrecht überbieten. Darüber ließe sich doch herrlich streiten, insbesondere, da mit Bundesumweltminister Norbert Röttgen Deutschlands oberster amtlicher Klimaschützer CDU-Spitzenkandidat ist. Doch tatsächlich ist der Schlagabtausch nur rituell. Röttgen versagt bei der Energiewende, behauptet Hannelore Kraft (SPD), die amtierende Ministerpräsidentin. Nordrhein-Westfalen hat die Energiewende verschlafen, kontert Röttgen.

Das ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Bundesweit wurden im vergangenen Jahr bereits 20 Prozent des Stroms und gut zehn Prozent des Wärmebedarfs durch regenerative Quellen gedeckt; NRW hinkt mit schätzungsweise sieben beziehungsweise vier Prozent hinterher. An Rhein und Ruhr wird hauptsächlich Kohle verbrannt – rund 70 Prozent des Stroms kommen aus Kohlekraftwerken, so viel wie nirgendwo sonst. Das belastet auch die Wirtschaft: Die Stromkunden in NRW haben im vergangenen Jahr an andere Bundesländer 2,2 Milliarden Euro mehr an Einspeisevergütungen für Ökostrom bezahlen müssen, als von dort nach NRW zurückgeflossen ist, hat der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft ausgerechnet. Tatsächlich fördern die Menschen in NRW mit ihrer Grünstrom-Umlage vor allem Ökostromproduzenten in Süddeutschland, weil sie zwar viel Strom verbrauchen, im eigenen Bundesland aber nur verhältnismäßig wenig mit geförderten Windrädern und Solarmodulen erzeugen.

Das Versäumnis versucht Röttgen im Wahlkampf der rot-grünen Landesregierung anzulasten. Doch die ist erst seit 20 Monaten im Amt, die Ursachen gehen auf die Politik von CDU und FDP zurück, die von 2005 bis 2010 das Land regierten. "Kaputt machen" wollte der damalige Bauminister Oliver Wittke (CDU) die Windkraft, in der er eine ideologisch begründete "Verspargelung der Landschaft" sah. Mit einem Erlass bremste Wittke, inzwischen Generalsekretär der NRW-CDU, tatsächlich den Bau neuer Windräder. Das Resultat: Seit 2005 stieg die Leistung der Windkraftanlagen bundesweit um fast 50 Prozent – in Nordrhein-Westfalen aber nicht einmal um ein Drittel. Rot-Grün änderte zwar den Erlass zugunsten der Windkraftbetreiber, selbst der Energieversorger RWE lobt den Schwenk. Doch der Rückstand von sechs Jahren ließ sich bisher nicht aufholen.

Auch sonst waren die Versuche beider Lager, den Klimaschutz im Industrieland NRW stärker zu verankern, bisher wenig erfolgreich. Im Jahr 2008 verabschiedete Schwarz-Gelb eine "Energie- und Klimaschutzstrategie", mit der bis 2020 gleich 33 Prozent der Treibhausgasemissionen gegenüber 1990 eingespart werden sollten. In bindende Gesetzesform wollte die CDU ihre Strategie aber nicht verwandeln. Sie blieb weitgehend folgenlos.

In diesem Jahr versuchte Rot-Grün, ein verbindliches Klimaschutzgesetz durchzusetzen, doch auf Druck der Industrie und von Teilen der SPD musste der grüne Umweltminister das Gesetz nach langwierigen Diskussionen zunächst entschärfen – bevor es dann nach der ersten Lesung den Neuwahlen zum Opfer fiel. Bis 2020 sollten in NRW 25 Prozent der Treibhausgasemissionen gegenüber 1990 eingespart werden, bis 2050 mindestens 80 Prozent, so der Entwurf von Krafts Klimaschutzgesetz, mit dem sie nun zur Wahl antritt. Wie diese Einsparungen erzielt werden sollen, lässt der Gesetzesvorschlag aber offen. Das sollte erst in einem Dialog mit Kommunen, Umweltorganisationen und Industrie erörtert werden.