Grossbritannien"You’ll never walk alone"

In Großbritannien fordern Kritiker, die EU zu verlassen. Was für ein Unfug!

Großbritannien ist an einen Leichnam gefesselt. Klinisch ist die Euro-Zone zwar noch nicht tot, aber dass sie jemals wieder aus dem Koma erwacht, ist ausgeschlossen. Wenn sie dann schließlich unter die Erde kommt, wird sie die britische Wirtschaft mit ins Grab reißen.

Mit diesem dramatischen Gleichnis mischen sich immer mehr britische Konservative in die Euro-Debatte ein. Es ist »die Krise der anderen«, sagen sie, eine Krise, die den britischen Aufschwung verhindere. Nachdem die Torys bei den Kommunalwahlen in der vergangenen Woche ausgesprochen miserabel abgeschnitten haben, wächst nun der Druck auf Premierminister David Cameron, seine Europapolitik radikal zu ändern. Wolle Großbritannien wirtschaftlich wieder wachsen, müsse es die Europäische Union verlassen, fordern die Kritiker.

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Politisch ist der Slogan so eingängig wie eine gute Waschmittelreklame. Seit die Briten 1973 der Wirtschaftsgemeinschaft beitraten, war die politische Integration nicht mehr als der Preis für die wirtschaftlichen Vorteile des Binnenmarktes. Ein Traum war Europa für die meisten Briten nie. So lässt sich aus anti-europäischer Rhetorik leicht politisches Kapital schlagen. Jedoch sind die Argumente für den Austritt eine Mischung aus grobem Unfug und Träumerei.

Tatsache ist: Mehr als die Hälfte aller britischen Exporte gehen in die EU. Daran hängen rund 3,5 Millionen Jobs, über zehn Prozent aller Arbeitsplätze. Zudem stammen mehr als die Hälfte aller Auslandsinvestitionen aus einem der 27 Mitgliedsstaaten. Die Vorteile einer Mitgliedschaft aufzugeben wäre schlicht unverantwortlich, findet daher auch David Cameron.

Aber, erwidern die Skeptiker, weil die Handelsbilanz negativ ist, die Briten also mehr aus Europa importieren als sie dorthin ausführen, säßen sie am längeren Hebel. Als Exportmarkt bliebe Großbritannien für die EU-Länder auch nach einem Austritt genauso wichtig wie bisher. Die Vorteile des Binnenmarktes könnten dann leicht durch bilaterale Handelsverträge gesichert werden. Zudem wären britische Unternehmen die wachstumshemmenden Einmischungen eurokratischer Regulierer los.

Einen Punkt muss man den Skeptikern zugestehen. Die nicht zuletzt von Deutschland vorangetriebenen Pläne für eine europäische Finanzmarktsteuer sind nicht nur unsinnig, weil sie nachweislich das Wirtschaftswachstum mindern, nicht aber das Risiko für den Steuerzahler. Sie würde zudem nirgends so schwer ins Gewicht fallen wie in London, dem wichtigsten Finanzplatz Europas. Davon abgesehen aber, kann niemand beziffern, welche Kosten Großbritannien tatsächlich durch Brüsseler Richtlinien zur Arbeits- und Sozialgesetzgebung oder zum Umweltschutz entstehen. Keine britische Regierung würde diese Regeln einfach abschaffen. Immerhin gibt es auf der Insel seit zehn Jahren den Mindestlohn, und der wurde nicht von Brüssel vorgeschrieben. Auch fragt man sich, wie der deutsche Mittelstand mit denselben Auflagen klarkommt und trotzdem globaler Exportweltmeister ist. Die Antwort ist einfach: Die Briten haben, sieht man einmal vom Finanzsektor ab, die Wachstumschancen der Globalisierung in den letzten Jahrzehnten regelrecht verschlafen. Großbritannien exportiert mehr nach Irland als nach Brasilien, Russland, Indien und China zusammen. Es gibt auch zu wenig zu exportieren, weil die britische Industrieproduktion seit dreißig Jahren kontinuierlich abnimmt.

Fantasien, die Finanzdienstleister der City of London könnten doch die anschwellenden Kapitalströme aus Südamerika, Südostasien und Afrika verwalten, sind genau das – Fantasien. Die Regeln für den Kapitalverkehr im Rest der Welt werden künftig wohl eher in Peking denn in London geschrieben. Wer anderes glaubt, hat das Empire von gestern vor Augen, nicht die Realität von heute.

Wären die Antieuropäer aufgeweckter, würden sie einsehen, dass ein vom größten Binnenmarkt der Welt losgelöstes Großbritannien im Strudel der sich verändernden globalen Machtverhältnisse sang- und klanglos untergehen würde. Und sie würden akzeptieren, dass Großbritannien, ob es will oder nicht, ein lebenswichtiges Organ des Komapatienten Euro-Zone ist. Ihn zu retten ist für Großbritannien schlicht eine Frage des eigenen Überlebens.

 
Leserkommentare
  1. >>Die nicht zuletzt von Deutschland vorangetriebenen Pläne für eine europäische Finanzmarktsteuer sind nicht nur unsinnig, weil sie nachweislich das Wirtschaftswachstum mindern, nicht aber das Risiko für den Steuerzahler.<<

    Wer hat das nachgewiesen, wann, wer hat die Studie gemacht und wo ist der Link dazu?
    Völliger Humbug, in den 80er Jahren gab es das doch schon, die Finanztransaktionssteuer. Ebenso übrigens wie die Trennung von Investment- und Geschäftsbanken. Das einzige, was eine derartige Steuer verhindert, ist das Weiterwuchern des Finanzkrebses.

    >>Es ist »die Krise der anderen«, sagen sie, eine Krise, die den britischen Aufschwung verhindere.<<

    Aber das Geld der anderen war in den letzten 30 Jahren immer gut genug, nicht wahr?
    Zum Aufbau des heute so vielbeschworenen Finanzdistrikts zum Beispiel.
    Der einzige Grund, warum UK jemals der EU beigetreten ist, war es, zu verhindern, daß sich Frankreich und Deutschland auf dem Kontinent gar zu einig werden, worüber auch immer. Zumindest gewinne ich mehr und mehr diesen Eindruck.

    Die Inselbewohner wollen nicht?
    Dann sollen sie abstimmen und entweder ganz zur EU gehören - was bedeutet, kein Pfund mehr und keine Extrawürste - oder eben ganz nicht mehr dabeisein und aus der EU austreten.

    Aber man möge sich endlich entscheiden. Dieses permanente Gezerre ist auf Dauer echt nicht mehr zu ertragen.

    9 Leserempfehlungen
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    Dieses permanente Gezerre ist auf Dauer echt nicht mehr zu ertragen.

    ... lässt sich m. E. am besten dadurch beenden, dass jede Nation soweit an Europa teilnimmt, wie sie es vertragen kann. Jedes Mitgliedsland hat noch sehr weitgehend ihre eigene Öffentlichkeit, keine spezifisch im EU-Sinne. Großbritannien hat industriepolitisch sicher große Fehler gemacht, aber Euroland war unser Fehler, nicht ihrer.

    Ich empfinde die britische Euro-Skepsis als Bereicherung für Europa. Als ideologisches "Muss" wird die europäische Idee letztlich mehr Ressentiments als Beigeisterung hervorrufen.

    Dieses permanente Gezerre ist auf Dauer echt nicht mehr zu ertragen.

    ... lässt sich m. E. am besten dadurch beenden, dass jede Nation soweit an Europa teilnimmt, wie sie es vertragen kann. Jedes Mitgliedsland hat noch sehr weitgehend ihre eigene Öffentlichkeit, keine spezifisch im EU-Sinne. Großbritannien hat industriepolitisch sicher große Fehler gemacht, aber Euroland war unser Fehler, nicht ihrer.

    Ich empfinde die britische Euro-Skepsis als Bereicherung für Europa. Als ideologisches "Muss" wird die europäische Idee letztlich mehr Ressentiments als Beigeisterung hervorrufen.

    • Eimmot
    • 11.05.2012 um 20:45 Uhr

    Was exportieren die Briten eigentlich nach Europa? Whisky, Chips und Kekse, noch was? Made in GB liest man doch eher selten. Für Hinweise bin ich dankbar.

    8 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Wers glaubt....."
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    >>Was exportieren die Briten eigentlich nach Europa? [...] Für Hinweise bin ich dankbar.<<

    Na, stuff halt, wie alle anderen auch :D
    Ein Hinweis läßt sich hier finden:
    http://www.guardian.co.uk...

    Das ist es ja gerade: wenn UK die EU verläßt, ändert sich erst mal nichts. Die Insulaner exportieren weiter, sie importieren weiter. Wir haben immer noch den Euro und die immer noch das Pfund, auch hier keine Änderung.
    Und falls England dann doch untergeht, haben sie halt Pech gehabt.

    >>Was exportieren die Briten eigentlich nach Europa? [...] Für Hinweise bin ich dankbar.<<

    Na, stuff halt, wie alle anderen auch :D
    Ein Hinweis läßt sich hier finden:
    http://www.guardian.co.uk...

    Das ist es ja gerade: wenn UK die EU verläßt, ändert sich erst mal nichts. Die Insulaner exportieren weiter, sie importieren weiter. Wir haben immer noch den Euro und die immer noch das Pfund, auch hier keine Änderung.
    Und falls England dann doch untergeht, haben sie halt Pech gehabt.

  2. >>Was exportieren die Briten eigentlich nach Europa? [...] Für Hinweise bin ich dankbar.<<

    Na, stuff halt, wie alle anderen auch :D
    Ein Hinweis läßt sich hier finden:
    http://www.guardian.co.uk...

    Das ist es ja gerade: wenn UK die EU verläßt, ändert sich erst mal nichts. Die Insulaner exportieren weiter, sie importieren weiter. Wir haben immer noch den Euro und die immer noch das Pfund, auch hier keine Änderung.
    Und falls England dann doch untergeht, haben sie halt Pech gehabt.

    4 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Export nach Europa"
  3. Entfernt. Bitte verzichten Sie auf diskriminierende Äußerungen. Die Redaktion/vn

    • joG
    • 11.05.2012 um 22:17 Uhr
    13. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Anfeindungen anderer User und diskutieren Sie ausschließlich zum Artikelthema. Danke. Die Redaktion/vn

    Antwort auf
  4. ...welches man schon seit geraumer Zeit für alle Euro-Staaten benutzt: zu klein, nicht überlebensfähig, abhängig. Als ob mit dem Austritt aus einer Freihandelszone die Welt zusammenbricht. Handel findet ja trotzdem statt und ob und wieviel verzollt wird, usw. hängt von beiden Seiten ab.

    Das typische EU-Argument mit dem Frieden zieht wohl nicht mehr so richtig, nachdem die zivile Unruhe steigt und die Wahlen nicht mehr genehm ausfallen, sondern einen deutlichen Ruck in radikalere Gefilde andeuten. Da verlegt man sich lieber aufs Angst machen.

    7 Leserempfehlungen
  5. Ja,es ist Unfug, dassEs GB ohne EU besser gehen würde. Aber das Untergangsgerede ist ebenso Unfug. Die EU sollte nicht mehr ideologisch überhöht werden. Europa ist nicht die EU, Eruopa sind viele Menschen. Die EU ist nur eine Institution, die nicht mehr funktioniert. Der Zuspruch für die EU kommt vor allem aus Ecken, die sich finanzielle Unterstützung erhoffen oder von Politikern und Bürokraten, die ihre Macht und ihr Einkommen nur durch die EU legitimieren können. Aber die EU ist nicht wirklich demokratisch, selbst bei einem gerechten Wahlschlüssel für das EU-Partlament, ohne eine wirkliche europäische Öffentlichkeit (gesamt europäische Medien [Zeitungen, Netz usw.]und deren Konsumenten) kann es kein demokratisches Europa geben. Derzeit ist es aber so, dass das Philosophieren franzöischér Experten Gelächter hervorruft, da es völlig realitätsfern ist. Und was deutsche Experten sagen kommt Franzosen völlig diktatorisch vor. Wir haben keine gemeinsame Sprache.

    3 Leserempfehlungen
    • cronus
    • 12.05.2012 um 3:48 Uhr

    Die Briten wissen das sich die Wirtschaftskraft der Welt um Asian, den Amerikas, und dem Mittelosten dreht. Wenn man die deutsche Wirtschaft nich zaehlt, dann ist die Kraft der EU wirklich von Oliven Oel und Trueffeln betrieben. Die Briten waren weise ihre eigen Waehrung zu behalten, denn nur sie ist die einzige Garantie schlechte Zeiten zu meistern. Deutschland ist wirklich verloren in der EU. Die Kaeufer deutscher Produkte sind in Zukunft nicht die Europaer, die koennen sich die nicht mehr leisten weil der Pump in den Krisen futsch ging. Mit einer eigenen Waehrung und den Markt in der nicht europaeischen Welt wuerde D'land ganz gut ueber die Runden kommen in Zukunft. Aber mit den Hilfsbeduerftigen in der EU, und dem eigenen Land, reicht die deutsche Wirtschaft nicht aus alle zu decken. Die Briten wissen das. Ausserdem hat wohl jede EU Nation es satt von Bruessel bevormundet zu werden.

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