Finanzkrise : Wachstum für die WG

Ein EU-Pakt soll das Leid der Südstaaten lindern. Geht das überhaupt?
Eingeworfene Scheibe eines Geschäfts nach Protesten in Barcelona © Getty Images

So schnell wird aus einem Schreckgespenst ein geschätzter Partner: Man werde »gemeinsam einen Wachstumspakt erarbeiten in Europa «, kündigte Bundesaußenminister Guido Westerwelle an, als die ersten Meldungen über den Wahlsieg von François Hollande am Sonntag Berlin erreichten.

Wenn ein deutscher Liberaler einem französischen Sozialisten die Hand reicht , dann zeugt das von politischer Flexibilität in einem Europa, das angesichts der hypernervösen Finanzmärkte zur Zusammenarbeit gezwungen ist. Es zeugt aber auch von der Dehnbarkeit der Begriffe. Für eine Wachstumsinitiative sind alle – aber wie sie aussehen soll, das ist umstritten.

Es steht viel auf dem Spiel. Vor fast genau zwei Jahren begann mit dem ersten Hilfspaket für die Griechen der Kampf gegen die Währungskrise. Die Deutschen haben die Regeln dieses Kampfes festgelegt: Geld gibt es nur gegen harte Reformen. Für die Menschen in den Krisenstaaten wurde seither alles schlimmer. In Spanien ist jeder zweite Jugendliche ohne Arbeit , Griechenland droht nach den Chaoswahlen vom Wochenende die Unregierbarkeit. Einige Investoren setzen bereits darauf, dass die Währungsunion noch in diesem Jahr zerbricht.

Braucht Europa also einen Neuanfang in der Krisenpolitik? Und wie könnte er aussehen?

Die Suche nach einer Antwort füllt ganze Bibliotheken. Seit der britische Ökonom John Maynard Keynes in der großen Depression vor 80 Jahren empfahl, die Nachfrage im wirtschaftlichen Tief mit kreditfinanzierten Staatsausgaben zu stützen, streiten sich die Gelehrten.

Die Deutschen sagen: Europa braucht Hartz IV

Keynes glaubte, dass eine notleidende Wirtschaft ohne staatliche Hilfe in eine Abwärtsspirale gerät, aus der sie sich nicht mehr selbst befreien kann. Dann kann ein Land sparen, wie es will, die Defizite steigen, weil die Steuereinnahmen wegbrechen. Deshalb sollen die Regierungen im Abschwung mehr Geld ausgeben und im Aufschwung sparen: Schulden , so das Fazit von Keynes, lassen sich in der Not nur mit mehr Schulden bekämpfen.

Seine Gegner halten das für grundfalsch. Die Märkte fänden auch von selbst wieder ihr Gleichgewicht, argumentieren sie. Das Defizit entschlossen zu vermindern könne die Konjunktur sogar beleben. Die Logik: Wenn die Schulden sinken, fassen die Firmen und Haushalte wieder Vertrauen. Dann geben sie mehr Geld aus und machen den Rückgang der Staatsausgaben wett.

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Kommentare

20 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Der Tanz ums goldene Kalb

Die Finanzmärkte gehören streng reguliert, die Transaktionen besteuert.
Schluss mit Spielcasino und Funny Money.

Den Tanz ums goldene Kalb, den die Mainstream-Medien und die Politik veranstalten, ist einfach nur noch skurril.

Dadurch auch logischerweise der Bruch mit der Bevölkerung, was sich jetzt auch in den Wahlergebnissen niederschlägt.

Die wirklichen Lösungsmöglichkeiten werden in dem Artikel mal wieder nicht genannt.

Es muss eine Umverteilung von Oben nach Unten stattfinden. Dafür müssen die Steuern für Reiche und Unternehmen erhöht werden. Und nicht wie die letzten 20 Jahre gesenkt.

Alternativ können auch Schuldenschnitte stattfinden.
Wie auch immer: Im Resultat würden Vermögen und Schulden sinken.

Oder man fährt den jetzigen Kurs weiter, der unausweichlich in den Crash führt. Mit unkalkulierbaren Folgen.

Europe’s Economic Suicide
http://www.nytimes.com/20...

müde geworden

es ist doch langweilig, immer von wachstum zu reden, und wie doll es ist, wenn menschen mehr und mehr konsumieren, weil sie sonst unglücklich sterben.
dann sollen die südstaaten aus der EU raus, weniger importieren und trotzdem gut leben.
was ist es für eine lebenseinstellung, die in der presse den menschen suggeriert wird?
wo jeder klein angestellte angeblich ahnung von hochfinanz hat, und kommentare in "wir" form schreibt, als ob man ihn jemals mehr involviert hätte, ausser sich an der rechnung zu beteiligen.

fakt ist, dass waren auch abnehmer brauchen, sonst enden sie als ladenhüter. deswegen sollte man seine kunden nicht vergraulen.

Endlich mal ein Artikel mit ökonomische Substanz

Aus dem Artikel: "Ohne eigene Währung ist die Sache mit dem Ankurbeln also ziemlich kompliziert." Richtig! Hier ein paar zusätzliche Bemerkungen:

1. Problem: die Krisenländer haben alle strukturelle Leistungsbilanzdefizite, weshalb ihnen Euro fehlen und sie ihre Schulden nicht bezahlen können. Eine Wirtschaftsbelebung würde diese Defizite verschlimmern. Dilemma: bessere Konjunktur heißt mehr Verschuldung, weniger Verschuldung heißt schlechtere Konjunktur. Lösung: Auflösen der Währungsunion, so dass Abwertungen die Exporte fördern trotz gleichzeitiger Konjunkturbelebung.
(Das Problem ist analog zum Goldstandard in der Weltwirtschaftskrise, wo die Nationen sparen mussten, um außenwirtschaftlich nicht pleite zu gehen.)

2. Problem: Das Geld für eine Konjunkturbelebung muss entweder vom Norden geborgt oder von der EZB gedruckt werden. Im ersten Fall steigt die offene Verschuldung, im zweiten Fall droht Inflation für die gesamte Eurozone *und* (via Targetsalden) eine versteckte Verschuldung dem Norden gegenüber. Das heizt politisch-wirtschaftliche Verteilungskonflikte und die üblichen Ressentiments an. Lösung: Auflösung der Eurozone.

Die Lösung der Krisenstaaten aus dem Euro ist kein feindseliger Akt, kein "Rausschmeißen" und keine Geste deutscher Überheblichkeit, sondern eine finanztechnische Maßnahme zur Überwindung der Krise. Europa würde seine "Verantwortung" (sofern es sie hat) gegenüber den leidenden Staaten dadurch nicht abgeben, sondern im Gegenteil wahrnehmen.