So schnell wird aus einem Schreckgespenst ein geschätzter Partner: Man werde »gemeinsam einen Wachstumspakt erarbeiten in Europa «, kündigte Bundesaußenminister Guido Westerwelle an, als die ersten Meldungen über den Wahlsieg von François Hollande am Sonntag Berlin erreichten.

Wenn ein deutscher Liberaler einem französischen Sozialisten die Hand reicht , dann zeugt das von politischer Flexibilität in einem Europa, das angesichts der hypernervösen Finanzmärkte zur Zusammenarbeit gezwungen ist. Es zeugt aber auch von der Dehnbarkeit der Begriffe. Für eine Wachstumsinitiative sind alle – aber wie sie aussehen soll, das ist umstritten.

Es steht viel auf dem Spiel. Vor fast genau zwei Jahren begann mit dem ersten Hilfspaket für die Griechen der Kampf gegen die Währungskrise. Die Deutschen haben die Regeln dieses Kampfes festgelegt: Geld gibt es nur gegen harte Reformen. Für die Menschen in den Krisenstaaten wurde seither alles schlimmer. In Spanien ist jeder zweite Jugendliche ohne Arbeit , Griechenland droht nach den Chaoswahlen vom Wochenende die Unregierbarkeit. Einige Investoren setzen bereits darauf, dass die Währungsunion noch in diesem Jahr zerbricht.

Braucht Europa also einen Neuanfang in der Krisenpolitik? Und wie könnte er aussehen?

Die Suche nach einer Antwort füllt ganze Bibliotheken. Seit der britische Ökonom John Maynard Keynes in der großen Depression vor 80 Jahren empfahl, die Nachfrage im wirtschaftlichen Tief mit kreditfinanzierten Staatsausgaben zu stützen, streiten sich die Gelehrten.

Die Deutschen sagen: Europa braucht Hartz IV

Keynes glaubte, dass eine notleidende Wirtschaft ohne staatliche Hilfe in eine Abwärtsspirale gerät, aus der sie sich nicht mehr selbst befreien kann. Dann kann ein Land sparen, wie es will, die Defizite steigen, weil die Steuereinnahmen wegbrechen. Deshalb sollen die Regierungen im Abschwung mehr Geld ausgeben und im Aufschwung sparen: Schulden , so das Fazit von Keynes, lassen sich in der Not nur mit mehr Schulden bekämpfen.

Seine Gegner halten das für grundfalsch. Die Märkte fänden auch von selbst wieder ihr Gleichgewicht, argumentieren sie. Das Defizit entschlossen zu vermindern könne die Konjunktur sogar beleben. Die Logik: Wenn die Schulden sinken, fassen die Firmen und Haushalte wieder Vertrauen. Dann geben sie mehr Geld aus und machen den Rückgang der Staatsausgaben wett.