FlugsicherheitRette sich, wer kann

Sind wir auf Notfälle beim Fliegen ausreichend vorbereitet? Ein Sicherheitstraining in London simuliert Bruchlandungen und zeigt Passagieren, wie sie heil aus der Maschine kommen. von Andreas Spaeth

Sicherheitshinweise im Flugzeug sollten nicht routiniert überhört werden.

Sicherheitshinweise im Flugzeug sollten nicht routiniert überhört werden.  |  © CC BY-ND 2.0 Bob B. Brown/flickr

Der Himmel über London strahlt blau am frühen Nachmittag, doch in der Flugzeugkabine sehe ich schwarz. Das Triebwerk lärmt bedrohlich, die Maschine ruckelt heftig, scheint zu trudeln, dann setzt sie knallhart und abrupt auf. Sofort quillt dichter Rauch aus den Gepäckfächern, der Pilot schreit über Lautsprecher: »Evakuieren! Evakuieren!«, die Flugbegleiter reißen die Türen auf und brüllen: »Hierher! Raus!« Wir Fluggäste zerren an den Sicherheitsgurten. Mein Sitznachbar hat plötzlich Mühe, den einfachen Schnappmechanismus zu öffnen, drückt verzweifelt auf einen Knopf, der gar nicht da ist. Verwechselt er den Gurt mit dem seines Autos? Einmal aufgestanden, schwindet die Sicht völlig. Der Rauch vernebelt die Kabine. Nur tief gebeugt erkenne ich die farbigen Leuchtmarkierungen am Boden, die den Weg in Richtung Ausgang weisen. Ich stoße mit anderen Passagieren zusammen, es wird gedrängelt, geschoben. Nach wenigen Metern und endlos gedehnten Sekunden die Erlösung: Ich bin draußen, hab’s geschafft!

Auch alle anderen Passagiere sind glücklich aus der Kabine entkommen. Das ist leicht zu überblicken, denn wir sind nur zu zwölft: ein Dutzend Vielflieger aus ganz Europa, die den »Flight Safety Awareness Course« der British Airways (BA) in London-Heathrow absolvieren – von ihren Firmen entsandt oder auf eigene Rechnung. Noch leicht angespannt nach der Bruchlandungssimulation, stehen wir neben dem Teilnachbau einer Boeing-737-Kabine im BA-Schulungszentrum. Der sogenannte Kabinentrainer, das verkürzte Segment eines Flugzeugrumpfs, verfügt gerade mal über acht Sitzreihen. Mit hydraulischen Metallarmen lässt sich die große Tonne schütteln und neigen, hinzu kommen Triebwerksgeräusche vom Band. So wird, wahrhaft mitreißend, der Eindruck einer Notlandung erzeugt.

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Nun wieder auf festem Grund, müssen wir uns eingestehen: Souverän haben wir die Übung nicht gemeistert. Dabei sitzen die meisten von uns mindestens einmal pro Woche im Flugzeug. Jeder hat die Sicherheitshinweise der Besatzungen tausendmal gehört – und sie meist wie eine lästige Routine ausgeblendet. So hält es die große Mehrheit der jährlich über zwei Milliarden Fluggäste weltweit. Laut Umfragen interessieren sich nicht einmal 20 Prozent aller Passagiere für die Sicherheitshinweise. Diese Achtlosigkeit möchte uns Andy Clubb, ein drahtiger Typ um die 50, ein für alle Mal austreiben – mithilfe seines Safety-Awareness-Teams, zu dem neben dem langjährigen Flugbegleiter noch zwei erfahrene Kolleginnen und ein Pilot gehören. Clubb kämpft gegen einen weitverbreiteten Fatalismus: Wenn ein Flugzeug abstürzt, kann man doch eh nichts mehr machen! Clubb hält dagegen: Die Mehrzahl aller Unfälle kann man überleben! Fehler während der Evakuierung führten allerdings immer wieder zu Todesfällen. »Wir wollen niemandem Angst vor dem Fliegen machen. Wir möchten euch beibringen, im Ernstfall die Situation zu meistern.«

British Airways ist unter den großen Fluggesellschaften die einzige mit einem derartigen Kursangebot. Die meisten Airlines scheuen davor zurück, ihre Passagiere über das vorgeschriebene Maß hinaus mit dem Thema Sicherheit zu konfrontieren. »Der Gast erfährt alles Notwendige, wenn er die Sicherheitshinweise aufmerksam verfolgt«, hat Lufthansa-Sprecher Michael Lamberty erst kürzlich gesagt. »Zusatzschulungen sind weitgehend unnötig.« Möglicherweise befürchten die Fluggesellschaften aber auch, dass Übungen dieser Art irrationale Ängste schüren. Schließlich ist Fliegen statistisch betrachtet eine extrem sichere Beförderungsart. Einigen Großkunden von British Airways hat die Grundvorsorge aber nicht gereicht. Sie drängten die Airline deshalb schon vor Jahren, viel reisenden Mitarbeitern Extraschulungen anzubieten. 2007 fand der erste entsprechende Kurs im Trainingszentrum Heathrow statt. Inzwischen gibt es jährlich rund 50 Passagiertrainings.

Nach der simulierten Bruchlandung geht es zur Manöverkritik zurück in die Kabinenattrappe. Jetzt übernimmt Sue Thorne, eine der beiden Flugbegleiterinnen. »Seid schon beim Einsteigen wachsam«, sagt sie, »zählt die Reihen bis zum nächsten Ausgang vor und hinter eurem Sitz. Bei Rauch in der Kabine müsst ihr euch notfalls tastend vorwärtsbewegen.« Dann gibt sie uns einen Rat, der albern erscheinen mag, wenn man die Übung nicht mitgemacht hat: »Wir empfehlen, vor jedem Abflug den Gurt vier-, fünfmal zu öffnen und zu schließen, um sich die Bewegung wirklich einzuprägen.« In Paniksituationen würden selbst einfache Handgriffe zu echten Herausforderungen. Da verwechselt man gern mal den Gurt im Flieger mit einem Autogurt – und sitzt fest.

Dann ist Clubb wieder dran, wir üben die brace position, die probate Körperhaltung bei einer Bruchlandung. Vorhin, als es drunter und drüber ging, hatte keiner von uns richtig dagesessen. Richtig ist: Der Kopf muss runter, auf die Knie, oder dorthin, wo er sonst aufschlagen würde, etwa auf die Rückseite der Vorderlehne. So verhindert man den »Klappmessereffekt« beim Aufprall. Dabei fliegt der Kopf nach vorn, die Beine schnellen hoch, was zu Kopfverletzungen, Beinbruch und Quetschungen innerer Organe führen kann. Als kleinen Schocker zwischendurch zeigt das Team ein Video mit Testdummys, die es – ohne Schutzhaltung – schon beim leichten Aufprall zerlegt. »In der brace position gehört eure starke Hand auf den Hinterkopf«, sagt Clubb. »Die andere kommt obendrauf. Falls die Finger brechen, könnt ihr mit der Haupthand noch die Gurtschnalle öffnen.« Wir denken nicht gern an gebrochene Glieder. Aber wir staunen doch über die Menge an Informationen, die neu für uns sind und überlebenswichtig zu sein scheinen.

Es folgt ein besonders schwerer Brocken Fluchtwissen: das Öffnen der Türen. Bisher haben sich die Flugzeugbauer auf keine einheitliche Mechanik geeinigt. Mitunter gibt es drei verschiedene Bautypen in einem einzigen Flieger. Eine besondere Rolle spielt für Fluggäste der Ausstieg über den Tragflächen. Die Tür müssen sie im Notfall nämlich selbst öffnen. Viele Billig-Airlines verkaufen die entsprechenden Plätze gegen Aufpreis – der größeren Beinfreiheit wegen. Dabei ist vorgeschrieben, dass am Notausstieg nur Personen sitzen dürfen, die körperlich auch in der Lage sind, die Türen tatsächlich zu öffnen. Dass diese Vorschrift zu Recht besteht, merke ich beim Selbstversuch. Die Mechanik ist unproblematisch, aber nicht die Tür selbst: Das sperrige Teil, das ich ächzend auf meinen Schoß wuchte, wiegt mehr als 20 Kilo. Im Ernstfall müsste ich die Tür jetzt durch die Öffnung aus dem Flugzeug werfen – eine Aufgabe, der nicht alle in unserer Gruppe gewachsen wären. Noch halb überwältigt, überlege ich, wie ich es selbst in Zukunft halten werde. Denn bisher habe auch ich gern die Beinfreiheit am Notausgang genossen.

Leserkommentare
  1. Das mit den Sitzreihen zählen hätte man sich ja vllt. noch selber denken können, aber die Haupthand als erstes auf den (Hinter?)kopf, das wusste ich nicht.

    Werde beim nächsten Flug definitiv die Ratschläge befolgen, auch wenn das mehrmals Gurt auf und zu merkwürdig aussehen muss. :D

    Eine Leserempfehlung
  2. mich stören auch zwei weitere Dinge bei der Flugzeug-Sicherheit:
    a) nur bei manchen Flugzeugen, muss man -laut Sicherheitsbelehrung- an der Sauerstoffmaske ziehen, um den Sauerstofffluss zu starten. Bei anderen Flugzeugtypen ist das nicht nötig. Ich bezweifle, dass ich bei einem Notfall noch weiss, in welchem Flugzeugtyp ich sitze. Wahrscheinlich würde ich bei einem Nicht-Zieh-Flugzeug kräftig an der Maske reissen, die Mechanik beschädigen und 45 Sekunden später ohnmächtig werden.

    b) Die Schwimmwesten sind in der Holzklasse so tief unter dem Sitz versteckt, dass man sie nur mit akrobatischem Geschick herausbekommt. Im Notfall ist das kaum zu schaffen.

    Eine Leserempfehlung
  3. Als ich neulich mit einem dieser Billigflieger mit kurzem Turnaround unterwegs war fragte ich mich ob man das Sicherheitsballet nicht auch vor dem Abflug im Terminal machen könnte und so fünf Minuten vom Turnaround sparen könnte? (Die wir darauf gewartet haben dass die Sicherheitshinweise gezeigt wurden)

  4. Ben Sherwood: Wer überlebt?: Warum manche Menschen in Grenzsituationen überleben, andere nicht. Goldmann TB, 2011.

    sowie:

    Amanda Ripley: Survive: Katastrophen - wer sie überlebt und warum. Fischer TB, 2010.

  5. Danke dass die Zeit dieses wichtige Thema aufgreift.

    Das Problem bei den Sicherheits-Erklärungen ist, dass sie geschönt sind: Dass etwa beim Erscheinen der Sauerstoffmasken höllische Zustände herrschen (Druckabfall, Nebel, Sturzflug) wird verschwiegen. Warum eigentlich? Die wirklich nützlichen Tipps (Sitzreihen zählen! Hauptausgang statt Notfenster etc) erfährt man nicht - klar hört da keiner mehr zu.

    Ach ja, eine Frage hätte ich noch: Was mache ich eigentlich mit Kind auf dem Schoß mit der einen Sauerstoff-Maske?

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    Nicht zu vergessen, dass es beim plötzlichen Druckabfall auch ordentlich knallt und ein starker Schmerz in den Ohren auftritt. In dieser Situation (Nebel, Knall, Schmerz, Sinkflug) innerhalb von 30 Sekunden zur Maske zu greifen ist schon anspruchsvoll.

    Interessante Lektüre: Bericht BFU 2X004-06 der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung. Nach einem Druckverlust in einer Boeing MD-11 erlitt der Pilot einen Innenohrschaden mit Hörverlust und dauernder Flugunfähigkeit.

    @5

    sie werden sich wohl entscheiden müssen :(

    • neeecht
    • 29. September 2012 13:53 Uhr

    Hm, das ist eine interessante Frage. Demnach dürften Eltern mit Kind ohne eigenen Sitzplatz nur auf speziellen Sitzen mit doppelter Sicherheitsausstattung sitzen. Ist dem so?

    Aber ansonsten: Wenn das Flugzeug bei plötzlichem Druckverlust im Sturzflug von ca. 11.000 m auf 3.000 m "absinken" muss, kann das ja eigentlich nicht allzulang dauern, oder? Vielleicht 2 min.? Da würde ich einen tiefen Zug aus der Maske nehmen und sie dann dem Kind aufsetzen. Falls es doch länger dauert, abwechseln. Vielleicht schonmal testen, ob das überhaupt klappt mit 2 min. Luftanhalten... Oder sicherheitshalber doch ein eigener Sitz?

    Ich muss mich ja echt wundern, was Sie für Vorstellungen haben. Natürlich gibt es Richtlinien bezüglich der Anzahl der Sauerstoffmasken in einer Reihe (nämlich immer eine mehr, Ausnahme ist die sogenannte MutterKind-Reihe in Großraumflugzeugen) Was solln denn die Flugbegleiter machen, wenn sie grad im Service sind und es zum Druckverlust kommt? Durch den halben Flieger rennen und nach ner Maske suchen, die frei ist und das noch während des Notsinkflugs? Dieser dauert im übrigen 10-12 Minuten. Warum? Weil ein Pilot nicht einfach auf seinem Korridor sinken und steigen kann, dabei riskiert er Zusammenstöße mit anderen Flugzeugen.
    Schönen Tag ;)

  6. Die Fehler der anderen kostet mein Leben!

    Im Flugzeug hängt es von den Auswirkungen des Unfalls ab, ob Sie ihr Wissen überhaupt einsetzen können!

    Erinnern Sie sich noch an Duisburg. Wenn jeder Abstand zum Vordermann gehalten hätte, wäre das schreckliche Unglück dort, nicht passiert. Ungeduld, Rücksichtslosigkeit und viele andere Charaktereigenschaften, verhindern vorausschauendes Agieren.

    Das soll keine Schuldzuweisung sein. Es ist halt so, das sich die meisten Menschen, nicht vorausschauend Verhalten können. Bricht Panik aus, können sie auch die eigenen Vorsätze vergessen. Dann gilt - Rette sich wer kann, wobei das Gehirn Ausgeschaltet ist!

  7. Nicht zu vergessen, dass es beim plötzlichen Druckabfall auch ordentlich knallt und ein starker Schmerz in den Ohren auftritt. In dieser Situation (Nebel, Knall, Schmerz, Sinkflug) innerhalb von 30 Sekunden zur Maske zu greifen ist schon anspruchsvoll.

    Interessante Lektüre: Bericht BFU 2X004-06 der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung. Nach einem Druckverlust in einer Boeing MD-11 erlitt der Pilot einen Innenohrschaden mit Hörverlust und dauernder Flugunfähigkeit.

    Antwort auf "Wichtiges Thema!"
  8. @5

    sie werden sich wohl entscheiden müssen :(

    Antwort auf "Wichtiges Thema!"

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