Sie hatten einander verspottet und beschimpft , monatelang. Jetzt standen sie Seit an Seit und schwiegen zum Klang der Marseillaise. Nicolas Sarkozy , der scheidende Präsident, blickte ergriffen drein, durch das schüttere Haar seines Nachfolgers François Hollande fuhr der Wind. Als der Festakt am Dienstagvormittag vorbei war, gönnten sie einander ein Lächeln. Es war eine der großen Zeremonien der französischen Republik, die jährliche Feier am 8. Mai, dem Tag des alliierten Sieges über Hitlerdeutschland im Zweiten Weltkrieg. Unter dem Triumphbogen in Paris entzündete der Präsident die Flamme zu Ehren des unbekannten Soldaten und der Kämpfer gegen die Nazibesatzung. Für Sarkozy war es der letzte Festakt seiner Amtszeit . Er hatte, wozu ihn das Protokoll nicht verpflichtete, seinen Nachfolger Hollande dazugebeten.

Politik hat in Frankreich noch immer viel mit der Feindschaft zwischen links und rechts zu tun. Daher die große Bedeutung der Versöhnungs- und Einheitsgeste. Schon am Wahlsonntag hatten die Kandidaten begonnen, sich wechselseitig Respekt zu bezeugen. Ihren Anhängern gefiel das erst gar nicht: Wutgeheul auf der Pariser Versammlung der Sarkozysten, Triumphgeheul der Sieger auf dem Platz der Bastille. Tauchte gelegentlich auf den Großbildschirmen eine Fernsehaufnahme mit Sarkozy auf, rief die Menge »Au revoir« , »Hau ab!« oder auch »In den Knast!« Allmählich wich der Druck, Ausgelassenheit setzte ein und das linke Frankreich feierte bis zum frühen Montagmorgen.

Es war das aufrührerische Paris, das da tanzte und trank. Hier rebellierten die Bürgersleute schon 1358 gegen die Allmacht der Feudalen, 1648 revoltierten sie gegen den beginnenden Absolutismus. Paris war die Hauptstadt der Revolution von 1789, der Kommune 1871, des Mai 1968. Das ist alles unvergessen, ebenso wie der Sieg von François Mitterrand am 10. Mai 1981, dem ersten sozialistischen Präsidenten der Fünften Republik. Ältere erinnern sich noch gut an den Tag. Einer von ihnen hatte eine Flasche Armagnac aus dem Siegesjahrgang zur Bastille mitgebracht und schenkte jedem ein, bis sie leer war. »Changer la vie« , so ging damals die Parole, »das Leben ändern.« Nun also Hollande. Was für eine Nacht.

Doch dieses Mal ging es der linken Basis nicht darum, das Leben zu ändern, diesmal ging es ihr um Sarkozy. Der von Hollande versprochene Wandel hieß für sie zunächst einmal Machtwechsel. Wie wird ihr sozialistischer Präsidenten das Land verändern? Wie links ist Frankreich heute, und wie links wird es morgen? Wie viel Konfrontation, wie viel Ideologie steckt noch in diesem Land, das so wichtig für Europa ist – für ein Europa, dem die politischen Glaubenslehren meist fremd geworden sind und wo Sozialisten sonst keine Sozialisten mehr sind, sondern Sozialdemokraten?

Rechts und links wurden in Frankreich geboren; da stehen einander seit der Revolution von 1789 Legenden und Lebenswelten, Logiken gegenüber. Es gibt rechte Zeitungen und linke Zeitungen. Die literarischen Vorlieben sind einander entgegengesetzt, auch die Dresscodes, es gibt sogar rechte und linke Ferienziele. Die einen feiern Partys, die anderen geben Soireen.

Sarkozys Anhänger feierten ihren Sieg 2007 auf der Place de la Concorde zu den Schmettergesängen Mireille Mathieus, auf der Concorde wehte damals Blau-Weiß-Rot. Am Sonntag auf der Bastille waren neben ein paar französischen Nationalflaggen auch die von Algerien und Tunesien zu sehen, außerdem Fahnen der »Linkspartei« sowie das Banner eines Fußballvereins.

Anders als Deutschland, das einen Bruch in seiner Geschichte hat, lebt, denkt und kämpft Frankreich in seinem gesamten historischen Raum. Diesen Raum hat nun ausgerechnet jemand betreten, der wie der nette Nachbar wirkt, der um einen Salzstreuer anklopft. Wie verzweifelt ist eine Linke, die von einer anderen Welt träumt und dann einen Mann wählt, dessen herausragendes Merkmal seine Nettigkeit ist? Der verspricht, ein »normaler Präsident« zu sein? Doch gerade diese Eigenschaft hat ihm Stimmen aus der Mitte zugeführt. François Hollande wirkt beruhigend. Er wird darauf achten, dass es so bleibt. Schließlich gewann er die Stichwahl nur mit 51,63 Prozent der gültigen Stimmen.