AuslandsreiseGaucks Generalprobe

Wie der Bundespräsident in den Niederlanden über deutsche Schuld sprach – und dabei eine Justizaffäre überstand. von 

Joachim Gauck in Breda

Joachim Gauck in Breda  |  © Koen van Weel/AFP/GettyImages

Was ist ein Bundespräsident: ein König? Ein Herrscher aus absolutistischer Zeit, dessen Wort Gesetz ist? Das fragt Joachim Gauck vor laufenden Kameras und gibt sogleich die Antwort: »Ist er natürlich nicht!« Deshalb könne er wenig bewirken im Fall Klaas Carel Faber, eines früheren SS-Mannes und mutmaßlichen Kriegsverbrechers, der in Deutschland lebt, von den Niederlanden aber mit europäischem Haftbefehl gesucht wird. Da er inzwischen die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt, will Deutschland ihn nicht ausliefern.

Aber ein Präsident ist einer, dessen Worte einen Unterschied machen, und deshalb ist Joachim Gauck sehr vorsichtig, als er im holländischen Breda nach Faber gefragt wird. Er begrüße, dass die deutsche Justiz eine neue Überprüfung des Falles zugesichert habe. »Wir haben kein Interesse daran, Verbrecher zu schützen«, sagt Gauck.

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Wieder eine Hürde, die er gemeistert hat, es ist die letzte an diesem Samstag. Als erster Deutscher hat Gauck in Breda zum Jahrestag der Befreiung sprechen dürfen , bei den Feierlichkeiten in der Großen Kirche, der Grote Kerk. Es ist einer der Termine, die Gauck von seinem Vorgänger Christian Wulff geerbt hat. Doch es ist kein Pflichttermin. »Sie wissen persönlich, was es heißt, um die Freiheit kämpfen zu müssen«, mit diesen Worten begrüßt ihn die Vorsitzende des nationalen Festtagskomitees.

Das Motto der Feier ist wie für Gauck gemacht: »Freiheit geef je door« , Freiheit gibt man weiter. Filme werden gezeigt, in denen Holländer über ihre Erinnerungen an den Krieg und die deutschen Besatzer sprechen. Aber man sieht auch Menschen aus Polen und Nordafrika, die von den Revolutionen in ihren Ländern erzählen. Ein Baby wird auf die Bühne getragen, ein alter Mann tanzt. Im Hintergrund sieht man auf der Großleinwand Bilder von Bischof Tutu, Nelson Mandela , Kennedy – und Joachim Gauck. Das ist jetzt seine Flughöhe.

Es wird eine bescheidene Rede und eine der ersten über die Freiheit, in der Gauck mehr über andere spricht als über sich selbst. Über die 100.000 niederländischen Juden, die dem Rassenwahn zum Opfer fielen, über die holländischen Widerstandskämpfer, über den polnischen General Mazcek, der Breda 1944 befreite. Und über die Kommunisten, die aus Protest gegen die Verschleppung der ersten Juden zum Generalstreik aufriefen. Nichts habe er vor seiner Reise über den Generalstreik gewusst, bekennt Gauck, geboren 1940 in Rostock . Er ist kein Kommunistenfreund, doch diese Kommunisten lobt er nun als wichtige Vorbilder. »Wir rühmen diese Menschen, weil sie uns Zugang zu einer Wahrheit schaffen, die wir uns nicht immer bewusst machen, auch nicht immer bewusst machen wollen«, sagt Gauck. »Wir haben immer eine Wahl.«

Schmerzhaft hätten die Deutschen erfahren müssen, dass Vaterland und Unrechtsregime zu unterscheiden seien. So wie die Gastgeber ihre eigene Befreiung einordnen in weltweite Befreiungsbewegungen und einen Bogen schlagen vom Gestern zum Heute, so ordnet auch Gauck sich ein. Etwa, wenn er in Anspielung auf die berühmte Rede Richard von Weizsäckers vom 8. Mai 1985 erklärt: »Wir feiern gemeinsam mit allen die Befreiung vom nationalsozialistischen Joch.«

Befreit wirkt auch Gauck selbst anschließend. »Am aufgeregtesten« von allen Auftritten sei er vor seiner Rede in Holland gewesen, räumt er ein, als er später zusammen mit seiner Lebensgefährtin Daniela Schadt in der Residenz des deutschen Botschafters in Den Haag auf zierlichen Polstersesseln sitzt. Vor der Reise hatten Opferverbände unter dem Motto »Gauck niet, Faber wel« zu Protesten gegen den deutschen Bundespräsidenten aufgerufen: Gauck solle den Kriegsverbrecher Faber mitbringen oder wegbleiben.

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