Flüchtlingscamp in Somalia © Tony Karumba/AFP/Getty Images

Man kennt den Anblick von den Plakaten der Hilfsorganisationen – und doch ist man nicht vorbereitet auf die ungefilterte Wirklichkeit dieser Kinderklinik in der staubigen Provinzhauptstadt Maradi im Niger. Auf einer Pritsche legt eine junge Frau ihren Säugling an, ihre dürren Brüste geben keine Milch. Eine andere bewacht stoisch ihre zerbrechlichen Zwillinge. Ein schlaksiger Mann im weißen Kittel geht von Bett zu Bett, ein Neemholzstöckchen im Mund. Moustafa Boulama Ari heißt der örtliche Kinderarzt, der seine Patienten mit nährstoffangereicherter Milch und Erdnusspaste wieder zu Kräften bringen will. Auch den zehnjährigen Jungen, dessen Haut nur noch Knochen umspannt und der apathisch in sich versunken ist.

In wenigen Wochen könnten das Bilder einer neuen Hungerkatastrophe sein. Noch sind es, so paradox das klingt, die Bilder einer Erfolgsgeschichte. Denn noch hat Doktor Boulama Ari die Lage einigermaßen im Griff, noch sind diese Kinder hier Ausnahmefälle.

Die Notaufnahme von Maradi liegt in einem Land, in dem bis auf Weiteres das Schlimmste verhindert wurde. Niger, der zweitärmste Staat der Welt, der wie Mali, Tschad, Burkina Faso, Senegal und Mauretanien seit Monaten mit einer Dürre ringt, könnte zeigen, dass eine nationale Regierung zusammen mit internationalen Gebern und dem nötigen politischen Willen eine flächendeckende Katastrophe abwenden kann. Ob es gelingt, das entscheidet sich in den nächsten ein, zwei Wochen.

Rund 16 Millionen Menschen sind nach Angaben von Hilfsorganisationen und der Vereinten Nationen im Sahel von Hunger bedroht, darunter sechs Millionen allein im Niger. Das ist eine Krise. Aber nach den Kriterien der Vereinten Nationen ist es noch keine Hungersnot: Die tritt erst ein, wenn 30 Prozent der Kinder unterernährt sind und ein Fünftel der Bevölkerung weniger als 2100 Kalorien am Tag zu essen hat. Davon sei man bisher weit entfernt, urteilen die meisten Helfer.

»Die schwierigen Monate kommen noch«, sagt der Kinderarzt Boulama Ari. Ehe die Regenzeit im Juni die Staubpisten in Schlammmeilen verwandelt, brauchen die Bauern widerstandfähiges Saatgut, zudem müssen die Kornspeicher in den gefährdeten Regionen aufgefüllt werden. Es fehle, beklagen die Vereinten Nationen, noch eine Menge Geld, um ausreichend Getreide zu kaufen, und der Transport erfordert einen Vorlauf von rund vier Wochen. Das Zeitfenster, um die Not bis zur nächsten Ernte zu überbrücken, schließt sich.

Dazu kommen bewaffnete Konflikte in Nachbarländern und Probleme mit Flüchtlingen. Kaum eine Region ist vom Klimawandel so betroffen. Die Autoren einer UN-Studie beschreiben sie als »Ground Zero« der multiplen Krisen – und das Beispiel Niger zeigt anschaulich, warum.

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Ernährungsmangel ist für die Bewohner an sich nichts Neues. Über Generationen haben sie Wege gefunden, die unerbittlich dürren Monate von Juni bis Oktober, die soudure, durchzustehen. Wenn die Vorräte in den Stelzensilos zur Neige gehen, ziehen die Männer normalerweise zum Arbeiten in die Nachbarstaaten und schicken Geld nach Hause, damit ihre Familien Hirse, Sorghum und Bohnen kaufen können. Frauen sammeln Brennholz und schleppen es durch die brütende Hitze in die Stadt, um mit dem Verkauf ein paar Franc zu verdienen. Viehhirten verkaufen Ziegen, Kamele, Kühe.

Doch was in den vergangenen Monaten und Jahren passiert ist, übersteigt die Fähigkeit der Menschen zur Selbsthilfe. Weil die letzte Regenzeit viel zu kurz ausfiel, ist die Saat in vielen Regionen nicht aufgegangen; oft auch nicht beim zweiten Versuch. Ein Fünftel weniger als sonst haben die Bauern des Niger geerntet, in Mauretanien nur die Hälfte. Viel früher haben die Familien ihre Reserven aufgebraucht.

Auch solche Dürren gab es schon immer, vielleicht einmal in sechs Jahren, im Wechsel mit Fluten, die alles mitreißen. Aber jetzt wird die Natur immer unberechenbarer. 2001, 2005, 2007, 2010, 2012: Diese Beschleunigung schlechter Ernten können die Bauern allein nicht mehr bewältigen. Die Viehzüchter bekommen kaum mehr Geld für ihre Tiere, weil so viele von ihnen gleichzeitig verkaufen wollen. Zugleich werden Sorghum und Hirse teurer. Im Oktober stiegen die Preise um 25 bis 80 Prozent, seit März ziehen sie schon wieder an.