HungersnotDie Welt lernt doch!
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 123 Millionen hat die EU-Kommission bereits überwiesen

Im Fall der aktuellen Krise im Sahel zeigt der »Somalia-Schock« bislang Wirkung: Schon bei den ersten Anzeichen für eine Missernte im frühen Herbst letzten Jahres wurden die Geber aktiv, die EU-Kommission zum Beispiel hat seither 123 Millionen Euro überwiesen. Auch der deutsche Entwicklungsminister, viel gescholten für sein Zögern in Ostafrika, stellte für den Sahel frühzeitig 22,4 Millionen Euro bereit.

Dieses Mal nahmen die Regierungen die Frühwarnsignale also ernst, die seit der Lebensmittelkrise von 2007 erheblich ausgebaut worden sind. Nicht nur Fews Net sammelt Daten. Auch UN- und Nichtregierungsorganisationen schicken ihre Teams in die abgelegensten Gegenden und befragen Dorfälteste, Frauengruppen, Händler, Ärzte, um rechtzeitig eingreifen zu können. Ihre Erkenntnisse tauschen sie mit internationalen und lokal verwurzelten Expertengruppen aus und aktualisieren sie laufend. Das ist vielleicht der segenreichste Aspekt der globalen Netzgesellschaft.

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9,6 Millionen Menschen muss nun allein das WFP mit seinen Partnern bis Ende des Jahres im Sahel versorgen, davon 3,9 Millionen im Niger. In einem Binnenland, das Hunderte Kilometer vom Meer entfernt liegt, ist das eine gigantische Herausforderung. Die Logistik-Abteilung muss die Hafenbehörden in Küstenstaaten wie Benin und Togo überreden, Reis und Aufbaunahrung für Kleinkinder mit Priorität zu entladen. Sie muss mit den Speditionsunternehmen gleich mehrerer Länder verhandeln und Lager organisieren. Seit April bewegt sie monatlich 14.000 Tonnen Lebensmittel, von Juni an sollen es rund 40.000 werden.

Mais kommt aus den USA, Sorghum, Hirse und Bohnen aus Nigeria und Togo: Wenn möglich, wird in der Region eingekauft. Ein sensibles Geschäft, denn die Nachfrage des WFP kann die Preise noch mehr in die Höhe treiben, umgekehrt können Importe einheimische Anbieter verdrängen. Auch um lokale Märkte zu stützen, bekommen Bauern für Arbeitseinsätze in manchen Regionen lieber Bares als Getreide.

Noch greifen die Maßnahmen der Prävention, doch nun droht den Helfern das Geld auszugehen. Allein das WFP braucht für 500.000 Tonnen Nahrungsmittel bis zum Jahresende rund 564 Millionen Euro; davon sei, heißt es, erst etwas mehr als die Hälfte gedeckt. Die Bundesregierung will am 10. Mai noch eine Summe nachlegen. Doch bei vielen Gebern, die anfangs großzügig waren, lässt offenbar der Somalia-Schock schon wieder nach.

Einen Teil des Geldes hat das WFP vorgeschossen, doch dafür ist der Spielraum seiner Finanzverwalter begrenzt. Eigentlich brauchte die inzwischen größte humanitäre Organisation der Welt längst ein Sockelbudget, mit dem sie jederzeit und flexibel auf die neuen multiplen Krisen reagieren kann. Doch die UN-Organisation ist weiterhin fast vollständig auf Spenden angewiesen, die sie für jede Notlage neu einwerben muss.

Nichtregierungsorganisationen stecken ebenfalls in einem finanziellen Dilemma. Eigentlich gelte es, Gebiete wie den Sahel besser gegen zusätzliche Krisenfaktoren wie den Klimawandel zu schützen, sagt der Venro-Sprecher Ulrich Post. Bloß reagieren deutsche Spender eben eher auf den Punkt null eines Naturereignisses als auf Hungerkrisen, die sich schleichend entwickeln, und sie geben lieber für die Verteilung von Nahrungsmitteln an Hungernde als für langfristige Projekte, deren Erfolge schwerer messbar erscheinen. »Wir müssten freier entscheiden können, wie wir die Gelder, die uns anvertraut wurden, nutzen«, sagt Post. »Aber gespendet wird eher zweckgebunden.«

Dabei haben Bauern und einheimische wie internationale Berater gerade im Sahel erste Erfolge im Kampf gegen Dürren und die Ausbreitung der Wüste erzielt. Mit dem Bau vieler kleiner Dämme und Teiche wird das Regenwasser besser genutzt, durch Agroforst-Systeme wird der Boden verbessert und Erosion verhindert. Solche Projekte erfordern Knochenarbeit und Beständigkeit – aber sie liefern keine dramatischen Bilder. Wie die Welt mit den immer häufigeren multiplen Krisen umgeht, ist eben auch eine Frage der Einstellung: Mehr unspektakuläre Ausdauer ist gefragt und weniger medialer Mitleidsalarm, der mit immer neuen Superlativen des Elends die westliche Öffentlichkeit wachrütteln muss.

»Mit der Bekämpfung des Hungers ist es wie bei der Demokratie«, sagt Eric-Alain Ategbo, Ernährungsexperte von Unicef in Niamey. »Man muss dranbleiben.« Sonst gehe verloren, was bereits gewonnen schien.

Auch da steht der Niger für einen Lernerfolg. Regierungen armer Nationen tabuisieren gern Hunger im eigenen Land, weil der als schwach gilt, der zugibt, die eigene Bevölkerung nicht ernähren zu können. Doch Nigers Präsident Mahamadou Issoufou, erst seit einem Jahr im Amt, trat im vergangenen September entschlossen vor die Generalversammlung der Vereinten Nationen und bat um Hilfe. Seine Regierung hat die Ernährung zur Chefsache gemacht. Wie das in praktische Politik münden soll, erklärt einem Amadou Allahoury Diallo, der zuständige Agrarexperte: Mehr als ein Fünftel des Haushalts sollten jetzt in das ambitionierte Programm »3N« fließen, sagt Diallo. Das steht für »Nigériens nourissent les Nigériens« , Nigrer ernähren Nigrer, und umfasst den Aufbau von Reserven, Märkten, sparsamen Bewässerungsanlagen, produktiveren Anbausystemen. Bei der Finanzierung wolle man sich langfristig von den internationalen Gebern unabhängiger machen und höhere Gewinne aus Rohstofflizenzen abschöpfen. Der Niger ist reich an Bodenschätzen, vor allem Franzosen und Chinesen fördern Erdöl und Uran, bisher hat die Bevölkerung kaum etwas von diesen umstrittenen Geschäften. »Ich weiß, dass Sie in Deutschland die Kernkraft nicht mögen«, sagt Amadou Allahoury Diallo. »Aber wir sterben an Unterernährung, nicht am Uranexport.«

All das ist vorausschauendes Krisenmanagement im Zustand der permanenten Gefährdung. Niemand weiß, ob die Konflikte in Mali sich ausweiten oder ob es gelingt, sie politisch zu befrieden. Die Regenprognosen für den Niger sind wieder ungünstig. Für Somalia sind sie so erbärmlich, dass viele Regionen auf der Fews-Net-Weltkarte in warnendem Dunkelrot markiert sind. Sudan steht vor einer politisch provozierten Hungersnot. Eine vor einigen Monaten entschärfte Krise ist eben noch lange keine bewältigte Krise. Sie ist der Normalzustand, den zu kontrollieren die Welt lernen kann.

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Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf menschenfeindliche Äußerungen. Danke. Die Redaktion/ag

  2. Würden wir nachhaltig und rücksichtsvoll wirtschaften und die Ressourcen der Erde fair und gleichmäßig verteilen, müsste kaum jemand hungern. Stattdessen aber jubeln umso mehr, je raubeiniger der Kapitalismus ist und futtern uns eine Wampe und eine Herzverfettung an, während in Afrika die Kinder verhungern und spenden ein paar Cent, um uns gut zu fühlen, aber halten so auch deren eigene Wirtschaft klein.

    Lieber kein Geld oder Nahrungsmittel spenden, sondern tatkräftig bei einer Aufwirtschaftung der 3. Welt helfen. Schluss mit de facto - Versklavung von Farmern und Müllhalden in Somalia. Keine Waffenlieferungen mehr, dafür Schulen und Krankenhäuser.

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    Dem wichtigsten NICHT-NATO-MITGLIED Afghanistan wird 16 MIA US-Dollar nachgeworfen. Mit diesem Geld könnte man Vieh kaufen, und die Abschlachterei zwischen den Stämmen, was zu 1000en toten Menschen führt, wäre vorbei. Aber ist doch klar, dass man lieber Afghanistan Milliarden gibt, da sie damit Waffen kaufen. Des Weiteren kann jeder selber ausrechnen wieviel Reis man für 16 Milliarden US - Dollar kaufen kann. Theoretisch könnte doch der Westen, Afrika durchfüttern, wenn das Geld bei den richtigen ankommt, wieso auch nicht?

  3. nicht bekämpfen - auch nicht mit Spenden an von Außen wirkenden Hilfsorganisationen.

    Die Entwicklung Hilfe Politik muß sich grundlegend ändern

    Heute orientiert man sich in der Entwicklungspolitik an der Ausbeutung der Rohstoffe in den Entwicklungsländern. Nichts Anderes haben die Statements von Merkel und Niebel bei ihren letzten Afrika Besuchen klar ausgedrückt. Es sind reine Wirtschaftsinteressen - ein Sack Reis gegen Erze und Seltene Erden...

    Auch die bewaffneten Konflikte in den Ländern können nur durch langfristig angelegte Struktur Projekte wie Wasserversorgung, Erneuerbare Energieversorgung und Ausbau der Landwirtschaft erreicht werden. Daneben müssen Bildung und Gesundheitsversorgung aufgebaut werden.

    Dies wurde in der Zeit des Kolonialismus verpasst Der "neue" Neo Kolonialismus schlägt den geht den gleichen Weg jedoch mit erheblich schnellerer Zerstörung. Die Methoden der Ausbeutung sind eben wesentlich effizienter geworden.

    Würde man den Aussagen der Industriestaaten Glauben schenken können, sie wollten einmal 3 % ihres Bruttosozialprodukts an die Entwicklungsländer abgeben, hätten sie es getan und die Zeit genutzt, dann würden Heute schon die Ausmaße der Hungerkatastrophe wesentlich Humaner aussehen.

    Mit unseren Spenden können wir nur sehr kurzfristig helfen, es muß sich einiges in unseren Köpfen Ändern!

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    sehr richtig.

    Und das erste, was sich meiner Meinung nach ändern muss:

    dass wir alle auf diesem Planeten erkennen, dass der Schritt zur vegetarischen Ernährung nicht nur aus ethischen Gründen den Tieren gegenüber, sondern ebenso im Hinblick auf das Überleben der Menschheit im Bezug auf Nahrungsressourcen und deren Verteilung

    ein unabdingbarer Schritt zur Lösung der Probleme ist!

    Dazu braucht es viel Bewusstseins-Schulung!

    • Patze
    • 12. Mai 2012 13:43 Uhr
    4. .....

    Bei uns fliegen 62% aller Lebensmittel auf den Müll (bevor sie den Tisch erreicht haben)....

    ...die zweimal reichen würden, um alle Hungernden der Welt satt zu machen.

    ...und den Hungernden dort fehlen.

  4. Wozu soll das noch gut sein?

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    Fangen wir jetzt etwa wieder an zu argumentieren, welche Menschen “nützlicher” sind als andere? Oder was wollen Sie uns mit Ihrem Zweiphrasengeschwafel sagen?

    Wenn ich so einen zynischen Blödsinn lese, frage ich mich doch manchmal, ob das mit der Anonymität im Netz wirklich etwas erstrebenswertes ist...

  5. Der Artikel spricht viele relevante Punkte an und macht deutlich, was für eine komplexe Dynamik (Zusammenhänge, Abhängigkeiten etc.) hinter diesem Thema steckt. Es ist erfreulich und gleichsam wichtig, dass ein Medium derart informiert und nicht sensationsgerieben über dieses komplexe Thema schreibt!

    ‎"Wie die Welt mit den immer häufigeren multiplen Krisen umgeht, ist eben auch eine Frage der Einstellung: Mehr unspektakuläre Ausdauer ist gefragt und weniger medialer Mitleidsalarm, der mit immer neuen Superlativen des Elends die westliche Öffentlichkeit wachrütteln muss." - Dem schließe ich mich schließe an.

    • bd
    • 12. Mai 2012 14:43 Uhr

    "»Die schwierigen Monate kommen noch«, sagt der Kinderarzt Boulama Ari. Ehe die Regenzeit im Juni die Staubpisten in Schlammmeilen verwandelt,..."

    "Über Generationen haben sie Wege gefunden, die unerbittlich dürren Monate von Juni bis Oktober, die soudure, durchzustehen."

    • illyst
    • 12. Mai 2012 14:47 Uhr

    Ach bitte, und die bei uns überflüssigen Lebensmittel auf der Welt zu verteilen hilft der darauf anwachsenden Weltbevölkerung dann auch nichts mehr, die sind dann nur noch mehr abhängiger.
    Solche Aussagen sind doch nur Hohn, ihr macht euch ja nicht einmal ansatzweise Gedanken wieviel Leid mit solchen Methoden entstehen würden.

    Wenn ein Land nicht alle seine Einwohner ernähren kann sind dort zu viele, da kann man rütteln wie man will. Stattdessen sollte man darüber nachdenken wie man die Weltbevölkerung an die jeweilige Agrarsituation anpasst. Kurz: Geburtenkontrolle.

    Aber bis dahin wird noch viel Zeit vergehen, weil sich so eine Diskussion nicht ermöglicht. Es gibt genug Lernresistente deren KZ-Reflex ausschlägt, da sie noch nicht einmal das Wort Geburtenkontrolle verstehen und meinen man will irgendwen umbringen.

    Wir können es uns aussuchen, entweder die Natur kümmert sich weiterhin in solchen Regionen selbst um die Überbevölkerung, oder wir überlegen uns wie wir die Menschen dazu bringen weniger Kinder zu bekommen, ohne das es ungerecht ist. Nahrung bis in die Ewigkeit darüber zu schicken ist keine Alternative.

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    • Patze
    • 12. Mai 2012 18:38 Uhr

    <em>"Ach bitte, und die bei uns überflüssigen Lebensmittel auf der Welt zu verteilen hilft der darauf anwachsenden Weltbevölkerung dann auch nichts mehr, die sind dann nur noch mehr abhängiger.
    Solche Aussagen sind doch nur Hohn, ihr macht euch ja nicht einmal ansatzweise Gedanken wieviel Leid mit solchen Methoden entstehen würden."</em>

    Ähm, gemeint war:
    Vielleicht müßten diese ja gar nicht erst "zu uns" kommen?!?

    Und eine Gurke aus Afrika nach Europa geflogen werden, um hier in der Abfalltonne zu landen...
    ...obwohl die auch am Ernteort bestimmt jemand gut geschmeckt hätte.

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