DIE ZEIT: Herr Safranski, Herr Sloterdijk, kommenden Sonntag läuft die letzte Sendung des Philosophischen Quartetts, die Sie über 10 Jahre moderiert haben. Das Thema wird sein: »Die Kunst des Aufhörens«. Mit welchem Gefühl blicken Sie auf Ihre Fernsehzeit zurück?

Peter Sloterdijk: Vor allem mit Erstaunen darüber, dass die Sendung sich bis ins elfte Jahr hat halten können. Als wir begannen, war die Kritik heftig und die Sorge innerhalb des Senders groß. Merkwürdigerweise sind wir nicht schon nach einem Jahr wieder abgesetzt worden.

ZEIT: Nun gehört Kritik natürlich immer dazu.

Sloterdijk: Die heftigsten Kritiken erschienen, bevor wir überhaupt auf Sendung waren. Das Feuilleton empfand unser bloßes Auftauchen als Wildern auf seinem ureigenen Gebiet – und reagierte sofort mit hochmütiger Feindseligkeit.

Rüdiger Safranski: Weshalb die ersten Folgen auch rezensiert wurden, als hätten wir ein Buch geschrieben und nicht eine Gesprächsrunde inszeniert. Das war übrigens häufig so: Wir wurden für das verantwortlich gemacht, was andere gesagt haben. Wenn ich zurückblicke, fällt mir überhaupt auch allerlei interessanter Ärger ein. Manchmal gab es eins auf die Rübe, weil ein umstrittener Gast da war wie Hans-Olaf Henkel...

ZEIT: ...der ehemalige Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie. Man würde ihn ja auch in einer philosophischen Sendung als Gast nicht unbedingt vermuten.

Safranski: Das Philosophische am Philosophischen Quartett war ja nicht das Reden über Philosophie. Es ging uns um eine bestimmte Kommunikationsform, darum, die Gäste ausreden zu lassen und Hysterie zu dämpfen. Es ging darum, ein Klima zu schaffen, das man als philosophisch bezeichnen könnte, eine Art Verlangsamung, ein Nach-Denken eben. Da hockten vier Leute herum und unterhielten sich ungezwungen, nicht unterbrochen durch Einspielungen aller Art. So etwas gibt es ja kaum noch. Heute blicken sie als Gast, wenn sie etwas komplizierter formulieren, sofort in die nervös flackernden Augen des Moderators. Wenn Sloterdijk die Sendung mit einer nicht enden wollenden, anspruchsvollen Ausführung begann, wusste doch jeder Gast: Das darf ich auch. Bei uns war die Angst, dass da jemand wegzappen könnte, einfach nicht erlaubt.

ZEIT: Warum wurde das Quartett eingestellt?

Safranski: Von einem bestimmten Zeitpunkt an fand man es zwar gut, dass es das Philosophische Quartett gibt, wenn auch nur im Sinne von André Hellers Lied: Ich will, dass es gibt, was es gibt... Das anspruchsvolle Feuilleton der Zeitungen aber hat uns in der Regel nicht den Rücken gestärkt. Hinterher allerdings weint man uns so manche Träne nach. Auch gut. Vielleicht waren wir auch einfach ein Fossil des aussterbenden Bildungsbürgertums. Wir sind das zwar schon phänotypisch nicht, wurden aber gewiss so rezipiert.

ZEIT: Nun soll Sie demnächst Richard David Precht ersetzen. Man plant mit ihm eine neue Philosophie-Sendung. Wie beurteilen Sie diese Entscheidung?

Safranski: Wir wissen ja noch nicht genau, wie die Sendung aussehen soll, eine Art Magazin. Ich wünsche ihm alles Glück der Welt.

ZEIT: Wurde vielleicht die Generationenkarte gespielt? Gelten Sie dem ZDF nicht einfach als zu alt?

Sloterdijk: Gewiss hat die Intendanz daran Anstoß genommen, dass die Moderatoren den ZDF-Zuschauern, die im Durchschnitt über 60 sind, mit den Jahren immer ähnlicher wurden. Die Sendung begann oft um fünf vor zwölf. Das schauen vorwiegend die Älteren an, die man die »Postmateriellen« nennt, sprich Schlaflose und andere Bettflüchter, die nicht am Montagmorgen zur Arbeit müssen.

ZEIT: Es heißt in der Pressemitteilung, Ihre Sendung sei »auserzählt«.

Sloterdijk: Eine herrliche Euthanasieformel! Gut, nun kommt das Ganze in professionelle Hände.

ZEIT: Wie meinen Sie das?

Sloterdijk: Precht ist vom Handwerk her Journalist und als solcher Popularisator von Beruf. Ob er wirklich, wie das ZDF annimmt, zu einer Verjüngung des Publikums beitragen wird, bezweifle ich allerdings. Seine Klientel gleicht eher der von André Rieu, den hören auch vor allem Damen über fünfzig in spätidealistischer Stimmung.

ZEIT: Wie haben Sie vom Ende der Sendung erfahren?

Safranski: Am Vorabend der vorletzten Sendung. Die Form des Abschieds stimmte natürlich nicht. Man hätte vorher über die Pläne mit uns reden müssen. Das war ganz einfach stillos.