Über diesen rot-gold-grünen Teppich sollten die Gäste der Jamaika-Premiere des Films "Marley" schreiten. © Julian Baumann

Seit Bob Marleys Tod vor mehr als 30 Jahren hatte ich mir mein eigenes Jamaika zusammenfantasiert. Meine Quellen waren Textzeilen in Reggae-Songs, Plattencover, Auftritte jamaikanischer Musiker in Deutschland. Ich hörte ihr Patois, diese wunderbar musikalische Sprache, spürte die mächtigen Bassläufe, die einem manchmal das T-Shirt flattern lassen, und fühlte mich in diesen Klängen von Jahr zu Jahr mehr zu Hause. Jamaika war für mich eine ferne Heimat geworden.

In keiner meiner Fantasien war Jamaika eine Idylle. Textzeilen in Reggae-Songs sind meistens erfreulich konkret, und seit Anfang der sechziger Jahre erzählen sie von Gangstern, Knarren, Mördern, von Armut und Leid. Wenn sie nicht gerade von Liebe, Sex, Drogen, sonstigen Dingen des Alltags oder dem großen Gott Jah Rastafari handeln . Ich hatte einigen Respekt vor Kingstons Ruf als »Mordhauptstadt der Welt« und wusste, dass ich in den Gegenden, aus denen meine Musik kam, nicht so einfach herumflanieren konnte. Die abgeschotteten Touristenidyllen am Strand interessierten mich nicht, und so verging mein halbes Leben mit jamaikanischem Soundtrack ohne Jamaika. Bis vor ein paar Wochen diese E-Mail bei mir eintraf: ob ich vielleicht Interesse hätte, zur Jamaika-Premiere des Dokumentarfilms Marley nach Kingston zu kommen? Gänsehaut, Herzrasen, Flug gebucht.

Der Film, der mit großartigen Archivszenen und vielen Interviews zweieinhalb Stunden lang Bob Marleys Leben erzählt, wurde vom britischen Regisseur Kevin Macdonald vollendet (nachdem Martin Scorsese und Jonathan Demme aus dem Großprojekt ausgestiegen waren). Er hat eine riesige Zielgruppe: Bob Marley ist eine globale Ikone, einer der bekanntesten Menschen überhaupt. Zu den neunstelligen Verkaufszahlen seiner Alben kommen bis heute rund 250000 CDs pro Jahr dazu. Marleys Songs liefen auf den Demonstrationen des Arabischen Frühlings und der Occupy-Bewegung, das Lied Get Up, Stand Up ist die inoffizielle Hymne von Amnesty International. Marley, der Film, könnte ihn für eine neue Generation lebendig werden lassen – und ihn davor bewahren, eines Tages als Che Guevara der Weltmusik zum T-Shirt-Motiv zu erstarren. Die Filmpremiere in seinem Heimatland ist die vielleicht härteste Prüfung für Bob Marleys Relevanz im Jahr 2012: Was bedeutet er seinen Landsleuten heute noch? Und welche Rolle spielt er in der jamaikanischen Musikszene?

Die Marley-Familie – ein weitverzweigter Patchwork-Clan, angeführt von Bobs Witwe Rita – hatte beschlossen, die Veranstaltung auch für die vielen Jamaikaner zu öffnen, die nie im Leben Geld übrig haben werden für einen Kinobesuch. Und so wurde der Filmstart am 19. April als Volksfest in Kingstons Emancipation Park inszeniert, Eintritt frei.

Um die Fotostrecke zu sehen, klicken Sie bitte auf das Bild. © Julian Baumann

Am Tag der Premiere beginnt sich der Park schon Stunden vorher zu füllen. Am Eingang trommelt eine festlich gekleidete Delegation der Rastafari-Religion, deren berühmtester Anhänger bis heute Bob Marley ist. Die Männer tragen würdevoll ergraute Dreadlocks, und die Trommeln, auf die sie heftig einschlagen, sehen sehr afrikanisch aus und klingen auch so. Sie singen Hymnen auf ihren Gott und Erlöser, den äthiopischen Kaiser Haile Selassie , genannt Jah Rastafari. Einige schwenken Fahnen und wiegen sich zu Rhythmen, die schleppend und treibend zugleich sind. Hier ist die spirituelle Essenz zu hören, die afrikanische Wurzel, aus der Marleys Musik hervorgegangen ist.

Dann kollidieren, nur ein paar Meter entfernt, zwei Welten, kurz vor dem Eintreffen der geladenen Gäste. Für sie wurden statt eines roten Teppichs die Farben der Rastas ausgerollt, Rot-Gold-Grün. Es sollte eine Hommage sein, doch ein rechtschaffener Rastamann ist entsetzt: Das ist kein Teppich, das sind Stoffbahnen, das ist die Flagge selbst! Er fleht die Gäste an, bitte nicht auf das Heiligtum zu treten. Polizisten schieben ihn zur Seite, schon rücken andere Rastas nach. Der Teppich bleibt menschenleer, Eskalation liegt in der Luft, ein mögliches Desaster: Rastas von Polizei niedergeknüppelt, im Namen Marleys. Nebenan wird jetzt noch heftiger getrommelt. Im Park haben sich inzwischen viele Familien zum Picknick niedergelassen, der dezenten Kleidung nach gehören sie zu Kingstons Mittelschicht.

Als bereits ein Vorfilm läuft, kämpft sich ein Polizist mit einem Absperrgitter durch die Menge und stellt es vor dem Teppich auf. Die Rastas haben gesiegt, ein junger Mann in äthiopischer Uniform hält Wache am Gitter. Von irgendwoher wird zusätzlich zu einer weißen Stoffbahn noch eine lilafarbene gebracht, eilig werden sie auf den Boden getackert. Schließlich erteilen die Rastas ihren Segen, die geladenen Gäste dürfen über den nunmehr sinnlos bunten Teppich gehen. Der Abend ist vorerst gerettet.

Und schon wird es richtig heilig: Aus den Lautsprechern dröhnt eine Bibelpassage, vorgelesen von einem jungen Rasta, dann erheben sich alle zu einem Gebet, das teilweise auf Amharisch vorgetragen wird, der äthiopischen Sprache. Wann immer jemand »Jah Rastafari« sagt, werden im Publikum rot-gold-grüne Fahnen geschwenkt. Ins Fettnäpfchen tritt dann ausgerechnet der Regisseur. Kevin Macdonald äußert seine Freude über diese Premiere mit dem gut gemeinten Satz: »Bob Marley ist nicht mein Mann – er ist euer Mann!« Großes Raunen. Sofort wird Macdonald belehrt vom Rastamann: »Nein, Kevin, Bob überschreitet alle Grenzen, er gehört der ganzen Menschheit, schwarz, weiß, braun, gelb.« Beifall vom fast durchweg schwarzen Publikum, wie auch später im Verlauf des Films, wenn Marley in einem Interview klarstellt, er sei weder weiß noch schwarz, sondern Rasta. Den größten Jubel des Abends lösen die Worte der Rede aus, die Haile Selassie 1963 vor den Vereinten Nationen gehalten hat und die Marley in seinem Song War zitiert: Es werde Krieg herrschen, »bis die Vorstellung, dass eine Rasse einer anderen überlegen sei, endgültig diskreditiert und überwunden ist« – Beifall, Begeisterung, Hände werden in die Luft gestreckt, als ob im WM-Endspiel gerade das entscheidende Tor gefallen wäre.

Im jamaikanischen Radio hört man Marley kaum

Kurz danach trifft ein unangenehm kräftiger Schlag meinen linken Arm. Ich drehe mich um und blicke in die blutunterlaufenen Augen eines erkennbar armen Jamaikaners, der mich wütend ansieht und Geld fordert. Ich habe leider tatsächlich keines dabei, sage »sorry«, versuche, ihn zu beruhigen, doch der Mann redet weiter so wütend auf mich ein, dass sich Leute zu uns umdrehen. Bald haben wir so viele Zuschauer, dass er aufgibt und fluchend weiterzieht. Er hat eingesehen, was auch ich sah: Das Publikum war auf meiner Seite.

Als weißer Europäer wird man im schwarzen Jamaika permanent angequatscht: »Where you from?«, »First time Jamaica?«, und schließlich: »Help me buy some food.« Es sind keine Überfälle, aber Forderungen bis hin zur Nötigung. Entnervt bezahlt man dann einen oder zwei Dollar dafür, endlich in Ruhe gelassen zu werden. Über diese Dauerbelästigung klagen hier alle Touristen. Dieser Kleinkrieg wird weitergehen, solange an der Hautfarbe so deprimierend genau abzulesen ist, wer das Geld hat.

Der Film endet, unweigerlich, mit Marleys langem Sterben im Jahr 1981. Als es kaum noch Hoffnung auf eine Heilung von seinem Krebsleiden gab, ließ er sich in einer Klinik am Tegernsee behandeln. Seine damalige Krankenschwester kommt zu Wort, zwei surreale Minuten lang schallt ihr sanftes Bayerisch durchs nächtliche Kingston. Überhaupt stößt man hier auffallend oft auf Deutsches: Als Kind, erzählt einer im Film, sei Marley wegen seiner hellen Hautfarbe »German boy« genannt worden. Später, als Weltstar, kaufte er sich einen BMW , weil das die Abkürzung war für » Bob Marley & the Wailers «. Seine Band war lange mit einem VW-Bus unterwegs gewesen, dessen rostige Überbleibsel heute im Trenchtown Cultural Center zu besichtigen sind, einem schön hergerichteten Teil des Slums, in dem Marley aufwuchs. Neulich sollen Leute von VW da gewesen sein, um zu klären, ob sich der Bulli wieder flottmachen ließe.

Friedlich geht der Premierenabend gegen Mitternacht zu Ende. Bob Marley hat in seiner Heimatstadt noch einmal Zehntausende auf die Beine gebracht, viele Rastas, viele aus der Mittelschicht. Um herauszufinden, welche Rolle er heute in Jamaikas Musikwelt spielt, muss ich die Oase der Marley-Festivitäten verlassen. Zum Glück bin ich mit dem Fotografen Julian Baumann hergereist. Seine Mutter ist Jamaikanerin, er war schon oft hier. Das jamaikanische Patois, das ich nach jahrzehntelangem Reggae-Hören einigermaßen verstehe, spricht Julian sehr überzeugend, und so gelangen wir in den folgenden Tagen immer wieder an Orte, die ich ohne ihn nie gesehen hätte.

Auf unseren Autofahrten kreuz und quer durchs Land hören wir ständig – sehr gern und sehr laut – Jamaikas wichtigste Musiksender, Irie FM und Hot 97. Nicht ein einziges Mal bekommen wir dort Bob Marley zu hören, stattdessen fast ausschließlich die härtere Spielart jamaikanischer Musik: Dancehall – heftig, dreckig, digital . Besonders oft wird der Superstar Vybz Kartel gespielt, der die Szene seit Jahren dominiert. Mit computerverfremdeter Stimme besingt er Gangster, das Ghetto, Pornografisches. Gleich am ersten Abend, in der erstbesten Bar mit lauter Musik, informiert uns ein junger Mann: »Das ist der neue Bob Marley.« Leider ist er zurzeit außer Gefecht. Er sitzt wegen einer Mordanklage im Gefängnis.

Um den aktuellen Stand der jamaikanischen Musikwelt näher zu erkunden, würden wir zu gern ein paar einschlägige Plattenläden in Kingston aufsuchen, aber alle, die wir fragen, versichern uns: Es gibt hier keine Plattenläden mehr, alles läuft online. Und über Straßenhändler, die selbst gebrannte CDs verkaufen. Zu ihnen muss man sich durchfragen. Im Gewimmel in der Nähe von Kingstons zentralem Busbahnhof bleibt unsere Suche lange erfolglos. An improvisierten Ständen werden überall die notwendigsten Alltagsdinge angeboten, CDs erscheinen mir hier bald selbst als dekadenter Luxus.

Immerhin: Vor einem Ramschladen stehen zwei junge Männer an einer mobilen Musikanlage. Aus den Boxen knallt Europop, voll aufgedreht, schön verzerrt. Über die Billigbeats rappt der DJ: »Sunglasses just 400, come an check it«, abrupt dreht er die Musik weg: »T-shirts, socks, pants, all on sale«, und es knallt weiter. Sein Kompagnon nimmt die Kopfhörer ab und erklärt uns geduldig, wo wir ganz in der Nähe einen CD-Verkäufer finden könnten, eventuell. Nach einigen vergeblichen Runden fällt mir ein Mann auf, der auf einer Sackkarre einen großen Lautsprecher über die Straße schiebt. Darauf steht ein Pappkarton, darin stapelweise CD-Rohlinge, mit Filzstift bekritzelt: »Stone Love 2012«, »Old Sizzla«, »New Vybz«. Er fragt uns, was wir suchen, bittet uns in den Schatten und spielt uns auf seinem ramponierten Discman die ersten Sekunden einiger Stücke an, daraus werden Dutzende, Hunderte, sein Discman braucht zwischendurch neue Batterien. Sein unscheinbarer Karton erweist sich als Schatztruhe jamaikanischer Musik. Nur Bob Marley ist nicht dabei.

Tja, den Film gestern hätte er sehr gern gesehen, aber er musste zu Hause auf seine beiden Kinder aufpassen. Als wir schon mehr als zwanzig CDs ausgesucht haben, fragt er uns, ob er zwei Stapel machen soll, einen für mich, einen für Julian. »Nicht nötig«, sagen wir ihm, »wir kopieren uns die dann einfach gegenseitig.« Er stutzt – aber was soll ausgerechnet er gegen Raubkopien einwenden? Zehn Meter von uns entfernt überwacht jetzt ein Polizist auf einem Motorrad den Markt. Er ist unserem Musikdealer völlig egal, und umgekehrt.

Dancehall ist der Nachfolger des Reggae

Wir sind jetzt gut versorgt mit Dancehall aus den Jahren 2010 bis 2012. Diese Musik, aber auch nur diese, ist hier überall, sie wummert aus Autos, Läden, Bars. Sie hat mit Bob Marleys Sound so viel gemeinsam wie Punkrock mit Haydns Streichquartetten.

»Das Problem mit der Musikszene in Jamaika ist, dass sie zurzeit nicht sehr musikalisch ist«, sagt Chris Blackwell, 74. Er hat 1959 die Plattenfirma Island gegründet und einige der ersten Ska- und Reggae-Platten überhaupt aufgenommen. 1972 wurde er Bob Marleys Produzent und trieb dessen Wandlung vom lokalen zum globalen Superstar voran. »Pop besteht ja immer aus Musik und attitude«, sagt er. »Bei Punk drehte sich alles um attitude . So ist es jetzt auch in der Dancehall-Szene.« Blackwell hatte ich am Tag vor der Premiere in Kingston getroffen, an einem chaotischen Interviewtag für die angereiste Weltpresse im Hotel Pegasus. Vor ein paar Jahren hat er sich aus dem Musikgeschäft zurückgezogen und entwickelt seither sehr erfolgreich Luxushotels in Jamaika.

Als einer der reichsten Männer des Landes kann er mir bestimmt diese Frage beantworten: Wie kommt es eigentlich, dass Bob Marley nicht Ausgebeutete und Unterdrückte in aller Welt inspiriert, sondern auch so viele wohlhabende Weiße – Sie zum Beispiel? »Die Dinge, die er in seinen Songs anspricht und gegen die er kämpft,« sagt Blackwell, »die kennt jeder aus seinem eigenen Leben. Er zeigt, wie man seine Probleme überwinden kann.« Marley habe viel Ablehnung erlebt, »von seinen weißen Onkeln und von der Familie seiner Frau. Im Ghetto wurde er ausgelacht. Ihn hat das alles nicht gebrochen. Man spürt in seinen Songs, dass er nie aufgibt, immer positiv bleibt.« Ich denke an den Mann mit den blutunterlaufenen Augen und stelle mir vor, dass er in seiner Wut mit Marleys Botschaft nicht viel anfangen kann. Eher mit der Punk-Attitüde.

Wie Chris Blackwell war auch Neville Garrick ein wichtiger Vertrauter Bob Marleys, auch ihn treffe ich im Pegasus. Er hat Marleys berühmte Plattencover gestaltet und die Rasta-Optik seiner Konzerte. Er kann stundenlang Marley-Anekdoten erzählen und ist daher eine wunderbare Hauptfigur in Kevin Macdonalds Film. Garrick ist überzeugter Rastafari, aber nicht mehr so militant wie früher. »Zum Beispiel fand ich Golf immer lächerlich, das war was für die Bourgeoisie. Ein Revolutionär spielt nicht Golf. Heute bin ich begeisterter Golfer. Die Leute, mit denen ich golfen gehe, sind Polizisten, Politiker, Geschäftsmänner – genau die Leute, die ich früher gehasst habe«, sagt er und lacht. »Oh Mann, was würde wohl Bob dazu sagen?« Aber diese Golfer sind ja jetzt sicher alle Marley-Fans, oder? »Inzwischen ja.«

Ich frage ihn, was er von der heutigen Musikszene Jamaikas hält. »Es ist einfach etwas ganz anderes. Ich möchte niemanden kritisieren, aber die Texte sagen mir nicht zu. Der Beat, ja, der erwischt mich manchmal.« Die Musik entspreche eben der heutigen Zeit: »Bob und ich kamen aus der Bürgerrechtsbewegung, wir machten Protestmusik. Heute geht es um materielle Dinge.«

Zur Überprüfung dieser These verabreden wir uns mit Reanno Gordon, 30. Unter seinem Künstlernamen Busy Signal ist er seit 2005 einer der bekanntesten Dancehall-Sänger in Jamaika. Kurz vor dem Abflug war mir sein neues Album aufgefallen mit dem programmatischen Titel Reggae Music Again – eine überraschende Platte, weil Busy Signal hier ältere Stile und Inhalte aufgreift: Er singt einen Marley-haften Song über Modern Day Slavery (»Sie haben uns die Ketten abgenommen, aber die Abdrücke sind noch zu sehen«), begleitet von einem ungewöhnlich vielschichtigen Sound. Wir treffen ihn in den Penthouse-Studios, einer der wichtigsten Quellen neuer jamaikanischer Musik.

Nein, den Marley-Film habe er leider nicht sehen können, er war gestern Abend im Studio. Was ihm zu Marley einfällt? »Wahre Größe«, sagt er mit sanfter Stimme. »Seine Musik war immer da, schon bevor ich geboren wurde, meine Eltern haben sie dauernd gespielt.« Darin liege heute aber das Problem: »Es ist ein Generationending. Die Jungen wollen die alten Sachen nicht mehr hören. In den Dancehalls gibt es heute keinen traditionellen Reggae mehr, keinen . Schon die Sachen aus der vorigen Woche will diese Woche ja keiner mehr hören. Die Jungen wollen eine bestimmte Art von Dancehall: billig, vergänglich.« Ja, so etwas habe er früher selbst gemacht, »man geht eben durch verschiedene Phasen«. Den gediegenen Sound des Albums hat der junge Produzent Shane Brown geschaffen – auch als Reaktion auf die gegenwärtige Dancehall-Szene. »Es ist zu einfach geworden«, sagt er, »die Leute nehmen einen Laptop, machen biep-biep-biep, und fertig. Der Sound ist zurzeit so schlimm, dass er nur noch besser werden kann.« Das werde aber nur geschehen, »wenn die jungen Leute hier mehr lernen über Musik und über die Tradition in Jamaika. Im Moment will das kaum jemand«. Busy stimmt zu: »Überall auf der Welt interessiert man sich viel mehr für traditionellen Reggae als hier.«

Ich frage Shane, was ihm Bob Marley bedeutet. Er lächelt, kostet den Moment aus – dann schließt sich der Kreis: »Mein Vater war sein Toningenieur, er war viel mit ihm auf Tour. Errol Brown, weißt du?« Errol Brown! Noch so eine legendäre Figur, in meinem Regal im fernen Berlin steht der Name auf Platten von Burning Spear, Culture, The Ethiopians und anderen Giganten. Shane tippt auf seinen BlackBerry, reicht ihn mir, und schon habe ich Bob Marleys Toningenieur am Ohr. Ich frage ihn nach dem riesigen Mischpult, das ich im Bob-Marley-Museum in der Hope Road gesehen habe. »Ja, Mann, das war mein Instrument!« Er könne sich noch ganz genau an jeden Knopf und jeden Regler erinnern. Während Errol Brown erzählt, kriegt der BlackBerry seines Sohnes nonstop neue Anrufe. Als wir uns verabschiedet haben, sagt Shane: »Jetzt musst du natürlich auch unbedingt das Tuff-Gong-Studio sehen, ich sag denen schon mal Bescheid.«

Zwischen Marley-Trash und Kifferkitsch

Bob Marleys Studio – dort hat sein Vater gearbeitet, dort hat Shane von ihm das Handwerk gelernt und auch Busy Signals neues Album aufgenommen, »zum Teil mit denselben Instrumenten und Geräten, die Bob Marley benutzt hat«. So kann es einem 2012 auch gehen: Die brandneue Platte eines experimentierfreudigen Dancehall-Stars führt direkt in Bob Marleys altes Arbeitszimmer.

Eine halbe Stunde später sind wir im Tuff-Gong-Studio : überall dunkles Holz, in den Teppichen und Vorhängen der Duft verqualmter Jahrzehnte. Als wir eintreten, sitzt der Produzent Abidan Campbell am riesigen Mischpult und bearbeitet neue Sounds, sein Gesicht ist hinter einer Maske versteckt – zum Schutz, wie sich später herausstellt, gegen die verdammte Zugluft aus der Klimaanlage. Er war gestern auch im Park, den Film fand er ganz gut, er hätte aber, ganz der Produzent, ein paar Einwände. Es folgt eine akribische Auflistung von Detailfehlern. Vor allem aber stört ihn, klar, dass die Leistung von Marleys Musikern und Produzenten nicht genügend gewürdigt worden sei: »Ich würde gern mal einen Zweieinhalbstundenfilm über Lee Perry sehen.«

So könnte es jetzt gern immer weitergehen, von Studio zu Studio, von Sound zu Sound. Doch nach ein paar Tagen in der aufregenden, anstrengenden Hauptstadt lassen wir Kingston hinter uns und brechen auf nach Nine Mile. Dort kam Bob Marley 1945 zur Welt, dort liegt er seit 1981 begraben. Es geht hinauf, immer weiter hinauf in ein schwer zugängliches, erhaben schönes Bergland. Hierhin kämpften sich vor 300 Jahren die Maroons durch, geflohene Sklaven, Marleys Vorfahren. Ganz oben, neben den Resten seiner Kindheitshütte, steht das Bob-Marley-Mausoleum, durch Mauern und Eisentore abgeschottet von der bis heute bitteren Armut ringsum. Für 20 Dollar Eintritt kann man hier zwei Souvenir-Shops voller Marley-Trash und Kifferkitsch durchlaufen und sich von einem pausenlos scherzenden Mausoleumsführer die letzte stille Andacht zerquatschen lassen. Zwei wahre Sätze jedoch spricht der junge Rasta, als wir im Allerheiligsten stehen, vor dem etwa drei Meter hohen Steinquader, unter dem Marley bestattet ist. Angesichts der Gaben, die Fans aus aller Welt hier abgelegt haben – Feuerzeuge, Kugelschreiber, Lippenstifte –, sagt er: »Ja, Bob kriegt eine Menge Scheiß. Ich weiß nicht, wozu er den braucht.«

Nirgendwo auf der Welt ist Bob Marley so tot wie in diesem Mausoleums-Shop. Auf der Suche nach dem prallen Leben fahren wir nach Port Antonio, Julians Lieblingsort auf der Insel. Als wir uns dort am Abend in einem Strandhotel einquartiert haben, hören wir Marleys Hit Three Little Birds herüberhallen, aus weiter Ferne, ziemlich laut – eine Soundsystem-Party! Wir machen uns auf den Weg, den Bässen nach. Vor einem kleinen Laden in der Ortschaft Drapers tanzen etwa 50 Leute. Die Musik wummert aus mannshohen Bassboxen, am Rand sitzen ein paar Männer am Grill. Perfekt. Wir sind hier, leicht erkennbar, die einzigen Zugereisten. Möglichst selbstverständlich schlendern wir auf die Tanzenden zu, werden gefragt: »Where you from?«, und weniger gebeten als aufgefordert, eine Runde Bier auszugeben. Aber nachdem wir das getan haben, dürfen wir mitfeiern. Bis zum frühen Morgen legen die beiden DJs alle möglichen Stile auf, alt und neu, kreuz und quer, Hauptsache, laut. Das Hähnchen vom Grill schmeckt fantastisch, Red Stripe, das jamaikanische Bier, sowieso. Mikrofone werden hervorgeholt, die DJs spielen Instrumentalstücke, einige der Männer singen dazu. Ich habe ins wahre Jamaika gefunden. Um drei Uhr morgens fährt ein Polizeiauto vor, um die Party zu beenden.

Einen anderen Glücksmoment – unwirklicher als alle meine Jamaika-Fantasien der letzten drei Jahrzehnte – habe ich Chris Blackwell zu verdanken. Nachdem wir uns am chaotischen Interviewtag eine Weile über gemeinsame Musikvorlieben ereifert hatten – etwa über den Produzenten Lee Perry – und dann die Zeit nicht reichte, weil ein japanisches Fernsehteam dran war, lud mich Blackwell zur Dinnerparty in sein Hotel Strawberry Hill ein, hoch oben in den Blue Mountains. Dahin hatte Blackwell Bob Marley zur Erholung gebracht, nachdem er 1976 bei einem Attentat angeschossen worden war.

Es ist eine lange Fahrt über steile Bergstraßen in katastrophalem Zustand. Nach Einbruch der Dunkelheit kommen wir an, ein schmaler Fußweg führt zum Hotel. Es ist still hier oben, Grillen zirpen, aus der Finsternis der umliegenden Hügel schwebt leise der archaische Gesang einer Rasta-Gruppe herüber. Weit unten ist Kingston zu sehen als Meer goldener Lichter, sie glitzern um die Wette mit dem karibischen Sternenhimmel über uns. Vor dieser überirdischen Aussicht muss sich der verletzte Bob Marley kurz gefragt haben, ob er das Attentat tatsächlich überlebt habe. Ich bleibe ewig hier stehen, höre die spirituellen Gesänge und starre mit feuchten Augen auf die Stadt, der ich den Soundtrack meines Lebens verdanke.