JamaikaIm Land meiner Träume
Seite 2/4:

Im jamaikanischen Radio hört man Marley kaum

Kurz danach trifft ein unangenehm kräftiger Schlag meinen linken Arm. Ich drehe mich um und blicke in die blutunterlaufenen Augen eines erkennbar armen Jamaikaners, der mich wütend ansieht und Geld fordert. Ich habe leider tatsächlich keines dabei, sage »sorry«, versuche, ihn zu beruhigen, doch der Mann redet weiter so wütend auf mich ein, dass sich Leute zu uns umdrehen. Bald haben wir so viele Zuschauer, dass er aufgibt und fluchend weiterzieht. Er hat eingesehen, was auch ich sah: Das Publikum war auf meiner Seite.

Als weißer Europäer wird man im schwarzen Jamaika permanent angequatscht: »Where you from?«, »First time Jamaica?«, und schließlich: »Help me buy some food.« Es sind keine Überfälle, aber Forderungen bis hin zur Nötigung. Entnervt bezahlt man dann einen oder zwei Dollar dafür, endlich in Ruhe gelassen zu werden. Über diese Dauerbelästigung klagen hier alle Touristen. Dieser Kleinkrieg wird weitergehen, solange an der Hautfarbe so deprimierend genau abzulesen ist, wer das Geld hat.

Der Film endet, unweigerlich, mit Marleys langem Sterben im Jahr 1981. Als es kaum noch Hoffnung auf eine Heilung von seinem Krebsleiden gab, ließ er sich in einer Klinik am Tegernsee behandeln. Seine damalige Krankenschwester kommt zu Wort, zwei surreale Minuten lang schallt ihr sanftes Bayerisch durchs nächtliche Kingston. Überhaupt stößt man hier auffallend oft auf Deutsches: Als Kind, erzählt einer im Film, sei Marley wegen seiner hellen Hautfarbe »German boy« genannt worden. Später, als Weltstar, kaufte er sich einen BMW , weil das die Abkürzung war für » Bob Marley & the Wailers «. Seine Band war lange mit einem VW-Bus unterwegs gewesen, dessen rostige Überbleibsel heute im Trenchtown Cultural Center zu besichtigen sind, einem schön hergerichteten Teil des Slums, in dem Marley aufwuchs. Neulich sollen Leute von VW da gewesen sein, um zu klären, ob sich der Bulli wieder flottmachen ließe.

Friedlich geht der Premierenabend gegen Mitternacht zu Ende. Bob Marley hat in seiner Heimatstadt noch einmal Zehntausende auf die Beine gebracht, viele Rastas, viele aus der Mittelschicht. Um herauszufinden, welche Rolle er heute in Jamaikas Musikwelt spielt, muss ich die Oase der Marley-Festivitäten verlassen. Zum Glück bin ich mit dem Fotografen Julian Baumann hergereist. Seine Mutter ist Jamaikanerin, er war schon oft hier. Das jamaikanische Patois, das ich nach jahrzehntelangem Reggae-Hören einigermaßen verstehe, spricht Julian sehr überzeugend, und so gelangen wir in den folgenden Tagen immer wieder an Orte, die ich ohne ihn nie gesehen hätte.

Auf unseren Autofahrten kreuz und quer durchs Land hören wir ständig – sehr gern und sehr laut – Jamaikas wichtigste Musiksender, Irie FM und Hot 97. Nicht ein einziges Mal bekommen wir dort Bob Marley zu hören, stattdessen fast ausschließlich die härtere Spielart jamaikanischer Musik: Dancehall – heftig, dreckig, digital . Besonders oft wird der Superstar Vybz Kartel gespielt, der die Szene seit Jahren dominiert. Mit computerverfremdeter Stimme besingt er Gangster, das Ghetto, Pornografisches. Gleich am ersten Abend, in der erstbesten Bar mit lauter Musik, informiert uns ein junger Mann: »Das ist der neue Bob Marley.« Leider ist er zurzeit außer Gefecht. Er sitzt wegen einer Mordanklage im Gefängnis.

Um den aktuellen Stand der jamaikanischen Musikwelt näher zu erkunden, würden wir zu gern ein paar einschlägige Plattenläden in Kingston aufsuchen, aber alle, die wir fragen, versichern uns: Es gibt hier keine Plattenläden mehr, alles läuft online. Und über Straßenhändler, die selbst gebrannte CDs verkaufen. Zu ihnen muss man sich durchfragen. Im Gewimmel in der Nähe von Kingstons zentralem Busbahnhof bleibt unsere Suche lange erfolglos. An improvisierten Ständen werden überall die notwendigsten Alltagsdinge angeboten, CDs erscheinen mir hier bald selbst als dekadenter Luxus.

Immerhin: Vor einem Ramschladen stehen zwei junge Männer an einer mobilen Musikanlage. Aus den Boxen knallt Europop, voll aufgedreht, schön verzerrt. Über die Billigbeats rappt der DJ: »Sunglasses just 400, come an check it«, abrupt dreht er die Musik weg: »T-shirts, socks, pants, all on sale«, und es knallt weiter. Sein Kompagnon nimmt die Kopfhörer ab und erklärt uns geduldig, wo wir ganz in der Nähe einen CD-Verkäufer finden könnten, eventuell. Nach einigen vergeblichen Runden fällt mir ein Mann auf, der auf einer Sackkarre einen großen Lautsprecher über die Straße schiebt. Darauf steht ein Pappkarton, darin stapelweise CD-Rohlinge, mit Filzstift bekritzelt: »Stone Love 2012«, »Old Sizzla«, »New Vybz«. Er fragt uns, was wir suchen, bittet uns in den Schatten und spielt uns auf seinem ramponierten Discman die ersten Sekunden einiger Stücke an, daraus werden Dutzende, Hunderte, sein Discman braucht zwischendurch neue Batterien. Sein unscheinbarer Karton erweist sich als Schatztruhe jamaikanischer Musik. Nur Bob Marley ist nicht dabei.

Tja, den Film gestern hätte er sehr gern gesehen, aber er musste zu Hause auf seine beiden Kinder aufpassen. Als wir schon mehr als zwanzig CDs ausgesucht haben, fragt er uns, ob er zwei Stapel machen soll, einen für mich, einen für Julian. »Nicht nötig«, sagen wir ihm, »wir kopieren uns die dann einfach gegenseitig.« Er stutzt – aber was soll ausgerechnet er gegen Raubkopien einwenden? Zehn Meter von uns entfernt überwacht jetzt ein Polizist auf einem Motorrad den Markt. Er ist unserem Musikdealer völlig egal, und umgekehrt.

Leserkommentare
  1. ...für diese schöne Reportage!

    mit solidarischem Gruß,
    besorgter_mitbuerger

  2. Es kommt selten vor, dass ich einen Artikel auf Zeit.de nicht bloss ,,querlese" - diesen hier habe ich komplett gelesen, absolut wunderbare 4 Seiten (und das, obwohl ich mit Reggae nicht allzu viel am Hut habe) - vielen Dank hierfür! :-)

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich interessiere mich eigentlich auch kaum für das Thema, aber den Artikel habe ich sehr, sehr gerne gelesen. Super geschrieben, man bekommt einen schönen Eindruck!

  3. Ich interessiere mich eigentlich auch kaum für das Thema, aber den Artikel habe ich sehr, sehr gerne gelesen. Super geschrieben, man bekommt einen schönen Eindruck!

    Antwort auf "Großartiger Artikel!"
  4. 4. nice!

    Sehr guter Artikel und eine tolle Geschichte. Ich dachte schon ich sei der Einzige, der gerne mal mehr über die Musik und ihre Kultur erfahren möchte, sich aber nicht traut einfach so nach Jamaika, nach Trenchtown und all die bösen Orte, zu fahren. Gerne mehr davon, neben Bob Marley gibt es noch viele interessante jamaikanische Geschichten zu erzählen.

    • pamsen
    • 10. Mai 2012 14:18 Uhr

    Ich möchte mich anschliessen und auch für diesen Artikel danken! Habe mir beim Lesen, durch die wirklich guten Beschreibungen, ein gutes Bild / einen guten Eindruck machen können / bekommen.

    Danke!

  5. Artikel wie dieser oder über Judah Square in Südafrika machen die Zeit so lesenswert. Was würde Bob Marley wohl dazu sagen?

  6. 7. danke

    bester artikel über (auch) meinen soundtrack fürs leben seit JAHREN.

    herzlichen dank für echten journalismus.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte BMW | Jamaika | Musik | Reggae | Berlin
  • Blue Note Records: Erhabene Coolness

    Erhabene Coolness

    Kein Jazz ohne Blue Note Records. Miles Davis, Sidney Bechet und Art Blakey waren hier unter Vertrag. Ein neuer Band zeigt Bilder aus den goldenen Jahren des Genres.

    • Billy Corgan, Sänger der Smashing Pumpkins

      Diese Band hat alles verändert

      Wer mit den Smashing Pumpkins heranwuchs, kann enttäuscht von ihrem neuen Album sein. Oder sich einfach an wunderbare Zeiten erinnern. Eine Liebeserklärung

      • Die Airmachine von Ondřej Adámek

        Die Luft im Klang

        Töne aus Gummihandschuhen und Gartenschläuchen: Gelassen erobert der junge tschechische Komponist Ondřej Adámek den Elfenbeinturm der neuen Musik.

        • Aykut Anhut alias Haftbefehl

          Fettes, verstörendes Talent

          Die Hip-Hop-Gemeinde hat das neue Album von Haftbefehl erwartet wie eine Epiphanie. Dabei geht es um Literatur! Der Offenbacher ist der deutsche Dichter der Stunde.

          Service