In Köln kann man dieser Tage ein Wunderwesen des Wirtschaftslebens entschlüsseln. Das Wesen heißt Fonds , mit männlichem Artikel, der Fonds. Er ist eines der Werkzeuge des modernen Finanzkapitalismus, so viel ist sicher. Strittiger ist die Frage, ob dieses Werkzeug für die Allgemeinheit in erster Linie nützlich ist oder auch teuflisch sein kann. In Köln ist die Sache ganz klar. Hier hat das Wunderwesen Milliarden aufgefressen.

Ein Fonds ist im Prinzip erst einmal nichts anderes als eine Geldsammelstelle. Finanziert wird damit alles, was groß ist: Schiffe, Flugzeuge, Autobahnen, aber vor allem Immobilien, so wie in Köln. Dort steht eine ganz besondere Fondskonstruktion im Mittelpunkt, der sogenannte Oppenheim-Esch-Immobilien-Fonds. Oppenheim: Das war das einst ehrwürdige Bankhaus Sal. Oppenheim mit jahrhundertelanger Tradition, das im Jahr 2009 vor der Pleite stand und von der Deutschen Bank übernommen wurde. Esch: Das sind der schillernde Bauunternehmer und Vermögensverwalter Josef Esch aus Troisdorf und sein Geschäftsführer Lothar Ruschmeier. Esch, ein ehemaliger Maurerpolier, der es bis in die Hochfinanz geschafft hat. Ruschmeier, Jurist und ehemals Oberstadtdirektor von Köln.

In den meisten Fällen waren diese Fonds äußerst lukrativ für die Bank, für Esch und für die Millionäre, die in diese Fonds investiert hatten. Weniger lukrativ dagegen waren die Fonds für die Stadt Köln und ihre Sparkasse . Denn sowohl die Stadt als auch die Sparkasse ließen sich wiederholt auf teure Mietverträge ein. Und die Stadt haftet als Trägerin in vollem Umfang für die Sparkasse.

Beim letzten Fonds, dem Kölner-Messe-Fonds, zeigen verschiedene Untersuchungen, dass der Neubau der Messe im Jahre 2005 ohne den Oppenheim-Esch-Fonds rund 100 Millionen Euro billiger für die Stadt gewesen wäre. Bei dem damit eng verbundenen Rheinhallen-Fonds hat die Sparkasse gut 277 Millionen Euro Verlust gemacht. Der damalige Messechef Jochen Witt leistete Widerstand gegen die Fonds-Finanzierung, die völlig überteuerte Mieten mit sich brachte – und wurde später vom Bürgermeister der Stadt Köln abgesetzt. Die teuren Mieten zahlte darauf die Stadt. Eine Stadt, die faktisch pleite ist. Es herrscht eine vorläufige Haushaltsführung, dringende Etatposten von wenigen Hunderttausend Euro werden nicht mehr automatisch bewilligt, das Kölner Opernhaus ist akut von der Schließung bedroht. Die Fondsgeschäfte haben die aktuelle Finanznot nicht direkt verursacht. Aber man muss sich fragen, warum hat sich die Stadt auf diese für sie so schlechten Geschäfte eingelassen? Warum hat sie geholfen, das Geld von unten nach oben zu pusten, aus der Staatskasse in die Taschen deutscher Millionäre? Um diese Frage zu beantworten, soll die Geschichte einer Fonds-Konstruktion erzählt werden, an deren Ende der Kölner-Messe-Fonds steht. Eine Konstruktion, mit der sich auch die Kölner Staatsanwälte beschäftigen. Vorstellen muss man sie sich wie ein altes, dicht verzweigtes Wurzelgeflecht, das an verschiedenen Stellen fast identische Bäume entstehen ließ. Man hört, angesichts der komplizierten Vorgänge würden die Ermittlungen noch eine Weile dauern, "wir arbeiten an dem ganz großen Bild", sagt ein Fahnder.

Auch die Europäische Kommission ermittelt. Sie vermutet, dass die Stadt Köln versteckt Subventionen gezahlt habe. Der Europäische Gerichtshof hat schon entschieden, dass Köln mit der Vergabe des Bauauftrages an den Esch-Fonds gegen europäische Richtlinien verstoßen hat. Der Gerichtshof hat den Mietvertrag daher für ungültig erklärt, die Stadt hat darauf die Mietzahlungen eingestellt. Dem Fonds fehlen nun die Einnahmen, und plötzlich sind auch Eschs Millionäre nicht mehr glücklich.

Einige von ihnen werfen ihren Fondsgeschäftsführern Josef Esch und Lothar Ruschmeier Betrug vor. Die Damen und Herren Fondszeichner, Schickedanz, Middelhoff , Lampatz und Co., wollen ihr Geld zurück. Der ZEIT liegt dazu ein Gutachten der Anwaltssozietät Leinen&Derichs vor, die den Geschäftsführern des Rheinhallenfonds Esch und Ruschmeier "strafrechtliche Verantwortlichkeit" vorwirft und den Tatbestand der Untreue in mehreren Fällen als erfüllt ansieht. Daraus leiten sich auch "Schadenersatzansprüche der Gesellschaft" ab. Esch und Ruschmeier weisen dies zurück. Das Gutachten komme zu falschen Ergebnissen und beruhe auf einem unzutreffenden Sachverhalt.

Erste Klagen der Fondszeichner sind bereits vorbereitet, noch laufen Verhandlungen mit der Deutschen Bank auf eine außergerichtliche Einigung. Folgt man den Argumenten der Anwälte der Fondszeichner, dann droht auch der Deutschen Bank als Besitzer des Bankhauses Sal. Oppenheim großes Ungemach. Die Herren und Damen Fondszeichner sind inzwischen der Überzeugung, durch Esch von Anfang an sehr bewusst getäuscht und betrogen worden zu sein. Sie fordern deshalb eine Rückabwicklung der Fonds beziehungsweise erheben Schadenersatzforderungen. Dies würde bedeuten, dass die Deutsche Bank je nach Anzahl der aufgelösten Fonds und Höhe der Schadenersatzforderungen bis zu zwei Milliarden Euro bezahlen müsste – eine ungeheuerliche Summe, weit mehr als die 800 Millionen Euro aus dem Rechtsstreit mit Leo Kirch, die der Bank drohen. Bankchef Josef Ackermann führte im Sommer 2009 persönlich die Kaufverhandlungen mit Sal. Oppenheim, man darf gespannt sein, was sein Nachfolger aus dem Investmentbanking, Anshu Jain, zu solchen Risiken sagt. Auf Anfrage der ZEIT wollten sich die Anwälte der Deutschen Bank nicht zu diesem Komplex äußern. Aus dem Hause Sal. Oppenheim ist zu hören, man sehe diesen Drohungen auch weiterhin gelassen entgegen und frage sich im Übrigen, warum die Fondszeichner erst nach so langer Zeit auf die Idee gekommen seien, betrogen worden zu sein.