In Köln kann man dieser Tage ein Wunderwesen des Wirtschaftslebens entschlüsseln. Das Wesen heißt Fonds , mit männlichem Artikel, der Fonds. Er ist eines der Werkzeuge des modernen Finanzkapitalismus, so viel ist sicher. Strittiger ist die Frage, ob dieses Werkzeug für die Allgemeinheit in erster Linie nützlich ist oder auch teuflisch sein kann. In Köln ist die Sache ganz klar. Hier hat das Wunderwesen Milliarden aufgefressen.

Ein Fonds ist im Prinzip erst einmal nichts anderes als eine Geldsammelstelle. Finanziert wird damit alles, was groß ist: Schiffe, Flugzeuge, Autobahnen, aber vor allem Immobilien, so wie in Köln. Dort steht eine ganz besondere Fondskonstruktion im Mittelpunkt, der sogenannte Oppenheim-Esch-Immobilien-Fonds. Oppenheim: Das war das einst ehrwürdige Bankhaus Sal. Oppenheim mit jahrhundertelanger Tradition, das im Jahr 2009 vor der Pleite stand und von der Deutschen Bank übernommen wurde. Esch: Das sind der schillernde Bauunternehmer und Vermögensverwalter Josef Esch aus Troisdorf und sein Geschäftsführer Lothar Ruschmeier. Esch, ein ehemaliger Maurerpolier, der es bis in die Hochfinanz geschafft hat. Ruschmeier, Jurist und ehemals Oberstadtdirektor von Köln.

In den meisten Fällen waren diese Fonds äußerst lukrativ für die Bank, für Esch und für die Millionäre, die in diese Fonds investiert hatten. Weniger lukrativ dagegen waren die Fonds für die Stadt Köln und ihre Sparkasse . Denn sowohl die Stadt als auch die Sparkasse ließen sich wiederholt auf teure Mietverträge ein. Und die Stadt haftet als Trägerin in vollem Umfang für die Sparkasse.

Beim letzten Fonds, dem Kölner-Messe-Fonds, zeigen verschiedene Untersuchungen, dass der Neubau der Messe im Jahre 2005 ohne den Oppenheim-Esch-Fonds rund 100 Millionen Euro billiger für die Stadt gewesen wäre. Bei dem damit eng verbundenen Rheinhallen-Fonds hat die Sparkasse gut 277 Millionen Euro Verlust gemacht. Der damalige Messechef Jochen Witt leistete Widerstand gegen die Fonds-Finanzierung, die völlig überteuerte Mieten mit sich brachte – und wurde später vom Bürgermeister der Stadt Köln abgesetzt. Die teuren Mieten zahlte darauf die Stadt. Eine Stadt, die faktisch pleite ist. Es herrscht eine vorläufige Haushaltsführung, dringende Etatposten von wenigen Hunderttausend Euro werden nicht mehr automatisch bewilligt, das Kölner Opernhaus ist akut von der Schließung bedroht. Die Fondsgeschäfte haben die aktuelle Finanznot nicht direkt verursacht. Aber man muss sich fragen, warum hat sich die Stadt auf diese für sie so schlechten Geschäfte eingelassen? Warum hat sie geholfen, das Geld von unten nach oben zu pusten, aus der Staatskasse in die Taschen deutscher Millionäre? Um diese Frage zu beantworten, soll die Geschichte einer Fonds-Konstruktion erzählt werden, an deren Ende der Kölner-Messe-Fonds steht. Eine Konstruktion, mit der sich auch die Kölner Staatsanwälte beschäftigen. Vorstellen muss man sie sich wie ein altes, dicht verzweigtes Wurzelgeflecht, das an verschiedenen Stellen fast identische Bäume entstehen ließ. Man hört, angesichts der komplizierten Vorgänge würden die Ermittlungen noch eine Weile dauern, "wir arbeiten an dem ganz großen Bild", sagt ein Fahnder.

Auch die Europäische Kommission ermittelt. Sie vermutet, dass die Stadt Köln versteckt Subventionen gezahlt habe. Der Europäische Gerichtshof hat schon entschieden, dass Köln mit der Vergabe des Bauauftrages an den Esch-Fonds gegen europäische Richtlinien verstoßen hat. Der Gerichtshof hat den Mietvertrag daher für ungültig erklärt, die Stadt hat darauf die Mietzahlungen eingestellt. Dem Fonds fehlen nun die Einnahmen, und plötzlich sind auch Eschs Millionäre nicht mehr glücklich.

Einige von ihnen werfen ihren Fondsgeschäftsführern Josef Esch und Lothar Ruschmeier Betrug vor. Die Damen und Herren Fondszeichner, Schickedanz, Middelhoff , Lampatz und Co., wollen ihr Geld zurück. Der ZEIT liegt dazu ein Gutachten der Anwaltssozietät Leinen&Derichs vor, die den Geschäftsführern des Rheinhallenfonds Esch und Ruschmeier "strafrechtliche Verantwortlichkeit" vorwirft und den Tatbestand der Untreue in mehreren Fällen als erfüllt ansieht. Daraus leiten sich auch "Schadenersatzansprüche der Gesellschaft" ab. Esch und Ruschmeier weisen dies zurück. Das Gutachten komme zu falschen Ergebnissen und beruhe auf einem unzutreffenden Sachverhalt.

Erste Klagen der Fondszeichner sind bereits vorbereitet, noch laufen Verhandlungen mit der Deutschen Bank auf eine außergerichtliche Einigung. Folgt man den Argumenten der Anwälte der Fondszeichner, dann droht auch der Deutschen Bank als Besitzer des Bankhauses Sal. Oppenheim großes Ungemach. Die Herren und Damen Fondszeichner sind inzwischen der Überzeugung, durch Esch von Anfang an sehr bewusst getäuscht und betrogen worden zu sein. Sie fordern deshalb eine Rückabwicklung der Fonds beziehungsweise erheben Schadenersatzforderungen. Dies würde bedeuten, dass die Deutsche Bank je nach Anzahl der aufgelösten Fonds und Höhe der Schadenersatzforderungen bis zu zwei Milliarden Euro bezahlen müsste – eine ungeheuerliche Summe, weit mehr als die 800 Millionen Euro aus dem Rechtsstreit mit Leo Kirch, die der Bank drohen. Bankchef Josef Ackermann führte im Sommer 2009 persönlich die Kaufverhandlungen mit Sal. Oppenheim, man darf gespannt sein, was sein Nachfolger aus dem Investmentbanking, Anshu Jain, zu solchen Risiken sagt. Auf Anfrage der ZEIT wollten sich die Anwälte der Deutschen Bank nicht zu diesem Komplex äußern. Aus dem Hause Sal. Oppenheim ist zu hören, man sehe diesen Drohungen auch weiterhin gelassen entgegen und frage sich im Übrigen, warum die Fondszeichner erst nach so langer Zeit auf die Idee gekommen seien, betrogen worden zu sein.

Köln-Ossendorf schien eine Erfolgsgeschichte zu werden

Wie konnte es zu alldem kommen? Folgen wir der Spur des Geldes, hinaus aus den Messehallen, vorbei am mächtigen roten Backsteingebäude der Rheinhallen, über die Deutzer Brücke, mitten durch die Kölner Innenstadt in das zehn Kilometer entfernte Gewerbegebiet Ossendorf. Hier hat vor zwanzig Jahren alles begonnen. Damals, als sich die Beamten des Amtes für Wirtschafts- und Beschäftigungsförderung über ihren Oberstadtdirektor Lothar Ruschmeier zu wundern begannen.

Seit 1990 war Ruschmeier der Herr über die gesamte Verwaltung Kölns. Hinter vorgehaltener Hand sagten sie über ihn, "der geht zum Lachen in den Keller", Konferenzen habe er wie ein "Feldherr am Rande des Gefechtsfeldes" geführt, aber er galt den meisten als guter Verwaltungsmann. Einmal hatte Ruschmeier alle Referatsleiter zu einer Tagung in das Senats-Hotel in Köln geladen und sie eindringlich gewarnt: "Wir müssen selbst den Anschein vermeiden, dass wir Vorteile annehmen." Danach waren auch die Letzten begeistert von Ruschmeier. Viele von ihnen konnten später nur den Kopf schütteln, dass dieser seriöse Mann nur wenige Tage nach seinem Ausscheiden bei der Stadt im Jahr 1998 für einen viel höher dotierten Vertrag bei Josef Esch anheuerte.

Ossendorf war damals noch weitgehend Acker und Wiese, die Stadt wollte etwas draus machen. Also hatten Ruschmeiers Beamte aus der Wirtschaftsförderung mit über hundert mittelständischen Betrieben gesprochen, die sich damals, Anfang der neunziger Jahre, in dem neuen Gewerbegebiet Köln-Ossendorf ansiedeln wollten. Die Beamten überprüften die Finanzen der Betriebe, sprachen mit den Steuerberatern, und am Schluss blieben etwa 50 Betriebe über. 50 Betriebe, ihre Arbeitsplätze und Gewerbesteuern. Die Beamten begannen, die Kaufverträge für die Grundstücke zu verhandeln. Sie hatten gute Laune, denn Ossendorf schien eine Erfolgsgeschichte zu werden. Und sie dachten, ihr Chef wäre jetzt stolz auf sie. Doch dann geschah etwas Merkwürdiges. Das Liegenschaftsamt blockierte jeden einzelnen der Kaufverträge. Einem, der damals dabei war, einem sportlichen Herrn im Rentenalter, steht die Verachtung für seinen damaligen obersten Chef ins Gesicht geschrieben. Öffentlich anlegen mit ihm möchte er sich aber auch nicht, daher bleibt er der sportliche Herr. Der sportliche Herr sitzt am Esstisch seines Hauses und verzieht das Gesicht, als habe er auf etwas Saures gebissen. "Wir standen doch damals da wie die Deppen. Wir hatten viel Zeit und Geld in die Akquise gesteckt, und dann hören wir von den Betrieben auch noch, "was seid ihr für eine lahme Verwaltung, wie lange dauert das mit den Verträgen denn noch?". Lange gab es von Ruschmeier keine Erklärung für die Blockade, dann hieß es, ein Leergutlager solle in Ossendorf entstehen. "Wir haben uns alle an den Kopf gefasst. Ein Leergutlager?! Das ist doch alles andere als eine rentable Lösung." 1997 wurde das gesamte Gelände, 23 Fußballfelder groß, für 17,6 Millionen Mark über die Zwischenkäuferin Sparkasse an den Immobilienfonds Köln-Ossendorf-1 verkauft. Dessen Initiator, Josef Esch, sollte dort Filmstudios bauen.

Die Politik der Stadt Köln, städtische Liegenschaften in kleine Grundstücke aufzuteilen und an mittelständische Unternehmen zu verkaufen, war damit beendet. Public-Private-Partnership für Großprojekte hieß jetzt die Losung. Der sportliche Herr erzählt am Esstisch: "Der Ruschmeier hat mir immer gesagt: ›Die Sparkasse, das ist doch die Familie, da können wir die Familie doch nicht in Konkurrenz zu anderen setzen.‹" Familie, das Wort gebrauchte Ruschmeier gerne, daran erinnern sich auch andere Gesprächspartner. Familie oder Klüngel? Der sportliche Herr sagt: "Den Namen Strukturpolitik verdiente es jedenfalls nicht, was er machte. Was da an Steuern und Arbeitsplätzen verloren gegangen ist für die Stadt! Jetzt stehen da Bürogebäude, die keiner mietet und für die die Sparkasse die Miete an die Fonds zahlt."

Ruschmeier hatte begonnen, die Kölner Wirtschaftspolitik umzubauen. "Von einer nachfrageorientierten auf eine fiktionsorientierte", sagt der sportliche Herr. Und die Fiktion war Hollywood am Rhein. Geboren hatte die vor allem Ruschmeiers Parteigenosse Wolfgang Clement.

Der war, ein Jahr bevor Ruschmeier Oberstadtdirektor wurde, Chef der Staatskanzlei Nordrhein-Westfalen geworden – später wurde er Wirtschaftsminister in Düsseldorf, dann Ministerpräsident, später Wirtschafts- und Arbeitsminister in Berlin. Man kann nicht sagen, dass seinem Werdegang diese Idee geschadet hat. Und erst diese Idee, und ihre manische Verfolgung, ermöglichte die Gewinne des Bauunternehmers Josef Esch und die Verluste der Stadtsparkasse Köln, die die Staatsanwaltschaft Köln gerade untersucht.

Am 2. Oktober 1997 schickte Ruschmeier an Clement ein Fax. "Lieber Wolfgang, mir ist nicht erinnerlich, daß mich bisher eine einzige Angelegenheit, an der ich gearbeitet hätte, mehr Nerven gekostet hätte. Immerhin ist jetzt ein positives Zwischenergebnis festzustellen. (...) die Arbeit für unser Großprojekt in Ossendorf (kann) weitergehen, insbesondere ist die Bildung eines Fonds jetzt möglich. (...) Dein Lothar."

Den Josef, wie der Oberstadtdirektor Esch nannte, kannte der schon lange. Ruschmeier war Fraktionsvorsitzender der SPD in Eschs Heimatort Troisdorf.

Clement wollte die Filmstudios unbedingt. Das merkten alle Beteiligten. Dazu gehörten RTL, ProSiebenSat.1, die Kölner Unternehmer-Brüder Breuer und die Sparkasse. Sie sollten die Studios über eine gemeinsame Gesellschaft betreiben. Aber keiner wollte so richtig das finanzielle Risiko übernehmen. Den meisten erschien die geplante Größe der neuen Studios völlig überdimensioniert. Josef Esch bestand für den Fonds vorausschauend auf einer Mietgarantie des Studiobetreibers. Zwar unterschrieben letztendlich alle diese Garantie, zahlen sollte jedoch nur die Stadtsparkasse.

Ein Fonds hielt den anderen am Leben – das perfekte System

In einem vertraulichen Papier vom September 1997 schrieb der Vorstandsvorsitzende der Stadtsparkasse Köln, Gustav Adolf Schröder, zwar, dass die zukünftige Betreibergesellschaft schon heute mit "Kampfpreisen" um Produktionen ringe und dass ein weiterer Preisverfall der Studiomieten von "30 Prozent" zu erwarten sei. Trotzdem machte er mit bei so gut wie allem, was noch kommen sollte.

Schröder, ein kleiner Mann, dessen erhöhte Schuhabsätze seinen Gesprächspartnern auffielen, war bei der Sparkasse groß geworden. Und das ganz schnell. 1972 wurde der ehemalige Lehrling mit 29 Jahren der jüngste Vorstandsvorsitzende einer kleinen Sparkasse. Mit jedem Wechsel wurde die Sparkasse größer, deren Chef er wurde. Bis er 1989 die Stadtsparkasse Köln übernahm. Aber er wollte es noch größer. 2005 fusionierte Schröder die Stadtsparkasse Köln mit der Stadtsparkasse Bonn zur zweitgrößten Sparkasse Deutschlands. Geschäftspartner beschreiben ihn als einen Menschen, der über alle Maßen freundlich war, und Menschen gegenüber, die sehr viel Macht hatten, war er fast ein wenig unterwürfig.

Ende der Neunziger war der Medienboom, der seinen Anfang mit der Einführung des Privatfernsehens Mitte der achtziger Jahre in Deutschland hatte, längst wieder am Abklingen. Und fast wie Schröder es vorausgesagt hatte, bekam die Betreibergesellschaft ein Jahr nach Fertigstellung der Studios im Jahr 2000 schon Geldschwierigkeiten. Die Studios ließen sich nicht so gewinnbringend vermieten wie erhofft, es gab mittlerweile einfach zu viele Studios in Deutschland. Und die Betreibergesellschaft konnte die Miete an den Oppenheim-Esch-Fonds nicht mehr bezahlen. Laut Vertrag hätten nun die Gesellschafter, also RTL, ProSiebenSat.1, die Unternehmer-Brüder Breuer und die Sparkasse, für die Miete an den Esch-Fonds aufkommen müssen. Aber dazu hatte keiner Lust. Und so entschied die Sparkasse, nach und nach die Verpflichtungen aller Gesellschafter zu übernehmen. Als Gegenleistung der beiden Sender gab es niedrige Einmalzahlungen und zwei Absichtserklärungen für eine intensivere Studionutzung, die aber nie erfüllt wurden. Damit hatte Schröder Clements Plan von Hollywood am Rhein gerettet. Das kostete die Sparkasse jährlich rund 13 Millionen Euro.

Die Staatsanwaltschaft begann Ermittlungen gegen Schröder wegen Untreue, nachdem die Übernahme der Mietzahlungen für die Breuers bekannt geworden waren, stellte sie jedoch 2009 mangels Tatverdacht wieder ein. Die Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young dagegen bewerteten Schröders Vorgehen in einer internen Revision für die Sparkasse, deren Bericht der ZEIT vorliegt, weitaus kritischer: Die Unterlagen legen für die Prüfer den Schluss nahe, dass Schröder einen "Kompetenzverstoß gegen die zu diesem Zeitpunkt gültige Kreditkompetenzordnung" begangen habe. Die Bürgschaft habe die Sparkasse mit über 9,5 Millionen Euro belastet. Zusätzlich hätte er gegen "interne Anweisungen der SKB und gegen die Grundsätze ordnungsgemäßer Buchführung" verstoßen. Außerdem weisen die Prüfer darauf hin, dass Schröders Verhalten kein singulärer Vorgang war, sondern typisch für die Geschäftsbeziehung der Sparkasse und deren Gesellschaften und dem Oppenheim-Esch-Fonds. Denn es waren diese Prüfer, die zum ersten Mal die Schattenwelt der Sparkasse entschlüsselten, die dem Fonds zugutekam. Schröder betont heute, all seine Entscheidungen seien durch den Gesamtvorstand der Sparkasse genehmigt worden. Durch seine Entscheidungen sei kein Schaden zum Nachteil der Sparkasse entstanden.

Es war eine Schattenwelt, die das enorme Risiko, das die Sparkasse mit den Mietzahlungen übernahm, verschleierte. Am 11. Dezember 2001 hatte Gustav Adolf Schröder, vom Gesamtvorstand genehmigt, eine Gesellschaft installiert, die vordergründig nicht der Sparkasse zugeordnet werden konnte. Aber sie wurde voll durch die Sparkasse finanziert und übernahm die Mietverpflichtungen der Gebrüder Breuer dem Fonds gegenüber. Ihr Name: die LANA Beteiligungsgesellschaft. LANA, das ist der Name einer rassigen Westfalenstute aus der Zucht des Wirtschaftsprüfers Axel Schürners, der als Eigentümer der Gesellschaft fungierte und Schröders privater Steuerberater war. 2005 erhielt er einen Sitz im Kuratorium der Sparkassenstiftung Kultur.

Die Mietverpflichtungen von ProSiebenSat.1 übernahm 2005 die Lea GmbH. Für die Lea unterschrieb Silvia Mai, die gleichzeitig Geschäftsführerin der LANA war. Die Verpflichtungen von RTL übernahm eine Tochtergesellschaft der Sparkasse, die Laurenz Vermögensanlagegesellschaft.

Josef Esch griff Schröders Sparkasse bei ihren Zahlungen an den Oppenheim-Esch-Fonds etwas unter die Arme. Damit ließ er das Wurzelgeflecht und die Abhängigkeiten immer enger und fester werden. Er bedachte eine weitere Firma im Schattenreich der Sparkasse mit lukrativen Aufträgen aus seinem nächsten Fonds. Der hieß Ossendorf VIII und sollte die neue Deutschlandzentrale für RTL bauen. Am 12. Dezember 2002 beauftragten zwei Firmen Josef Eschs die Schattenfirma Projecta unter anderem damit, einen Mieter für den neuen Fonds zu besorgen – obwohl es schon eine Absichtserklärung des späteren Mieters RTL gab. Dafür und für die Beschaffung des Grundstücks und für das dortige Baurecht sollte die Projecta insgesamt 25,6 Millionen Euro erhalten, die sie umgehend an die LANA weiterreichen sollte, die ja die Miete der Filmstudios mit zahlte. Laut Handelsregister gab es zwischen LANA und Projecta einen Gewinnabführungsvertrag vom 30. Juni 2003. Der eine Fonds hielt auf diese Weise den anderen am Leben – das perfekte System.

Es ist ein irres Spiel, in dem sich Gustav Adolf Schröder verfangen hatte

Esch und Ruschmeier widersprechen dieser Darstellung, und Gustav Adolf Schröder stellt fest, dass die Sparkasse nicht hinter Projecta gestanden habe.

Über die Kosten musste sich Esch nicht den Kopf zerbrechen, denn er hatte den Ossendorf-VIII-Fonds-Zeichnern sogenannte Soft Costs oder Planungskosten reichlich in Rechnung gestellt. Kosten, die diese dann wieder von der Steuer absetzten. Auf diese Weise verschwand das Geld, das eventuell in Opernhäuser, Schulen oder öffentliche Schwimmbäder geflossen wäre, in den Taschen von Eschs Millionären.

Doch dann geschah etwas Unerwartetes: Im Sommer 2003, als der Oppenheim-Esch-Fonds für Ossendorf aufgelegt war, als die Banken die Kredite vergeben hatten und die Pläne fertig waren, entschied sich RTL gegen Ossendorf. Der Oberbürgermeister von Köln, Fritz Schramma, hatte RTL nach einem Bietermatch mit einer benachbarten Gemeinde die historischen Rheinhallen mit direktem Blick auf den Dom angeboten. Das Gebäude war mehr als doppelt so groß wie der geplante Neubau in Ossendorf, zudem stand es auch noch unter Denkmalschutz. Das bedeutete erheblich höhere Baukosten, die der Fonds überhaupt nicht abdeckte. Und dennoch machte sich Gustav Adolf Schröder stark dafür, den Ossendorf-Fonds auf die Rheinhallen zu übertragen. Für die Projecta stand die Provision für die Mietervermittlung auf dem Spiel, außerdem drohte ihr eine Schadenersatzforderung von 24,1 Millionen Euro. Schröder hatte also ein großes Interesse daran, dass der Esch-Fonds die Rheinhallen baut und er dort seinen Mieter unterbringen konnte.

Josef Esch weist diese Darstellung zurück. Die Verträge zwischen Projecta und dem Esch-Fonds hätten keine Auswirkungen auf das Verhalten von Gustav Adolf Schröder gehabt. Schröder selbst betont heute, im Zentrum seiner Entscheidung hätten die Pläne und Wünsche der Stadt Köln gestanden. Insgesamt seien drei Angebote von der Sparkasse eingeholt worden, über die der Rat der Stadt nach Überprüfung von unabhängigen Wirtschaftsprüfern zugunsten von Esch entschieden hat.

Und so wurden die Rheinhallen kurzerhand an den Fonds angepasst. Sie wurden in der Mitte einfach durchgetrennt. Wie der Zaubertrick mit der zersägten Jungfrau sollte das Gesamtprojekt dadurch aber keinen Schaden nehmen. Auch diesen Trick machte wieder nur ein einziger Mensch möglich: Gustav Adolf Schröder. Wie? In den kommenden Jahren würde Schröders Sparkasse so gut wie alle Mehrkosten, die beim Umbau der Rheinhallen gegenüber Ossendorf anfielen, tragen. Aus heutiger Sicht war das ein absurdes Geschäft. Unterm Strich hat Schröder der Sparkasse bis 2007 mit seinem Rheinhallen-Engagement allein mindestens 248,3 Millionen Euro Verlust beschert. Auf die Summe kommen die Wirtschaftsprüfer von BDO in einem Bericht, der der ZEIT vorliegt.

Es ist ein irres Spiel, in dem sich Gustav Adolf Schröder verfangen hatte. Sein Verhalten scheint das eines Spielers gewesen zu sein, der am Roulette-Tisch sitzt und denkt, beim nächsten Spiel, da gewinne ich alles wieder zurück, ich muss nur den Einsatz genügend erhöhen.

Beim Grundstückskauf setzte Schröder mit seiner Sparkasse 67,1 Millionen und bekam 54 Millionen zurück. Auch für die teuren Mietsonderwünsche von RTL, die über die vom Esch-Fonds für Ossendorf vorgesehenen Konditionen hinausgingen und sich auf etwa 50 Millionen beliefen, kam die Sparkasse auf. Und zwar so: Sie mietete die Rheinhallen einfach zu den Esch-Fonds-Konditionen selbst an und vermietete sie an RTL zu deren Bedingungen weiter. Dafür gab es vom Esch-Fonds einen Mietvermittlungsvertrag für die Projecta über 12,8 Millionen Euro.

Die Sparkasse übernahm weitere Kosten, indem sie für Teile der Immobilie sogar die Funktion des Bauherren übernahm – einer Immobilie, das darf man nicht vergessen, deren Mieter sie gleichzeitig war. Die mit der Gebr. Esch Wohnungsbau abgeschlossenen ergänzenden Bauaufträge füllen über 250 Ordner. 40 Millionen Euro zahlte die Sparkasse dafür. Als RTL nicht zum vereinbarten Termin 2008 einziehen konnte, glich die Sparkasse das mit rund zehn Millionen Euro an RTL aus. Esch stellt hierzu fest, dass eine solche Beteiligung des Mieters in derartigen Fondsimmobilien durchaus üblich sei.

Gegen die Geschäftsführer der Firma Projecta hat die Kölner Staatsanwaltschaft im April 2012 wegen Steuerhinterziehung Anklage erhoben. Und auch gegen Schröder hat die Staatsanwaltschaft Köln nun erneut Untersuchungen eingeleitet.

2007 schied Gustaf Adolf Schröder aus der Sparkasse aus. Im Jahr zuvor hatte es eine Hausdurchsuchung bei ihm gegeben. Die Staatsanwaltschaft untersuchte unter anderem einen privaten Grundstückskauf. Schröder hatte das Grundstück von einer Sparkassen-Tochterfirma erworben und dabei angeblich 200.000 Euro weniger bezahlt als marktüblich. Das Verfahren wurde später gegen Bezahlung einer Geldbuße eingestellt. Schröder verweist auf ein Gutachten, das ihm bestätigt, er habe einen marktüblichen Preis gezahlt. Am 11. Juni 2007 erhielt Schröder von der Sparkasse die Dr.-Johann-Christian-Eberle-Medaille. Er war damit für seine "hervorragenden Verdienste um das Sparkassenwesen im Rheinland und damit um das Wohl von Wirtschaft und Bevölkerung" ausgezeichnet worden.

Schröder fiel zunächst weich, er wechselte reibungslos als Finanzvorstand zur mächtigen Kohlestiftung RAG. Sein Parteikollege, der ehemalige Ministerpräsident von NRW, Peer Steinbrück, hatte sich für Schröder eingesetzt, zu einem Zeitpunkt, als die meisten Vorwürfe gegen den einstigen Sparkassenchef längst bekannt waren. Als der öffentliche Druck größer wurde, musste Schröder im Jahr 2009 von seinem Posten bei der Stiftung zurücktreten.

"Es war ein politisches Anliegen, Köln als Medienstandort zu etablieren"

Auf Betreiben des neuen Sparkassen-Vorstandschefs Artur Grzesiek durchleuchteten die Wirtschaftsprüfer von PriceWaterhouseCoopers 2007 alle Verträge, die die Sparkasse zu den Rheinhallen abgeschlossen hatte. In ihrem Bericht, der der ZEIT vorliegt, stellten sie fest: "dass vor dem Abschluss des Mietvertrages mit RTL dem Grunde nach den Vertragsunterzeichnern bekannt war, dass auf Laurenz/SKE (Sparkasse) erhebliche Kosten- und Terminrisiken aus vertraglich zugesicherten Mieteransprüchen zukommen würden". Sie zitieren weiter aus einem Ergebnisprotokoll vom 1. Dezember 2005 über die Verhandlung offener Mietvertragseckpunkte zwischen der RTL-Chefin und Herrn Schröder. Darin wird festgelegt, dass, wenn "weitere strittige Punkte in den noch offenen Anlagen zum Mietvertrag neu entstehen" sollten, festgelegt wird, dass "diese zu Lasten der Sparkasse" gehen. "SK stimmt dieser Regelung uneingeschränkt zu..."

Das Resultat war, dass die Miete, die die Sparkasse an den Esch-Fonds bezahlt, erheblich höher ist als die Miete, die RTL an die Sparkasse zahlt. Im Konzernbericht der Sparkasse von 2010 steht dazu: "Unterschiedliche Bestimmungen zwischen An- und Vermieterverträgen wirken sich in erheblichem Ausmaß zulasten der Sparkasse und ihren verbundenen Unternehmen aus." Auf 277,1 Millionen Euro beziffert die Sparkasse darin die Gesamtverluste aus dem Rheinhallen-Geschäft.

Warum hat der Sparkassenchef das alles gemacht? Schröder wusste genau, welchen Risiken er sein öffentlich-rechtliches Kreditinstitut aussetzte. Das beweist ein Schreiben vom 24. Oktober 2003 an Oberbürgermeister Fritz Schramma. Darin schreibt Schröder, dass das Halten von RTL in Köln nur mit erheblichen Belastungen der Stadtsparkasse Köln hat erfolgen können. Die Rheinhallen hätten erhebliche Mehrkosten verursacht, die keiner bezahle, wenn sie nicht die Sparkasse übernähme. Die Finanzierung der Kredite des Oppenheim-Esch-KölnMesse-Fonds kann man als eine Art Kompensationsgeschäft sehen. Endlich konnte Schröder mal Geld verdienen und musste nicht nur die Lasten tragen. Die Kölner Ermittler gehen inzwischen davon aus, dass zwischen der Sparkasse und den Fonds "ein fröhliches System aus Geben und Nehmen bestand". Esch weist auch diese Darstellung zurück. Gustav Adolf Schröder legt Wert auf die Feststellung, dass es einen Unterschied gibt zwischen erheblichen Risiken und erheblichen Belastungen. Er selbst sei niemals unvertretbare Risiken für die Sparkasse eingegangen.

Was war die Motivation von Gustav Adolf Schröder? Er selbst ist für Journalisten derzeit nicht zu sprechen. Seine Anwältin Gaby Münchhalffen sagt: "Es war ein politisches Anliegen, Köln als Medienstandort zu etablieren. Jetzt hüllen sich die damaligen politischen Entscheidungsträger in Schweigen. Was früher als geradezu visionäre Ausbaustrategie galt, wird heute als strafrechtlich relevant abgetan." Jochen Witt, der ehemalige Messe-Chef, hatte sich damals gegen die Politik gestellt und musste gehen, mit der im Rückblick absurd erscheinenden Begründung der Illoyalität. Witt sagt heute, er habe bis jetzt nicht verstanden, "warum all diese Machenschaften für keinen Politiker bislang strafrechtliche Konsequenzen hatten".

Wir wollten mit Wolfgang Clement über seine Pläne Reden. Er erinnerte sich an die großen Hollywood-Pläne von damals, und er versicherte, dass die Herren Ruschmeier und Schröder für ihn "ehrenwerte Leute" seien. Doch nach weiteren Fragen wurde er rasch unwirsch und verbat sich jedes weitere Gespräch. Man wolle ja nur im Schmutz wühlen. Nein, danke. Keine Lust auf Vergangenheit.

Wenn nur alle anderen es auch so einfach hätten. Die Sparkasse musste sich aufgrund ihrer Verschuldung von Besitzwerten trennen. Die Europäische Kommission hatte sie dazu aufgefordert. Also verkaufte sie ihren Golfplatz, diverse Grundstücke und Beteiligungen. Und wer hat das meiste von all dem gekauft? Die Stadt Köln. Natürlich.