UrheberrechtDie Attacke

Wie die Künstler um ihre Rechte kämpfen.

Es ist in der heftig geführten Debatte um das Urheberrecht keineswegs das erste Mal, dass sich Künstler zu Wort melden. Den Anfang machte der Schriftsteller und Musiker Sven Regener in einem wütenden Radiointerview, der sich daraufhin heftigen Attacken nicht nur im Netz ausgesetzt sah. Jene Künstler, die sich gegen die Aufweichung oder Abschaffung des Urheberrechts positionieren, scheinen sich einerseits gegen das Publikum ihrer Kunst zu wenden, indem sie dessen Downloadgewohnheiten kriminalisieren, andererseits nehmen sie in Kauf, als Ewiggestrige angesehen zu werden, als letzte Dinosaurier, die die Kraft des Faktischen verblendet ignorieren, als kulturkonservative Besitzstandswahrer, die sich der Netzkultur und ihrem politischen Arm, der Piratenpartei, hoffnungslos anachronistisch entgegenstemmen.

Das vermag zu erklären, weshalb die Urheber so spät, jetzt aber mit großer Verve protestieren. Die ZEIT dokumentiert auf dieser Seite exklusiv die bislang größte Aktion von Schriftstellern und Künstlern, die sich gegen den Diebstahl des geistigen Eigentums zur Wehr setzen. Es handelt sich um einen Aufruf unter anderem von Charlotte Roche, Daniel Kehlmann, Roger Willemsen, Norbert Bisky, Uwe Tellkamp, Helmut Dietl, Martin Walser, Julia Franck – um nur wenige der überaus prominenten 100 Erstunterzeichner zu nennen, die wir abdrucken. Der Aufruf wurde erst am vergangenen Freitag initiiert, die Liste der Unterzeichner ist offen und wird an diesem Freitag unter der Adresse www.wir-sind-die-urheber.de ins Netz gestellt.

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Der Protest der Künstler greift vor allem ein Hauptargument zahlreicher Piraten auf: Urheber seien nicht mehr auf sogenannte Verwerter, also Labels oder Verlage, angewiesen. Das Netz schaffe eine direkte Verbindung zwischen den Kunstschaffenden und ihrem Publikum, wozu noch all die parasitären Zwischenorganisationen und -händler, die es doch nur darauf abgesehen hätten, den Urheber zu schröpfen? Dem kann im Sinne dieses Aufrufs entgegengehalten werden, dass Künstler nicht etwa gezwungen werden, ihre Verwertungsrechte abzutreten, sondern dies aufgrund von kaufmännischen Interessen freiwillig tun. Der von den Piraten behauptete Interessengegensatz zwischen Verwertern und Urhebern wird hier verneint. Man möchte sich als Künstler offenkundig nicht als zu schützende Orchidee instrumentalisieren lassen. Die als Content-Mafia inkriminierten Verwerter werden auf breiter Front von der Kulturwelt in Schutz genommen, die sie als ihre Interessenvertreter schätzt.

Wie aber begegnet man dem Umstand, dass sich das Urheberrecht angesichts der Downloadgewohnheiten und -möglichkeiten immer schwieriger durchsetzen lässt? Hier zeigen sich die Künstler bemerkenswert kompromisslos. Sie zielen nicht auf bereits diskutierte Modelle wie etwa Kultur-Flatrates oder freiwillige Bezahlsysteme, die das Urheberrecht ersetzen könnten, sondern unmissverständlich auf die Stärkung desselben unter den neuen digitalen Gegebenheiten – mit welchen Mitteln auch immer. Die Unterzeichner lassen das Argument nicht gelten, dass ein Recht, dessen Durchsetzung Schwierigkeiten bereitet, wertlos sei. Gegen die normative Kraft des Faktischen verweisen sie auf das Urheberrecht als historische Errungenschaft bürgerlicher Freiheit. Unter keinen Umständen möchten die Künstler in Abhängigkeit von Politikern, Mäzenen oder der Willkür des Schwarzhandels geraten, aus der sie sich vor nicht allzu langer Zeit befreit hatten.

 
Leserkommentare
    • Abydos
    • 10.05.2012 um 16:49 Uhr

    die pauschale behauptung, die kritiker der bisherigen verwertungsindustrie in der piratenpartei wie auch außerhalb derselbigen würden behaupten, künstler, kreative würden verwerter, also label und/oder verlage nicht mehr benötigen, ist schlicht falsch.

    die meisten kritiker der bisherigen verwertungsindustrie bemängeln, dass in der gegenwärtigen debatte das urheberrecht vorgeschoben wird, um die interessen der verwertungsindustrie zu retten.

    unter den piraten gibt es einige vertreter, die in punkto urheberrecht eine meinung vertreten, die ich zum beispiel nicht vertrete und viele andere kritiker der verwertungsindustrie ebenfalls nicht.

    die art und weise der argumentation der verwertungsindustrie, die es jetzt erneut geschafft hat, tatsächliche urheber für sich "an die front" zu schicken, kann man auch mit einer totschlagsargumentation vergleichen.

    es wird kategorisch ausgeschlossen, dass im 21. jahrhundert des digitalzeitalters wege gefunden werden könnten, um einen tragfähigen kompromiss zwischen den berechtigten interessen der urheber und den veränderten nutzergewohnheiten der kunden der urheber zu finden. nach auffassung der verwertungsindustrie ist der einzige weg die unterwerfung unter ihre vorstellungen.

    und was ist eigentlich mit den urhebern bei zeitungen und zeitschriften, bei radio und fernsehen, die mehr oder weniger erpresst werden, ihre urheberrechte an verlage und rundfunkveranstalter abzutreten, ohne zweit- oder mehrfachvergütungsansprüche?

    2 Leserempfehlungen
  1. Ein paar einfache Fragen:
    Wo steht, daß die Piraten das Urheberrecht abschaffen wollen?

    Wer von euch hat schon mal ein E-Book/MP4 zu einem Preis von 50 bis 70% des Papier-Buch Preises gekauft?

    Wer von euch hat schon mal ein solches E-Book/MP4 an einen Freund ausgeliehen? Geht nicht, oops

    Wer von euch hat schon mal ein E-Book/MP4 weiterverkauft? Geht nicht, oops

    Eine Leserempfehlung
  2. aber wenn ich "Wir sind die Urheber google, ist überall zu lesen es sei eine Aktion der ZEIT.
    wenn ich den Artikel in der ZEIT lese klingt es so, als hätten die Unterzeichner die Aktion selbst initiiert.
    Nur mal so gefragt, damit ich das auch einordnen kann, wie war das denn nun, haben sich die Urheber an die ZEIT gewendet, oder die ZEIT an die Urheber?

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    • Oyamat
    • 12.05.2012 um 19:25 Uhr

    "Gegen die normative Kraft des Faktischen verweisen sie auf das Urheberrecht als historische Errungenschaft bürgerlicher Freiheit."
    Problematisch allerdings dürfte sich der Nachweis gestalten, daß das Verwertungsrecht (um das es ja geht, auch wenn sich wieder einmal der Irrtum eingeschlichen hat, es ginge um das Urheberrecht, wie void ja auch schon angemerkt hat) eine Errungenschaft bürgerlicher Freiheit wäre. Vermutlich ist eher das Gegenteil der Fall, die bürgerliche Freiheit hat sich genau *da* entfaltet, wo es keine rechtlichen Einschränkungen gab, vgl. Eckhard Höffner, "Geschichte und Wesen des Urheberrechts".

    Die "historische Errungenschaft" hätte besseres verdient, als in dieser Weise mißbraucht zu werden. Aber leider ist es ja nicht strafbar, in den Dreck zu zerren, was andere mehr oder weniger wörtlich mit ihrem Blut errungen haben.

    MGv Oyamat

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