Deutsche GuggenheimÜber den Wolken

Schöne Fehler im System: Roman Ondák zeigt seine verführerische Kunst in Berlin. von 

2009 holte Roman Ondàk die Natur der Stadt in den Slowakischen Pavillon der Kunst-Biennale in Venedig.

2009 holte Roman Ondàk die Natur der Stadt in den Slowakischen Pavillon der Kunst-Biennale in Venedig.  |  © dpa - Bildfunk

Und womit beginnt diese Ausstellung? Mit einer Klotürklinke, das Signal steht auf Rot, auf Abgesperrt, Besetzt. Die Klinke sitzt nicht an einer Tür, sie hängt an einer Wand, die man auf keinen Fall aufschwingen kann, selbst wenn das Rot unter der Klinke jetzt verschwände.

Doch darf sich der Betrachter an dem Rot-Signal vorbeischmuggeln, durch einen schmalen Einlass gelangt er in die erstaunliche Welt des Roman Ondák. Dem Künstler, geboren 1966 in einem Dorf der Slowakei und heute in Bratislava beheimatet, ist derzeit eine kleine, aber feine Ausstellung voll widerständigem Witz in den Berliner Räumen der Deutschen Guggenheim gewidmet – jener Institution, die es in dieser Form Ende des Jahres nicht mehr geben wird. Kurz vor Schluss hat man Ondák noch mal richtig klotzen lassen.

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Für die spektakulärste Arbeit dieser Ausstellung ließ Ondák in Holland den riesigen Flügel einer Boeing 737-500 absägen und ihn passgenau in einen Raum der Ausstellungshalle einfügen. Der Besucher darf nun über eine kleine Treppe auf den Flügel hinaufsteigen und ihn dann als Brücke auf dem Weg in den nächsten Raum benutzen. Es ist einer jener großen Flügel, auf denen mit einer schwarzen Linie eine Grenze markiert ist und die Anweisung steht: »Do not walk outside this area«. Wie oft hat man diesen Satz beim Blick aus dem Flugzeugfenster schon gelesen? Wie oft hat man sich gefragt, wer auf diesem Flügel überhaupt herumlaufen darf. Und was genau das »outside« der schwarzen Linie so verboten macht.

Ausstellung

Roman Ondák: »Do not walk outside this area«, Deutsche Guggenheim Berlin, bis zum 18. Juni

Ondák spielt gern mit der Verkehrung von Innen und Außen, mit der Illusion, mit dem Fehler im System: Als er 2009 den Slowakischen Pavillon auf der Kunst-Biennale in Venedig gestalten durfte, da holte er für Loop die Büsche und Bäume der Giardini einfach auch in den Pavillon selbst hinein und führte so den Sinn dieser nationalen Leistungsschau auf stille Weise ad absurdum. Der Besucher trat zur Vordertür ein und schlenderte hinten hinaus, ohne einen Unterschied zwischen den Kieselwegen drinnen und draußen zu merken.

Nicht immer sind Ondáks Installationen und Performances mit Erdhubarbeiten oder der Verschickung von Flugzeugteilen verbunden: Einmal hat Ondák 500 Schokoladentafeln an ebenso viele japanische Stahlarbeiter verteilt und sie gebeten, nach dem Verzehr aus dem Alupapier Skulpturen zu formen. Für Passage entstanden so Vögel, Blumen, Bäume, Tassen, Brillen, die Ondák schließlich 2007 auf einem großen Tisch in der Münchner Pinakothek der Moderne zeigte, eine Miniaturausstellung von hundert anonymen Meistern. Er versuche, so Ondák, gemeinsam mit anderen Menschen zu arbeiten, ihn interessiere, wie man sie ohne jeden Druck zur Zusammenarbeit motivieren könne.

Und so ließ Ondák diese Menschen etwa auch künstlich Schlange stehen, vor leeren Telefonzellen oder auch vor dem Kölnischen Kunstverein, der ihn ausstellte – und wo die Schlange wie ein Aufmerksamkeitsverstärker wirkte. In der Berliner Ausstellung sind ebenfalls Wartende zu sehen, auf einem guten Dutzend Zeitungsseiten: In diesen slowakischen Zeitungen sind alle Artikel ausschließlich mit Fotos von Menschenschlangen bebildert, nur: Wofür die Menschen von Awaiting Enacted (2003) anstehen, bleibt dem des Slowakischen nicht mächtigen Betrachter unklar. Schaut er genauer hin, so merkt er, dass die an den Alltag in Mangelwirtschaften oder aber an Apple-Store-Eröffnungen erinnernden Bilder fein säuberlich in die Zeitungsseiten hineincollagiert wurden.

Eine ganz reale Schlange bildete sich allerdings 2009 im MoMA, als Ondák dort den Besuchern anbot, ihre Körpergröße mit Namen und Datum auf der weißen Ausstellungswand mit schwarzem Filzstift markieren zu lassen. Im Laufe der Performance färbte sich die Wand in einem Bereich zwischen 1,50 und 2 Metern langsam schwarz, so viele wollten sich in das Museum, in den Strom seiner Besucher einschreiben.

Viele von Ondáks Werken bleiben, auch wenn sie in der Größe eines Flugzeugflügels daherkommen, so diskret und hintersinnig, wie er selbst es ist. Seine Kunst ist eine Kunst der unerwarteten Situationen, einer Veränderung im Alltag, die den Dingen einen neuen Sinn gibt, sie infrage stellt, neue Möglichkeiten aufzeigt – und den Betrachter auf die Suche nach Schönheit schickt, im Unsichtbaren und Flüchtigen. Vielleicht sollte ich auch mal wieder ausbrechen, denkt man beim Anblick eines weißen Treppengeländers, das aus dem Haus von Ondáks Eltern in das Deutsche Guggenheim transportiert wurde. Es ist ein ordentlich geschmiedetes, weiß lackiertes Geländer, an dem erst auf den zweiten Blick diese beiden Gitterstäbe ganz oben auffallen: Sie sind aufgebogen, es ist eine Lücke entstanden. Wem oder was wurde hier der Weg frei gebogen? Dient der Durchlass der Flucht oder dem Spiel?

Mit seinem widerständigen und hintersinnigen Witz gelingt Ondák eine Kunst, die letztlich auch politische Fragen aufwirft, aber ungleich wirksamer als die meisten Provo-Werke, die zurzeit auf der Berlin Biennale zu sehen sind. Weil Ondáks Kunst subtiler ist, weil sie – ohne aufdringlich zu werden – den Betrachter ermächtigt: zum Laufen über einen Flugzeugflügel, harmlos und verführerisch zugleich. Zum Überschreiten von Grenzen. Und das nächste Mal stellen wir uns nicht mehr hinten an, das nächste Mal fliegen wir einfach los.

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Leserkommentare
  1. Roman Ondak: "Notebook".
    Von der Deutschen Bank erhielt der international profilierte Konzeptkünstler Roman Ondak die Auszeichnung "Künstler des Jahres 2012". Hrsg. von der Deutschen Bank ist im renommierten Hatje Cantz - Verlag ein bemerkenswerter Bildband über das Werk des Künstlers und seiner Ausstellung im Berliner Guggenheim Museum von 2012 erschienenen. Das vielseitige und eigenständige OEvre des Künstlers - seine Werke produziert er vornehmlich auf Papier und Fotografien - ist geprägt von fein- und hintersinnigem Witz. Seine subtil provokanten Arbeiten werfen weiterhin politisch- und philosophisch aktuelle Frage auf, die den Betrachter mehr als nur zum Nachdenken anregen. Der von Kerstin Riedel hervorragend gestaltete Bildband enthält kompetente Texte von Elene Filipovic, Friedhelm Hütte, Christian Rattemeyer und ein Interview zwischen dem Künstler Ondak und Udo Kittelmann.

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