Ein Interessent blättert im Sotheby's Katalog zur Versteigerung des Gemäldes "Der Schrei" von Edvard Munch (Archivbild). © Mario Tama/Getty Images

In der vergangenen Woche wurde allein in New York über eine Milliarde Dollar für Kunst ausgegeben. Die einzige noch in Privatbesitz befindliche Version von Edvard Munchs Der Schrei erzielte bei Sotheby’s einen neuen Rekord : 120 Millionen Dollar (inklusive Aufgeld). Noch nie zuvor hat jemand ein Bild so teuer ersteigert.

Auf dem Kunstmarkt sprudelt das Geld so munter und unkontrolliert wie auf kaum einem anderen Markt. Sotheby’s dürfte allein am Verkauf des Munch-Gemäldes eine zweistellige Millionensumme verdient haben. Doch auch hier verhält es sich so wie im Leben des verstorbenen Rappers Notorious B.I.G.: "Mo’ money, mo’ problems." Je mehr Geld, desto mehr Probleme.

Wohl nirgendwo sonst lassen sich so leicht Millionensummen erschwindeln wie beim Handel mit der Kunst. Das haben der große Skandal um die angebliche Sammlung Jägers und die Fälschungen des Betrügers Wolfgang Beltracchi gezeigt. Über mehrere Jahrzehnte hatte Beltracchi Meister der Moderne wie Max Pechstein, Heinrich Campendonk, Max Ernst, Fernand Léger und André Derain gefälscht und dann mithilfe seiner Ehefrau Helene und anderen Komplizen in den Kunstmarkt geschleust und damit großen Schaden angerichtet.

Alles sei absurd einfach gewesen, sagte Helene Beltracchi im vorigen Herbst vor Gericht. Viele Galeristen, Experten und Auktionatoren hätten entweder nichts bemerkt – oder nichts bemerken wollen . Quer durch den Kontinent waren der Fälscherbande Kunsthändler, Museen, Sammler und Experten auf den Leim gegangen. Die meisten von ihnen aus Nachlässigkeit, Unfähigkeit oder Naivität, einige von ihnen jedoch durchaus bereitwillig, denn sie verdienten sehr viel Geld mit den angeblich echten Bildern. Manche Experten gehen davon aus, dass etwa zehn bis dreißig Prozent der auf dem Kunstmarkt angebotenen Ware gefälscht ist. Bei manchen Künstlern liegt der Prozentsatz sogar noch höher: Von den kursierenden Werken Alberto Giacomettis zum Beispiel soll laut der maßgeblichen Expertin nur ein Zehntel echt sein.

Der mittelständische Kunstmarkt aber kann nur weiter florieren, wenn die Kunstwerke die Aura des Echten behalten. Das wissen die Galeristen, Händler, Experten und Auktionatoren, und so fordern auch sie jetzt immer vehementer, Konsequenzen aus dem Fälschungsskandal Beltracchi zu ziehen. Markus Eisenbeis vom Kölner Auktionshaus Van Ham hat eine "Datenbank kritischer Werke" initiiert, mit deren Hilfe Fälschungen aus dem Verkehr gezogen werden sollen. Das ebenfalls in Köln beheimatete Auktionshaus Lempertz, das mehrere der Beltracchi-Fälschungen versteigert hatte, veranstaltete parallel zur Art Cologne ein Symposium zum Thema und verlangt jetzt Verbesserungen bei der Kunstauthentifizierung und die Aufstellung von zusätzlichen Standards. Und im Art Newspaper, dem Zentralorgan des internationalen Kunstbetriebs, wurde gefordert, endlich das Schweigen über das Thema Fälschungen zu brechen. Der Kunstmarkt sei häufig entweder unfähig oder aber unwillig, das Vermächtnis jener Künstler zu schützen, die sich nicht mehr selbst verteidigen können. Experten, die auf Fälschungen hinwiesen, würden viel zu oft von den wirtschaftlich interessierten Parteien verklagt.

Sollte es die Branche ernst meinen mit einem nachhaltigen Selbstreinigungsprozess, so müssten die jeweiligen Verbände endlich eine Debatte über einen Kodex anstoßen, dem sich alle Mitglieder verpflichten und dessen Einhaltung auch streng überprüft wird. Wie könnte ein solcher Kodex aussehen? Wie könnte zukünftig Schaden vermieden werden?

Anders als bisher sollen nicht mehr einzelne Experten über die Echtheit von Werken entscheiden.

Für viele Künstler – etwa für Rembrandt, Kandinsky oder van Gogh – ist das Monopol der alleinigen Kennerschaft schon seit Langem gebrochen. Kompetent besetzte Projektgruppen oder Komitees haben die Aufgabe der Expertisierung übernommen. Wird beispielsweise dem Van Gogh Museum in Amsterdam ein Werk des Niederländers zur Begutachtung vorgelegt, so urteilen darüber Kunsthistoriker und Restauratoren. Leinwandfäden werden gezählt, Pigmente und Pinselduktus analysiert.