KunstfälschungDie acht Gebote

Unzählige Fälschungen bedrohen den Kunstmarkt. Der muss sich jetzt mit einem Kodex schützen. von Stefan Koldehoff und Tobias Timm

Ein Interessent blättert im Sotheby's Katalog zur Versteigerung des Gemäldes "Der Schrei" von Edvard Munch (Archivbild).

Ein Interessent blättert im Sotheby's Katalog zur Versteigerung des Gemäldes "Der Schrei" von Edvard Munch (Archivbild).   |  © Mario Tama/Getty Images

In der vergangenen Woche wurde allein in New York über eine Milliarde Dollar für Kunst ausgegeben. Die einzige noch in Privatbesitz befindliche Version von Edvard Munchs Der Schrei erzielte bei Sotheby’s einen neuen Rekord: 120 Millionen Dollar (inklusive Aufgeld). Noch nie zuvor hat jemand ein Bild so teuer ersteigert.

Auf dem Kunstmarkt sprudelt das Geld so munter und unkontrolliert wie auf kaum einem anderen Markt. Sotheby’s dürfte allein am Verkauf des Munch-Gemäldes eine zweistellige Millionensumme verdient haben. Doch auch hier verhält es sich so wie im Leben des verstorbenen Rappers Notorious B.I.G.: »Mo’ money, mo’ problems.« Je mehr Geld, desto mehr Probleme.

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Wohl nirgendwo sonst lassen sich so leicht Millionensummen erschwindeln wie beim Handel mit der Kunst. Das haben der große Skandal um die angebliche Sammlung Jägers und die Fälschungen des Betrügers Wolfgang Beltracchi gezeigt. Über mehrere Jahrzehnte hatte Beltracchi Meister der Moderne wie Max Pechstein, Heinrich Campendonk, Max Ernst, Fernand Léger und André Derain gefälscht und dann mithilfe seiner Ehefrau Helene und anderen Komplizen in den Kunstmarkt geschleust und damit großen Schaden angerichtet.

Alles sei absurd einfach gewesen, sagte Helene Beltracchi im vorigen Herbst vor Gericht. Viele Galeristen, Experten und Auktionatoren hätten entweder nichts bemerkt – oder nichts bemerken wollen. Quer durch den Kontinent waren der Fälscherbande Kunsthändler, Museen, Sammler und Experten auf den Leim gegangen. Die meisten von ihnen aus Nachlässigkeit, Unfähigkeit oder Naivität, einige von ihnen jedoch durchaus bereitwillig, denn sie verdienten sehr viel Geld mit den angeblich echten Bildern. Manche Experten gehen davon aus, dass etwa zehn bis dreißig Prozent der auf dem Kunstmarkt angebotenen Ware gefälscht ist. Bei manchen Künstlern liegt der Prozentsatz sogar noch höher: Von den kursierenden Werken Alberto Giacomettis zum Beispiel soll laut der maßgeblichen Expertin nur ein Zehntel echt sein.

Der mittelständische Kunstmarkt aber kann nur weiter florieren, wenn die Kunstwerke die Aura des Echten behalten. Das wissen die Galeristen, Händler, Experten und Auktionatoren, und so fordern auch sie jetzt immer vehementer, Konsequenzen aus dem Fälschungsskandal Beltracchi zu ziehen. Markus Eisenbeis vom Kölner Auktionshaus Van Ham hat eine »Datenbank kritischer Werke« initiiert, mit deren Hilfe Fälschungen aus dem Verkehr gezogen werden sollen. Das ebenfalls in Köln beheimatete Auktionshaus Lempertz, das mehrere der Beltracchi-Fälschungen versteigert hatte, veranstaltete parallel zur Art Cologne ein Symposium zum Thema und verlangt jetzt Verbesserungen bei der Kunstauthentifizierung und die Aufstellung von zusätzlichen Standards. Und im Art Newspaper, dem Zentralorgan des internationalen Kunstbetriebs, wurde gefordert, endlich das Schweigen über das Thema Fälschungen zu brechen. Der Kunstmarkt sei häufig entweder unfähig oder aber unwillig, das Vermächtnis jener Künstler zu schützen, die sich nicht mehr selbst verteidigen können. Experten, die auf Fälschungen hinwiesen, würden viel zu oft von den wirtschaftlich interessierten Parteien verklagt.

Sollte es die Branche ernst meinen mit einem nachhaltigen Selbstreinigungsprozess, so müssten die jeweiligen Verbände endlich eine Debatte über einen Kodex anstoßen, dem sich alle Mitglieder verpflichten und dessen Einhaltung auch streng überprüft wird. Wie könnte ein solcher Kodex aussehen? Wie könnte zukünftig Schaden vermieden werden?

Anders als bisher sollen nicht mehr einzelne Experten über die Echtheit von Werken entscheiden.

Für viele Künstler – etwa für Rembrandt, Kandinsky oder van Gogh – ist das Monopol der alleinigen Kennerschaft schon seit Langem gebrochen. Kompetent besetzte Projektgruppen oder Komitees haben die Aufgabe der Expertisierung übernommen. Wird beispielsweise dem Van Gogh Museum in Amsterdam ein Werk des Niederländers zur Begutachtung vorgelegt, so urteilen darüber Kunsthistoriker und Restauratoren. Leinwandfäden werden gezählt, Pigmente und Pinselduktus analysiert.

Leserkommentare
  1. [polemik an]
    "[..]geschleust und damit großen Schaden angerichtet."
    Die Käufer wollten viel Geld für schöne Bilder ausgeben. Die haben sie auch bekommen.
    [polemik aus?]

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  2. Wo soviel künstlich (haha) verschachert wird, muss man sich doch nicht wundern, dass es fälscher gibt die gerne mitverdienen möchten.

    Vielleicht sollte man sich auch fragen ob Kunstwerke, als Teil der Kultur, überhaupt verkaufbar sein und nicht lieber allesamt zur öffentlichen Betrachtung in Museen untergebracht werden sollten.
    Dieses ganze Kunstgeschachere nimmt doch der Kunst an sich jedes Leben und Wert.

    Eine Leserempfehlung
  3. Schade, dass es in Frankreich oder Deutschland noch keinen "Bribery Act" wie in England gibt.
    Dann wäre dieser Ober-Korrupto Spies längst hinter schwedischen Gardinen.
    Weiß man eigentlich, was aus den sechsstelligen Summen, die er für seine getürkten Expertisen erhalten hat, geworden ist? sind die immer noch auf seinen Schweizer Konten? Wann werden die Finanzämter aktiv?

  4. Ich lese hier: „ Der Kunstmarkt sei häufig entweder unfähig oder aber unwillig, das Vermächtnis jener Künstler zu schützen, die sich nicht mehr selbst verteidigen können. Experten, die auf Fälschungen hinwiesen, würden viel zu oft von den wirtschaftlich interessierten Parteien verklagt „. Da muss ich ihnen zustimmen, dass dies stimmt. Nur der Künstler selbst ist in der Lage, sich hier mit einem Kodex über seinem Tod hinaus gegen Fälschungen seiner Werke sich wirklich zu schützen. Indem er es schon zu Lebzeiten tut. Nur zu tun wäre auch zuwenig, er müsste dies auch beglaubigt registrieren - ansonsten wären wieder Manipulationen von Fälschungen am Original möglich!

    Meint: www.fingerprint-on-art.com

  5. der Name zählt mehr als das Werk.
    So bekannt will ich auch sein, dass MIR jemand eine einfach blau bemalte Leinwand abkauft, wie sie derzeit in der Berliner "Akademie der Künste" hängt. Ich glaube, ich hätte das fachliche Können für eine gelungene Fälschung.
    Keinerlei Mitleid!
    Angeblich zählt doch das Werk? Dämliche Markenfetischisten treiben die Preise. Das ist dann Kunst als Geldanlage. Da Kunstwert aber immer sehr von Mode abhängig ist und war, lohnt sich das in erster Linie für die Zwischenhändler.

    • fegalo
    • 15. Mai 2012 22:16 Uhr

    Beltracchi hat Schaden angerichtet, schreiben die Autoren. Das glaube ich wohl. Er hat Schaden angerichtet in einer Branche, deren Ware großenteils behauptete „Genialität“ ist. Denn Beltracchi hat diese vermeintliche Genialität ad absurdum geführt, indem er gezeigt hat, dass er ebenso „genial“ ist wie gleich mehrere Handvoll angeblich „genialer“ Künstler.

    Und da führt kein Weg an der Erkenntnis vorbei, dass das angemaßte „Expertentum“ von Herrn Spies und Konsorten eine peinliche Aufgeblasenheit ist gegenüber der echten Kenner- und Könnerschaft eines Herrn Beltracchi, der den Stil nicht nur identifizieren, sondern sogar selbst – und zwar für den „Experten“ ununterscheidbar – hervorbringen kann. Was für eine unglaublicher Überlegenheit an künstlerischer und fachlicher Kompetenz gegenüber den „Experten“, an Wissen und Verständnis für das Sehen, Fühlen und Wollen des gefälschten Künstlers. Und wir reden ja nicht von Abmalen, sondern vom schöpferischen Malen im Stil von…

    Schließlich wird hier keine schnöde Eintrittskarte gefälscht, sondern eine angeblich geniale, einzigartige Leistung geliefert, den Werken eines Meisters ein weiteres von ebensolcher Meisterschaft hinzugefügt, eines, das Bestand hat vor den Augen der kritischsten „Fachleute“ und „Kenner“ eben jener Meister.

    Werner Spies steht hier nur stellvertretend für die Arroganz einer ganzen Branche, die es verdient hat, dermaßen aufs Kreuz gelegt zu werden.

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  6. Entfernt. Bitte diskutieren Sie sachlich und verzichten Sie auf hetzerische Aussagen. Danke, die Redaktion/mk

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