Mit der ihm eigenen Ironie, nicht ohne verschmitzten Stolz, pflegt der großartige Verleger Klaus Wagenbach sich vorzustellen: »Ich bin Kafkas Witwe.« In der Tat, es gibt kaum einen besseren Kenner dieses abgründig-verwinkelten Werks: Wagenbach wäre eher berufen, über diese 99 Fundstücke zu urteilen, als ich, der ich zwar Kafka-Leser, aber kein Spezialist bin. Für solche Geschöpfe, die nicht Geheimbundmitglieder eines Dechiffriersyndikats sind, ist diese Anthologie eine vergnügliche, auch lehrreiche Lektüre.

Ja, es handelt sich um eine Anthologie; aber keineswegs um eine Mogelpackung. Kenntnisreich und mit deutlicher Lust am Spiel hat Reiner Stach Dokumente zum Leben und zur Entstehungsgeschichte des Werks aneinandergereiht. Das Buch ist gleichsam ein »Kafka für Anfänger«, eine Anleitung (und Verführung) zum weiteren, genaueren Lesen. Ob Kafka turnt nach System – nämlich dem Lehrbuch eines Gymnasiallehrers – oder die Skurrilität, dass der Eigentümer des vornehmen Prager Hotels »Zum blauen Stern«, Ort der ersten Begegnung mit Felice Bauer, Franz Kafka hieß; ob die ansonsten nur von Brecht bekannte kleine Frechheit, Fehler in einen Aufsatz (beim Abitur) hineinzumogeln, um die Abschreiberei zu vertuschen, oder des Frauenscheuen gar nicht so seltene Bordellbesuche: Es ist die Schnipseljagd in einem wahrlich düsteren Märchen.

Die Schatten, die mehr und mehr jenen griffen, den wir heute als Giganten sehen, spart Stach in seiner Porträtskizze nicht aus. Weder die Schärfe, mit der der noch sehr junge Debütant etwa Else Lasker-Schüler aburteilte (»Sie ist nicht der Prinz von Theben, sondern eine Kuh vom Kurfürstendamm«), wird unterschlagen noch die einzige überlieferte Bosheit eines Zeitgenossen, des Schriftstellers Ernst Weiß: »Kafka wird, je länger ich von ihm entfernt bin, desto unsympathischer mit seiner schleimigen Bosheit.«

Stach bedient sich einer filmischen Schnitt-Technik. Da sehen wir den emsigen Schwimmer und Ruderer, aber auch den in Groteskfratzen vernarrten Zeichner und hören aus dem Off eine (nicht gesicherte) Anekdote, der zufolge die Hörer einer Kafka-Lesung ohnmächtig aus dem Saal getragen wurden. Der gerne im Kaffeehaus Faxen machende Schriftsteller wird indes nie in eine Humor-Tunke getaucht. Humor, das wäre die Abteilung Gottschalk, hat meist Bestätigungsapplaus. Kafka jedoch, das wäre dann die Abteilung Chaplin, verdammt uns zu jener Komik, die stets am Abgrund des Grausigen kippelt. Viele Belege – etwa die Einträge In den Direktionskanzleien I und II – bietet Regisseur Stach dafür auf.

Das mag noch nach gefälligen Causerien klingen. Doch geht der Fundstückesammler durchaus seriös vor in seinen kommentierenden Zwischentexten; er vermerkt akribisch, wann ein Tagebucheintrag – sehr selten – in der Er-Form niedergeschrieben wurde, dass es Vorentwürfe zu dem berühmten Brief an den Vater des Jahres 1919 gab (»Dieser nicht datierbare Entwurf ist im Ton weitaus defensiver als der vollendete Brief; er ist daher sicherlich vor 1919, möglicherweise Jahre früher entstanden«) und wie man unbewusste (unterbewusste?) Schreibfehler in Manuskripten verstehen, deuten kann; selbst die eigenwilligen Korrekturen durch Max Brod in nachgelassenen Manuskripten werden erwähnt, etwa beim Process: »Insgesamt finden sich allein auf dieser Seite – zusätzlich zu der von Kafka verwendeten schwarzen Tinte – die Spuren von drei verschiedenen Schreibmaterialien: Rotstift, Blaustift und violette Tinte.«

Reiner Stach hatte offenkundig gar nicht vor, eine weitere weit ausholende Kafka-Interpretation zu versuchen. So fehlt dem Buch die Analyse des unausschöpfbar Unheimlichen, in das uns der Prager Sprachmagier hineinzieht. Das Wunder seines Werks – inzwischen auf der ganzen Welt bestaunt und mit irritiertem Grausen sehr wohl als »aktuell« begriffen – bleibt unerörtert. Zu dieser absonderlichen Aktualität gibt es eine aufschlussreiche Anekdote. Kafka galt ja im gesamten Herrschaftsbereich des »realen Sozialismus« – von Moskau bis Ost-Berlin – als Transporteur tiefenpsychologischer Konterbande; Psyche durfte es im verordneten Marxismus nicht geben. Also war Kafka dort verboten, ungedruckt. Eine Prager Kafka-Konferenz galt als Häresie-Kongress. Marxistische Literaturwissenschaftler schwiegen beredt zu Mensch und Werk. Besonders laut schwieg der Ost-Adorno namens Georg Lukács. Da ereignete sich 1956 der Budapester Aufstand, zu den führenden intellektuellen Köpfen zählte neben dem Romancier Tibor Déry und dem Dramatiker Julius Hay – Georg Lukács. Er wurde nach dem Einmarsch der sowjetischen Truppen in Budapest verhaftet: Abtransport in einer Limousine mit verhängten Fenstern zu einem unbekannten Militärflugplatz, Abflug in einer Maschine ohne Hoheitsabzeichen, Ankunft in einem unbekannten Land, Unterbringung in einer schlossartigen Villa an irgendeinem Meer. Georg Lukács, ohne die geringste Ahnung, wo er sich befand, sagte: »Kafka war doch ein Realist.«