Robert JohnsonDer dunkle König

Robert Johnson gilt als Urgenie und Gründervater des Blues. Aber war er das wirklich? Eine neue Studie kommt zu überraschenden Ergebnissen. von 

© Rogner & Bernhard

Ein schöner Tod kann es nicht gewesen sein, der Robert Johnson am 16. August des Jahres 1938 ereilte, egal, ob er nun erschossen, erstochen oder, die wahrscheinlichste Variante, von einem eifersüchtigen Ehemann vergiftet wurde. Es heißt, er sei in seinen letzten Stunden auf dem Boden herumgekrochen und habe gebellt wie ein Hund, doch das sind Geschichten, die erst später ausgegraben wurden. Die schlichte Notiz »Syphilis« auf der Sterbeurkunde spricht dafür, dass die Zeitgenossen nicht viel Aufhebens um den Vorfall machten: Ein durchreisender Gitarrenspieler weniger, wen kümmern da die Details?

Hätte damals einer seinen Aufstieg zum modernen Klassiker vorausgesagt, er wäre verlacht worden, doch genau das ist Robert Johnson spätestens seit den Sechzigern: eine kanonische, von Mythen umrankte Figur. Johnson ist das Genie aus dem Urschlamm, der Prototyp, die letzte Station, bevor die Spur sich gen Afrika verliert. Kein Vertreter jener Musik, die unter dem Namen Blues in die Plattenläden vordringen und wenige Jahre später als Rock’n’Roll die Welt erobern sollte, hat die Fantasien auf eine vergleichbare Weise erhitzt wie dieser sprichwörtliche Niemand aus dem amerikanischen Süden. Es mag Bluesmänner geben, die erfolgreicher und, was das Meistern kritischer Situationen im Leben anbelangt, mit einer glücklicheren Hand gesegnet waren, Johnson jedoch ist der Gründervater.

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Ganze Generationen von Verehrern sind vor dem heimischen Phonographen niedergekniet, um aus seinem schellackknisternden, nicht viel mehr als zwei Dutzend Songs umfassenden Œuvre die reine Lehre des Blues entgegenzunehmen. Wenn sie Keith Richards hießen, haben sie seine Gitarren-Licks kopiert, und wenn sie sich Bob Dylan nannten, seine unstete Lebensweise, doch allesamt waren sie Gläubige. Als Zeugen Roberts sorgten sie dafür, dass der Ruf des dunklen Königs aus den Sümpfen des Mississippideltas weit über die inneren Zirkel hinaus ertönte, Allgemeingut und schließlich Folklore wurde – mit dem Ergebnis, dass Johnson heute als archaisches Pendant zu Mozart, Kafka oder Keats gilt, ein Frühvollendeter, ein Genie, das, so die hartnäckigste aller Legenden, seine Künste einem Pakt mit dem Teufel verdankt. Alles Unsinn, sagt Elijah Wald.

Elijah Wald, selbst erklärter Jünger, ist den weiten Weg des Blues in umgekehrter Richtung gegangen. Für seine 400 Seiten starke Recherche Vom Mississippi zum Mainstream hat er sich an den Ursprungsort des Geschehens zurückbegeben. Es ist eine Reise in gleich doppelter Hinsicht, auf die er uns mitnimmt: Zum einen führt sie noch einmal ins Delta, jene erotisch konnotierte Urlandschaft, die von Geistern bewohnt zu sein scheint und in deren endlosen Weiten bis heute letzte Zeitzeugen überlebt haben. Wald sucht sie auf und nimmt ihnen die eine oder andere überraschende Beichte ab. Die Reise führt aber auch ins Herz der Fiktionen. Wald durchstreift Archive, blättert in Statistiken, er bläst den symbolischen Staub von Hunderten alter Bluesplatten, um, teils contre cœur, immer wieder zum selben Befund zu gelangen: Der Robert Johnson der Überlieferung hat wenig mit der historischen Person Robert Johnson zu tun. Er ist eine Erfindung weißer Hörer.

The real Robert Johnson war kein zerquältes, von Dämonen getriebenes Genie, sondern ein hochmoderner Profi, der sich bestens in den Spielweisen seiner Zeit auskannte. Das ständige Unterwegssein verdankt sich nicht etwa existenzieller Getriebenheit, sondern einer notorisch knappen Kasse. Vom Nachruhm hielt er wenig, umso mehr von irdischen Vergnügungen. Vieles spricht dafür, dass er seine Musik nicht einmal als »Blues« empfand, er spielte einfach das, was Jahrzehnte vor der Erfindung der Jukebox von fahrenden Sängern erwartet wurde. Dass gerade der bluesbetonte Teil seines Repertoires überlebte, hat einen banalen Grund: Man musste laut sein, um in der Geräuschkulisse eines Tanzlokals zu bestehen. Das gefiel den Talentscouts, die in den Dreißigern begonnen hatten, die Provinz zu durchforsteten. Was sie mitbrachten, ist keine Folklore und schon gar nicht der melancholische Seelengesang Afroamerikas, es ist der fortgeschrittenste Pop der Zeit.

Drive, Power, technische Reproduzierbarkeit – auf diesen Säulen beruhte bereits das Vorkriegsentertainment. Wald rehabilitiert Johnson als das, was er in den Augen seiner Zeitgenossen war: ein stilistisch hochversierter Gitarrenspieler, der von einer Karriere im erblühenden Schallplattenbusiness träumte. Vom Honorar seiner exakt zwei Aufnahmesessions kaufte er sich als Erstes einen Anzug. Die mageren Jahre scheint er in der Obhut verheirateter Frauen verbracht zu haben. Was sie in ihm sahen, bleibt ihr Geheimnis, doch offenbar versprachen sie sich von seiner Gesellschaft mehr, als ihre im Schweiß des Angesichts auf den Baumwollfeldern schuftenden Ehemänner ihnen bieten konnten. Insofern spiegeln Songs wie Kind Hearted Woman Blues, Come On In My Kitchen oder I Believe I’ll Dust My Broom tatsächlich die Gedankenwelt des Deltas, doch in einem ganz anderen Sinn, als der Mythos es will: Das Mississippidelta ist ein Ort der Moderne. Wie andere Bewohner dieser nur scheinbar urigen, in Wahrheit bereits industriell bewirtschafteten Gegend erhoffte Johnson sich seinen Anteil am gesellschaftlichen Reichtum.

Leserkommentare
  1. Gute Musik hypnotisiert den Zuhörer, und wenn man nur ein wenig von der Musik Johnsons weiss, ist klar, dass er wie kaum ein anderer aus der Popmusik vor ihm in der Lage war, seine Zuhörer derart zu hypnotisieren. Genau das ist es, was seine Nachfolger auch können wollten und in einigen Fällen, z.B. Jimi Hendrix, auch hinbekommen haben. Hendrix war das komplett bewusst, den anderen sicher auch. Wer schon einmal auf einer Bühne gestanden hat, weiss, wovon ich schreibe. Massenhypnose wird kaum thematisiert, ist jedoch ein oft bewußt oder unbewußt angewandtes Mittel, Menschen zu beeinflussen. Sie funktioniert in Konzertsälen, Kirchen und sogar Zuhause vor dem Fernseher. Ohne dieses Instrument wäre ein so riesiges russisches Reich oder das 3. Reich nicht realisierbar gewesen.

  2. Die Erkenntnisse und Ergebnis sind keineswegs neu. Wer sich auch nur ein wenig intensiver mit dem Blues beschäftigt hat (und das werden wohl die meisten, denen der Name Robert Johnson überhaupt etwas sagt, getan haben), der weiß, dass die Musiker im Delta das gespielt haben, was die Leute hören wollten und worauf man in den Juke Joints und auf den Houseparties tanzen konnte. Das waren vor allem Schlager und populäre Songs. Das, was heute allgemein als "Blues" bezeichnet wird, war nur ein kleiner Teil ihres Repertoires. Robert Johnson, Son House, Charlie Patton, Blind Willie Johnson und wie sie alle heißen waren im Grunde nichts anderes als die Alleinunterhalter von heute, die auf Hochzeiten und Vereinsfesten mit dem Keyboard aufspielen, die Mambo Kurts des schwarzen Südens der 20er und 30er Jahre sozusagen.

    • fsm
    • 15. Mai 2012 10:50 Uhr

    Scheint wirklich nichts neues zu bringen. Ich bin selber Bluesmusiker und ich erinnere mich gut, dass wann immer man einen der Veteranen traf und nach dem Blues fragte die Antwort war : "Blues ? Das war das was wir am Wochenende zum Tanzen spielten" - Also war schon immer Mainstream angesagt.

  3. Jahrzehnt, dann änderten die Verhältnisse sich schon wieder radikal."

    Woher diese Gewissheit? Ist es nicht eher so, dass die Entwicklung der Aufzeichnungstechnik gerade die 10 Jahre akustischen Blues konservierte, bevor die technische Entwicklung von Vakuumröhren elektrische Verstärker und elektrisch verstärkte Instrumente ermöglichte?

    Keine Musikevolution aus sich, sondern eine von technischen Neuerungen getriebene Instrumentenentwicklung, sehr partiell konserviert durch eine sich auch gerade erst entwickelte Aufzeichnungstechnik?

    Die Legenden um Robert Johnson geben sehr gut den Umstand wieder, dass zwar sehr viele Musikbegeisterte versuchen Instrumente und Gesang zu lernen, aber nur sehr wenige vermögen das Gelernte so umzusetzen, dass sie damit die Zuhörer mehr bzw. sehr viel mehr begeistern können als andere.

    Natürlich könnte man auch von Gottesgaben reden. Aber wenn die Künstler nicht den adäquaten Lebenswandel mitbringen, würden sich vermutliche zu viele der Fans an der latenten Gotteslästerung, die dem alltäglichen Verhalten der von Gott Beschenkten innewohnt, stören.

    Oder war der frühe Tod des Robert eine Strafe Gottes?

  4. Leute wie Sonny Terry und Brownie McGee spielten diesen populären Land-Blues (mit akkustischen Instrumenten) bis in die ’80er hinein.
    Was die Mythenbildung befeuert haben mag, ist das im Zeitalter der Mobilität wieder attraktiv gewordene Ideal vom Troubarbour, der Infrastrukturhopping betreibt und daraus seine Erzählung herleitet. Der reisende Popstar Franz Liszt schwärmte knapp hundert Jahre vor Johnsons Zeit bereits vom bequemen Reisen mit der Eisenbahn, die es ihm ermöglichte drei Wohnsitze zu unterhalten und regelmäßig weite Konzertreisen zu unternehmen. Es war die rasante Entwicklung von Technik und Wohlstand, die die Mysthifizierung des rastlosen Künstlers hervorbrachten. Der infantile Kult um den sog. Rock’n’Roll konnte erst vor diesem Hintergrund entstehen. Dass Johnson rückwirkend zum Idol für den einen oder anderen Berufslümmel der westlichen Wohlstandsgesellschaft werden konnte, war allerdings nur vor dem Hintergrund seiner Schallplattenaufnahmen möglich. Ohne hörbares Vermächtnis wäre sein Kultstatus nicht begründbar gewesen. In der Unschärfe spielen also die Erfinder, Ingineure und die ihre Entwicklungen vermarktende Industrie eine nicht unbedeutende Rolle bei der Ikonisierung des Urtümlichen.

  5. bloß weil das Feuilleton nix davon weiß. Es gab und gibt tausende Robert Johnsons, Miles Davies, Etta James. Es ist allerdings so, dass Geschäfte nicht mit einem Heer von Bänkelsängern, sondern ausschließlich mit einzelnen herausgehobenen Helden zu machen sind. Es sind lauter Unsterbliche, die Robert Johnson im Nachhinein zu der Legende beförderten, als die wir ihn heute kennenlernen: Die Stones, Fleetwood Mac, Clapton ...
    Keith Richards besteht laut seiner Autobiographie darauf, letztlich nichts anderes, als ein Bänkelsänger zu sein. Keith Richards gibt´s nur einmal, Bänkelsänger jede Menge. Obwohl die nicht alle ohne Weiteres in der Zeitung und im Electrisch zu finden sind.
    Insofern, auch Johnson hatte Kollegen, jede Menge. Und das ist schön. Weil: So ganz allein, das ist wie saure Gurken ;-)) ... und im Fall von Blues ein Widerspruch in sich.

  6. feiern wir in der neuen Heimat mit Keb Mo und in der alten mit Richard Bona und Salif Keita.
    Wer ist gestorben?

    • TDU
    • 16. Mai 2012 18:01 Uhr

    "Statt einfach zu klagen, klagt hier jemand sein Menschenrecht auf Kapitalismus ein".

    Ist der Blues ausschliesslich als Klage nicht auch eine deutschlastige oder europäische Erfindung? Bestens geeignet für die Klimakatastrophe.

    BB King ist durch Radiowerbung berühmt geworden, seine besten Songs sind in DUR und oft gings doch um den ganz normalen "Ärger" mit Frauen und Träume über das Ideal von Verständnis, Liebe und Leidenschaft. Aber weiter machen und nie resignieren.

    Und so einen Blues in Zeiten des Matriachats und des Feminismus?. Da werden doch die Songs viel zu lang und kopflastig - Spass.

    Und natürlich gings auch ums Geld. Wo kamen sie denn alle her? Lieber Musik als an der Tanke arbeiten, war das Motto etlicher, die nicht auf Kunstschulen waren. Und man hätte ja auch John Lee Hooker als Vorbild nehmen können aber der lebte ja noch.

    Dennoch Johnsons Riffs und Variationen sind großartig, gerade in ihrer Einfacheit, mit den er Standards gesetzt hat. Üben kann man und sie spielen, aber das Feeling und das Timing hat man oder nicht.

    Yer Blues von den Beatels zeigt es. Perfekt aber wo bleibt der letzte schnoddrige Biss. Und dann klappts es auch mit ein paar Griffen wie John Lee Hooker, der von sich selbst sagt, er sei kein guter Gitarrenspieler.

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