Wer den Slogans auf Lebensmitteln traut, kann sich manchen Gang in die Apotheke ersparen. Bei Erkältung soll man laut Werbung probiotischen Joghurt löffeln. Vor Prüfungen hilft eine Pille mit Omega-3-Fettsäuren, die Konzentrationsfähigkeit zu steigern. Und bei erhöhtem Blutzuckerspiegel ist das Mineralwasser einer portugiesischen Marke zu empfehlen. Selbst Schokoriegel für Kinder sind laut Werbebotschaft gesund – schließlich enthalten sie wertvolle Milch. Mit sogenanntem Functional Food wandeln sich Supermärkte allmählich zu Apotheken. Weil die Nachfrage nach normalen Lebensmitteln schwächelt, sollen zusätzliche Inhaltsstoffe, die einen positiven Effekt auf die Gesundheit versprechen, den Absatz steigern.

Gesundheit ist ein Megatrend: Fast jeder zweite Deutsche greift gemäß einer Online-Umfrage des Marktforschungsinstituts ipsos mehrmals im Monat zu Functional Food. Der Branche spült das jährlich allein in Deutschland mehr als fünf Milliarden Euro in die Kassen. Der Markt ist zwischen 2003 und 2011 um 16 Prozent gewachsen, weltweit liefen die Geschäfte noch besser.

Doch seit geraumer Zeit funkt ein Amt dazwischen : die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) . Die mächtigen Kontrolleure wurden damit beauftragt, zu überprüfen, welche gesundheitsbezogenen Werbeversprechen tatsächlich Substanz haben und auf der Verpackung eines Lebensmittels angepriesen werden dürfen. Grundlage für diese Kontrolle ist die sogenannte Health-Claims-Verordnung der EU. Die EFSA wurde 2002 in Brüssel gegründet und vom damaligen EU-Ratspräsidenten Silvio Berlusconi in die norditalienische Kleinstadt Parma geholt. Anfangs beschäftigte die Behörde 30 Leute, heute sind es 450. Hinzu kommen die wissenschaftlichen Arbeitsgruppen (Panels) mit mehr als 1.500 Experten. Denn die Überprüfung der Gesundheitsversprechen im Zusammenhang mit Lebensmitteln , der sogenannten Health-Claims, ist nur ein Teil ihrer Arbeit. Zugleich bewertet die EFSA die Risiken von gentechnisch veränderten Lebensmitteln sowie von Zusatzstoffen oder Pestiziden.

Im Health-Claims-Panel sitzt auch die deutsche Wissenschaftlerin Hildegard Przyrembel. Mit 20 anderen Medizinern und Ernährungswissenschaftlern aus elf Ländern trifft sie sich einmal im Monat in Parma und entscheidet über das Wohl und Wehe der eingereichten Gesundheitsslogans.

Die Bilanz ihrer Arbeit ist für die Lebensmittelhersteller verheerend. Mehr als 3.000 Anträge der Industrie hat die EFSA mittlerweile geprüft. Auf die Positiv-Liste, die allerdings noch das EU-Parlament passieren muss, schafften es bislang nur 222 Claims. Insgesamt wurden also rund 80 Prozent der Gesundheitsaussagen abgelehnt. Darunter auch jene Versprechen, die sich auf Probiotika, Omega-3-Pillen, Mineralwasser und Schokoriegel beziehen.

Die Verordnung, die selbst die Industrieverbände anfangs begrüßten, weil sie gleiche Bedingungen für alle 27 Mitgliedsstaaten schafft, ist inzwischen ein leidiges Thema in der Branche. "Erstaunlich, wie wenige Anträge durchgekommen sind," findet sogar Anne Markwardt von der Verbraucherorganisation Foodwatch . Vor allem die Probiotika-Industrie läuft Sturm, denn bislang wurde kein einziger Claim auf Joghurts oder Drinks erlaubt, die vermeintlich gesundheitsförderliche Milchsäurebakterien enthalten. In dieser Sache sind selbst die beiden großen Produzenten Danone und Yakult nicht gut weggekommen. Dabei beschäftigt allein Danone rund 500 Wissenschaftler in den eigenen Laboratorien. Für die Verkaufsschlager Actimel und Activia kann der französische Konzern 44 klinische Studien vorweisen – vor allem mit kranken Menschen. Genützt haben sie alle nichts. Da Functional Food für die gesunde Bevölkerung gedacht sei, würden Patienten-Studien meist nicht akzeptiert, erläutert Lucia de Luca von der europäischen Behörde. Für Danone eine Blamage.

Die mögliche Überdosierung von Vitaminen ist problematisch

Eine Welle der Empörung hat auch die EFSA-Entscheidung zu Trockenpflaumen ausgelöst. Die gelten gemeinhin als förderlich für die Verdauung und werden selbst von Ärzten empfohlen. Die Vermutung hielt der Prüfung allerdings nicht stand. Entsprechende Werbeaussagen wurden abgelehnt. Niemand habe sich zuvor die Mühe gemacht, die Wirkung in einwandfreien Studien zu untersuchen, sagt Hildegard Przyrembel. Die EU-Parlamentarierin Antonyia Parvanova formuliert es so: "Wir wollen keine Großmutter-Wissenschaft".