Deutsch-StilkundeIm Anfang war das Tun

Warum wir die Verben lieben sollten. von Wolf Schneider

»Ich glaube, ich bin ein Verbum und kein Personalpronomen.« Ulysses Grant hat das gesagt, der Oberbefehlshaber der Nordstaaten im amerikanischen Bürgerkrieg – und damit ein Bild gefunden für das Vorwärtsstürmen, das ihn zum Sieg führte. Aber was geht uns das an? Es ist eine starke Metapher dafür, was Verben leisten können, die Tuwörter, wie Grundschüler sagen, die besten, wenn wir Leser fesseln wollen: Bewegung! Interessanter als »Das Haus ist schön« liest sich nun mal »Es ging in Flammen auf«.

»Kochend wie aus Ofens Rachen
Glühn die Lüfte, Balken krachen,
Pfosten stürzen, Fenster klirren,
Kinder jammern, Mütter irren […]«

Nun wäre es traurig, wenn das Verbum sich erst in der Katastrophe bewährte. Doch im selben Lied von der Glocke hat Schiller auch im scheinbar Statischen die Bewegung aufgespürt:

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»Die Leidenschaft flieht, die Liebe muss bleiben:
Die Blume verblüht, die Frucht muss treiben,
Der Mann muss hinaus ins feindliche Leben,
Muss wirken und streben
Und pflanzen und schaffen, erlisten, erraffen,
Muss wetten und wagen, das Glück zu erjagen.«

Natürlich: Für unsern Alltag taugt das nicht. Viele Verben drücken nicht einmal eine Tätigkeit aus, sie sind folglich zweite Wahl: vorliegen, vorhanden sein, sich handeln um. Auch ist Bewegung allein kein Gütesiegel:

Schwerfüßige Verben gibt es wie durchführen und bewerkstelligen, bürokratische wie beauskunften und bezuschussen, Imponiervokabeln wie generieren (für machen, schaffen, erzeugen, bewirken) oder implementieren (für einführen, umsetzen, verwirklichen). Ebenso sind das Stigmatisieren und das Sensibilisieren nichts, was Goethe geduldet hätte oder Günter Grass dulden würde, und statt des beliebten Thematisierens könnte man schließlich sagen: zum Thema machen, aufgreifen – oder warum nicht einfach: Darüber sollten wir mal reden.

Was also tun? Der Rat für Schreiber, die die Sprache lieben und sich zugleich Leser wünschen, ist von viererlei Art.

Zum Ersten: Lebhaft nutze man die Chancen des Verbums, wo es als Retter aus zwei Fallen der deutschen Grammatik dienen kann: den garstigen Nominalkonstruktionen (Lektion 12) und den rasselnden Ketten vorangestellter Attribute (Lektion 13).

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