Höchstens 15 oder 20 Wörter! So lautet eine Faustregel, die in Redaktionen und Stilfibeln gilt.Vernünftig ist sie insofern, als sie ein verschachteltes Satzgebilde etwa von 40 Wörtern – Alltag im Amtsdeutsch – zuverlässig verhindert; ganz richtig ist sie nicht.

Erstens, weil auch kurze Sätze hässlich sein können (»Vor dem Verzehr vor dem Essen wird gewarnt«); zweitens, weil gar nicht die Länge eines Satzes über seine Verstehbarkeit und seine Kraft entscheidet, sondern die Frage, ob er schlank und überschaubar ist, nicht behängt mit den Girlanden eingeschobener Nebensätze (Lektion 14), nicht vollgestopft mit vorangestellten Attributen (Lektion 13).

Einer der übermütigsten Sätze deutscher Sprache besteht aus sage und schreibe 187 Wörtern und ist von Schopenhauer. In seiner METAPHYSIK DER GESCHLECHTSLIEBE häuft er zwischen zwei Punkten 16 Gründe, warum die Liebe eine Verirrung, ja »ein feindseliger Dämon« sei – mit dem Fazit: »Es handelt sich ja bloß darum, dass jeder Hans seine Grete finde.«

Für unsern Alltag gilt, ebenso wie für die Poesie: Fettfrei sollten die Sätze sein, vorwärtstreibend.

»Freundschaft, Liebe, Stein der Weisen, diese dreie hört’ ich preisen,und ich pries und suchte sie, aber ach: Ich fand sie nie.«Simpel, temporeich und von Heinrich Heine; und auch in der Prosa sollten wir uns dem zu nähern versuchen.

Im Deutschen steht dem eine Tücke der Grammatik entgegen, die Deutsch lernende Ausländer zur Verzweiflung treibt, und auch muttersprachliche Leser scheucht sie häufig aus dem Text: dass wir die Teile eines zweiteiligen Verbums (ich werde ... kommen, ich möchte ... machen) nicht beisammen lassen müssen (I have helped my father, ich habe meinem Vater geholfen), ja die zweite Hälfte des Verbums, die erst den Sinn stiftet, in beliebigem Abstand nachhinken lassen dürfen; um 27 Wörter zum Beispiel in einem Geschäftsbericht von 2012: »In dem Magazin werden mittels modernster Internet-Technologie die Megatrends der Zukunft wie beispielsweise eine steigende Anzahl von Herz-Kreislauf-Krankheiten, ein wachsender Bedarf an hochwertigen Nahrungsmitteln und die Kohlendioxyd-Problematik angesprochen.«

Was hier fehlt, ist zum Ersten jeder Instinkt für eine Ausdrucksweise, die unverkrampft und ans Mündliche angelehnt, also leserfreundlich wäre – und zum Zweiten die Kenntnis der Grundeinsicht einer exakten Wissenschaft, der Verständlichkeitsforschung (niemand bestreitet sie, aber die meisten Berufsschreiber, auch die Deutschlehrer ignorieren sie): Die Speicherkapazität unseres Kurzzeitgedächtnisses, die Fähigkeit also, zwei Wörter als zusammengehörig zu erkennen, wie es die zwei Teile eines Verbums sind – sie endet bei 6 bis 7 Wörtern.

So zum Beispiel: »Mittels modernster Internet-Technologie werden in dem Magazin die Megatrends der Zukunft angesprochen, beispielsweise ...«

Natürlich: 7 Wörter, das ist eine grobe Zahl, berechnet für eine diffuse Leserschaft. Kurios nur: Die meisten großen Autoren deutscher Sprache – nicht Kleist, nicht Thomas Mann, nicht Thomas Bernhard, doch die meisten eben – haben sich vor aller Wissenschaft instinktsicher genau so verhalten. Vorwärtstreibend schrieben sie:

Wie Schiller in der GESCHICHTE DES ABFALLS DER NIEDERLANDE: »Die Mannschaft war zahlreich, ihr Mut verzweifelt, fest ihr Vertrauen auf Entsatz und ihr Hass gegen die katholische Religion aufs Äußerste gestiegen.«

Wie Siegfried Lenz in der DEUTSCHSTUNDE: »Ich erzähle keine beliebige Geschichte, denn was beliebig ist, verpflichtet zu nichts. Deshalb bestehe ich auf einem drückenden Himmel, auf verschleierter Luft und schwacher Sonne, ich lasse uns arbeiten unter den Geräuschen einer gemäßigten Brandung, das Schilf rauscht, ein Vogelzug formiert sich, das Moor kocht seine blasige Suppe.«

Das war 1968, und seitdem hat sich das Textangebot mithilfe des Internets vervielfacht, die Bereitschaft zu geruhsamem Lesen aber im Gleichschritt vermindert. Wir haben also allen Grund, die 7 Wörter, die für die Forschung ein Gesetz sind, wenigstens als Faustregel in Ehren zu halten. Sie gilt ebenso für den Abstand zwischen Subjekt und Prädikat, für die Antwort auf die Frage also: Wer tut was? Und es ist kaum zu fassen, mit welcher Gleichgültigkeit gegen den Leser viele Schreiber zu Werke gehen.

Da will uns die BROCKHAUS ENZYKLOPÄDIE von 2006 die »Erinnerungskultur« definieren. Sie wird vorgestellt als ein Begriff der Kulturwissenschaft, »der sich vor dem Hintergrund einer ... in Anschluss an ... zu einem Schlüsselbegriff der Diskussionen um ... sowie die Bedeutung von ... im Hinblick auf ... (und nach 63 Wörtern) entwickelt hat« .

Pervertierung der deutschen Grammatik. Sie beherrschen sollte auch heißen: sie zähmen können.