Manchmal schreiben wir zu wenig: wenn wir es nämlich unterlassen, eine Neuigkeit, einen schwierigen Sachverhalt in einem zweiten Anlauf zu erläutern oder durch ein Beispiel zu beleben.

Meistens schreiben wir zu viel (vom Reden zu schweigen) – gemessen am Interesse jener Menschen, die wir uns als Zuhörer oder Leser wünschen. Aus den Parlamenten kennen wir die Sprechblasen, das geblähte Nichts: dass einer sich dem hohen Gut der Volksgesundheit voll und ganz verpflichtet fühlt! Auch die Billionen Wörter, die auf Erden täglich geplappert werden, brauchen uns nicht zu interessieren.

Wer aber gelesen werden will, der sollte die Worte wägen. Mit Schwätzern und Langweilern haben Leser keine Geduld. Die Floskel »der langen Rede kurzer Sinn« zum Beispiel sollten wir nie niederschreiben, denn damit hätten wir uns bezichtigt, einen kurzen Sinn zuvor zu einer langen Rede ausgewalzt zu haben. Von den Füllwörtern, von denen die mündliche Rede überquillt (ja, doch, nun, sozusagen, irgendwie), sollten wir nur die zulassen, die Würzwörter zu heißen verdienen, in der Stilistik Abtönungspartikel genannt: ein »nämlich« oder »eigentlich« zur rechten Zeit. Und wenn alles gesagt ist, sollten wir die Kraft haben, aufzuhören.

Wer twittert, muss das sowieso. Blogger haben alle Freiheit – und nutzen sie: beliebige Länge, ungeplant, unkorrigiert, zwischen Gesprochenem und Geschriebenem fast keine Grenze mehr. Dass sie oft schon für ihren zweiten Satz keinen Leser mehr finden werden, stört viele Blogger offensichtlich nicht; mehr scheint es ihnen darauf anzukommen, »dass sie ihre Existenz weit und breit um sich kundmachen« – Immanuel Kant sagte das 1786 allen »lärmenden Unterhaltungen« nach.

Und schon wirkt die Beiläufigkeit des Gebloggten, der oft schlaffe Wunsch nach Lesern aufs Geschriebene zurück. Ein Text des Schriftstellers Ingo Schulze, den die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG kürzlich publizierte, begann mit dem Satz:

»Seit etwa drei Jahren habe ich keinen Artikel mehr geschrieben, denn ich weiß nicht mehr, was ich noch schreiben soll.«

Wunderbar!

Da greift Schopenhauers »erste Regel des guten Stils: dass man etwas zu sagen habe. O, damit kommt man weit!«