Deutsch-Stilkunde: Geizen wir mit Adjektiven
Überflüssig sind erstaunlich viele.
Ja, es ist schönes altes Deutsch, einen missmutigen Menschen zur Abwechslung als griesgrämig, sauertöpfisch, miesepetrig zu beschreiben. Nur dass Adjektive zugleich die am meisten überschätzte, am meisten missbrauchte Wortgattung sind: oft tautologisch, immer häufiger akademisch-bürokratisch gespreizt, oft lächerlich und manchmal einfach falsch – nicht gerechnet, dass das Deutsche sie häufig gar nicht vorsieht. Eau potable ist eben nicht das trinkbare, sondern das Trinkwasser, die polizia stradale die Straßenpolizei und der lucky star absolut kein glücklicher Stern.
Tautologisch, doppelt gemoppelt: Da lesen wir von harter Knochenarbeit, wichtigen Meilensteinen, einem wesentlichen Eckpfeiler, dem kritischen Hinterfragen; im Marketing vom üblichen Versprechen qualitativ hochwertiger Produkte und gezielter Maßnahmen. Solche Doppelungen geben dem aufmerksamen Leser das Signal: Also, nachgedacht hat der Schreiber nicht.
Überdies beschädigen hohle Adjektive einen Eckpfeiler aller erfolgreichen Kommunikation: dafür zu sorgen, dass jedes Wort etwas zu sagen hat – »that every word tell«, mit einem schönen archaischen Imperativ formuliert in der klassischen amerikanischen Stillehre von Strunk und White. Der kolumbianische Aphoristiker Gómez Dávila sagt es so:
»Für jedes überflüssige Wort verliert der Schriftsteller einen Sündennachlass von einem Monat.«
Leere Adjektive sind indessen nicht die schlimmsten. In Wirtschaft, Wissenschaft und Bürokratie hat sich in den letzten Jahrzehnten die Wahnvorstellung ausgebreitet, das Adjektiv sei die überlegene Wortgattung: Aus dem Elternhaus ist das elterliche Haus geworden, aus der Schule der schulische Bereich, das betriebliche Ergebnis folgt ihnen auf dem Fuße – und welcher werdende Doktor würde noch von der Lage sprechen, wenn er sich doch mit situativen Gegebenheiten schmücken kann? Wie altmodisch, dass Mephisto mit Worten stritt – verbal täte er das heute!
Nicht nur unschön, sondern einfach regelwidrig ist eine weitere modische Marotte: Bei biblischen Verfilmungen ist biblisch eben nicht die Eigenschaft der Verfilmung, sondern die Bibel ist ihr Objekt; auch bei koalitionären Rücksichten und kombinativen Möglichkeiten sind die Adjektive nicht die Eigenschaften. Eine wahre Affenliebe zum Adjektiv hat sich da zulasten der Logik breitgemacht.
Vollends lächerlich wird sie, wo sie den sprachlichen Zusammenhang auf den Kopf stellt. Von der fossilen Energielobby müssen wir lesen – von einer fossilen Lobby also, die sich einer nicht näher bezeichneten Energie annimmt. Von erzieherischem Kontrollverlust sprach die FAZ – was eindeutig der erzieherische Verlust einer Kontrolle ist, über die wir leider nichts erfahren. Flüssige Textverfasser müssen da am Werk gewesen sein, mit warmen Würstchenverkäufern und rostfreien Stahlhändlern im Bunde.
Und es gibt doch so farbige, kraftvolle Adjektive: tückisch, hartgesotten, hasenherzig, anschmiegsam! »Unser Hass ist witterungsbeständig«, sagt Günter Grass in seinem Gedicht EHE.
Franz Kafka schrieb seiner fernen Freundin Milena (in Partizipien, halben Adjektiven also), er lese ihre Briefe, »wie der Spatz die Krumen in meinem Zimmer aufklaubt: zitternd, horchend, spähend, alle Federn aufgebauscht«.
Wo so viel Fantasie nicht vorhanden ist oder wo sie fehl am Platze wäre, da hilft die Faustregel:
Adjektive dienen der Unterscheidung – das gelbe Kleid, nicht das rote. Wo sie bloß schmücken wollen, sollten sie anklopfen, und wo sie einer dümmlichen Mode dienen: draußen bleiben.





