Als eine »schwer griechisch klingende Journalistenkrankheit« verspottete die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG jüngst die »Synonymitis«: die verbreitete Vorstellung nämlich, man dürfe in einem Text nicht mehrfach dasselbe Wort verwenden, sondern müsse den Wechsel im Ausdruck pflegen. Das ist auch zweimal richtig. Aber viermal ist es falsch.

Es ist richtig, dass Deutschlehrer ihre Schüler das Forschen nach Synonymen lehren, um sie in die Fülle unseres Wortschatzes einzuführen – ihnen beispielsweise nahebringen, dass man statt widerlich auch mal abstoßend, ekelhaft, abscheulich sagen kann. Und richtig bleibt es, in zwei Sätzen nicht zweimal aber zu schreiben, sondern es durch doch, jedoch, allerdings, dagegen zu ersetzen; das hält den Text lebendig.

Verwirrend aber ist es, auch die Substantive, die tragenden Begriffe eines Textes, der lexikalischen Varianz zu unterwerfen, wie Journalisten es lieben; albern gleich aus vier Gründen.

Erstens: Für die meisten konkreten Dinge sind Synonyme einfach nicht vorhanden. Nicht für Tisch zum Beispiel (Vierbeiner wäre zwar korrekt, ist aber schon für den Hund vergeben). Nicht für Wind, denn Sturm ist mehr und Brise weniger. Viele sinnverwandte Wörter sind, zum Zweiten, absolut nicht austauschbar: der Hund nicht gegen den Köter, das Gesicht nicht gegen Fratze, Fresse und Visage.

Oft folgt, drittens, aus der Synonymitis eine vorhersehbare Zwangshandlung: Aus der Polizei werden die Ordnungshüter, aus der Bundesbank die Währungshüter, aus der Wahl wird der Urnengang. Den Radiosprecher, der diese Missgeburt über den Sender lassen musste, stört es zu Hause am Wahlabend nicht im Geringsten, das Wort Wahl hundertmal zu hören und zu sagen.

Das Vierte, das Schlimmste aber: Schon die Suche nach einem Tauschbegriff verletzt das Urvertrauen in die Sprache, das alle Hörer, alle Leser selbstverständlich haben: dass einer, der dasselbe meint, selbstverständlich auch dasselbe sagt – und dass er, wenn er plötzlich etwas anderes sagt, nur etwas anderes meinen kann. Goethe ist Goethe – und weder der Dichterfürst noch der Wirkliche Geheime Rat, und kein Weihnachtsbaum hat je darauf gewartet, dass er in der Zeitung als der nadlige Geselle aus den heimischen Wäldern wiederkehrt.