Kurz vor ihrem fünften Geburtstag steht die Linke vor dem endgültigen Scheitern. Das Ausscheiden aus dem Kieler Landtag ist erst der Anfang vom Ende: Die Partei wird es am Sonntag auch im größten Bundesland Nordrhein-Westfalen nicht über die Fünfprozenthürde schaffen. NRW ist aber nicht einfach ein weiteres Bundesland. Hier fusionierten 2007 die Reste der ostdeutschen PDS mit enttäuschten Gewerkschaftern und Sozialdemokraten aus der westdeutschen WASG. Unter der Führung des ehemaligen SPD-Chefs Oskar Lafontaine hofften sie, die Sozialdemokraten wegen ihrer als unsozial gebrandmarkten Arbeitsmarktreformen vor sich hertreiben zu können.

Das gelang der »Hartz-IV-Partei« vor allem zur Zeit der Großen Koalition in Berlin, also bis 2009. Die Linke dehnte sich nicht nur auf Kosten der SPD immer weiter in den Westen aus. Sie schien auch das gesamte Parteienspektrum nach links zu verschieben. Im Osten erreichte sie mitunter die Stärke einer Volkspartei. »Reform« wurde zum Unwort, »Neoliberalismus« gar zum Schimpfwort.

Paradoxerweise endete die Erfolgssträhne der Linken auf der Höhe der Finanzmarktkrise und mit dem Ausscheiden der Sozialdemokraten aus der Regierung Merkel. Nun, da die SPD in der Opposition ist, spielt diese den Part des Anwalts der Ausgebeuteten lieber wieder selbst. Mit Erfolg. Was die »soziale Kompetenz« angeht, hat die SPD bei den Wahlen in Schleswig-Holstein der Linken in den Augen der Wähler den Rang abgelaufen. Die Linke verliert die meisten ihrer Anhänger zwar ans Nichtwählerlager. An zweiter Stelle aber steht die SPD. Wenn die Linke nun ausgerechnet in Nordrhein-Westfalen, mit seinem Industrieproletariat, den notleidenden Kommunen und den vielen Arbeitslosen, aus dem Landtag ausscheidet, ist die Fusion von Ost- und Westlinken offensichtlich misslungen. Gut möglich, dass sie nun auf den Status einer ostdeutschen Regionalpartei zurückfällt. Im Westen bleibt – vom Ausnahmefall Saarland einmal abgesehen – dann nichts als eine Splitterpartei, wie es sie in der Geschichte der Bundesrepublik praktisch immer gegeben hat. Regieren tut die Linke einzig in Brandenburg: in einer rot-roten Koalition mit der SPD, was ihr jedenfalls in Berlin auf die Dauer auch nicht genutzt hat.

Die Misserfolge der Linken bedeuten indes nicht, dass in der Bevölkerung die Systemkritik aus der Mode kommt. Die Wut über Bankenrettungen und Sparpläne, die Ablehnung von Kriegseinsätzen und das Gefühl wachsender sozialer Ungerechtigkeit – all das nimmt in den Umfragen eher zu als ab. Nur suchen sich diese Haltungen ein neues Zuhause: in der Abkehr von der Politik, bei der SPD und, neuerdings, bei den Piraten. Deren neuer, freier Stil kommt Politik-Willigen offenbar mehr entgegen als die fortdauernde Selbstzerfleischung und autoritäre Hierarchie der Linken. Die Vorstellung von der eigenen Klientel als »Opfer«, wie die Linke sie traditionell pflegt, zieht in Zeiten der Bürgerbeteiligung einfach nicht mehr. Die Linke hat die Signale nicht gehört. Sie geht unter.