FlüsseMadrids Rauschen

Jahrzehntelang hat Spaniens Hauptstadt dem Manzanares wenig Beachtung geschenkt. Mit "Madrid Río" hat sie nun einen neuen Park – und ihren Fluss zurück von Martin Dahms

Ein Mädchen spielt am Fluss Manzanares in Madrid, im Hintergrund die Arganzuela-Brücke des Architekten Dominique Perrault.

Ein Mädchen spielt am Fluss Manzanares in Madrid, im Hintergrund die Arganzuela-Brücke des Architekten Dominique Perrault.  |  © DANI POZO/AFP/Getty Images

Der Name Madrid, so geht die ethymologische Theorie, kommt von matrice, was für »Bachbett« steht. Aber das glaubt einem ja keiner. Das einzige Wasser, das ein Madrid-Besucher gewöhnlich zu sehen bekommt, kauft er sich am Kiosk, um in der Stadt aus Stein und Sonne bei Kräften zu bleiben. Madrid liegt auf 650 Meter Höhe (so hoch wie keine andere europäische Hauptstadt, wenn man Andorra und San Marino beiseite lässt) zu Füßen der Sierra de Guadarrama, mitten in Kastilien, weit weg vom Meer. Diese Lage macht es einem Fluss schwer, auf dem Weg nach Madrid zu ansehnlicher Breite zu schwellen. Stattdessen gibt es den Manzanares.

Die Madrider haben den Nebenfluss eines Nebenflusses des Tajo nie besonders ernst genommen. Der Schriftsteller Francisco de Quevedo bezeichnete den Manzanares schon zu Beginn des 17. Jahrhunderts als Flusslehrling. Und die Madrider schätzten ihn so gering, dass sie in den 1970er Jahren, zu Zeiten der Franco-Diktatur, eine Schnellstraße links und rechts des Manzanares bauten, um den Autobahnring um die Innenstadt zu schließen. Der Fluss verschwand aus der Erinnerung der Einheimischen. Und die meisten Madrid-Reiseführer verzichteten irgendwann darauf, ihn überhaupt zu erwähnen.

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Jetzt allerdings ist der Manzanares plötzlich wieder da. Wo jahrzehntelang der Autoverkehr achtspurig floss oder stockte, macht sich nun ein Park breit und vor allem lang. Madrid Río, »Madrid Fluss«, heißt die 120 Hektar große Grünanlage. Ein schlichter Name, der doch in alle Welt hinausruft, dass Madrid seinen Fluss wiederhat. Für falsche Bescheidenheit gibt es auch gar keinen Grund. Madrid Río ist das gelungene Ergebnis einer der weltweit gewaltigsten Stadtumbauten der Gegenwart. Vor ein paar Monaten erst sind die Bagger verschwunden. Zeit, sich vom Manzanares aus ein neues Bild von Madrid zu machen.

Wer vor dem ersten Spaziergang am Fluss durch die engen Straßen der Innenstadt gelaufen ist, der wird unten am Wasser endlich ein Gefühl von Weite erleben. Am nördlichen Ende des neuen Parks, auf Höhe der Puente del Rey, bietet sich ihm ein Panorama, das bisher Autofahrern vorbehalten war. Hier erhebt sich, auf einer Anhöhe über dem Manzanares, das alte Madrid. Da thront der Königspalast, ein klassizistischer Bau aus Kalkstein und Granit, dessen äußere Strenge von Baumwipfeln gemildert wird, die sich sanft schwankend in den Blick des Betrachters schieben. Sie gehören zum Campo del Moro, dem kleinen Königsgarten, der sich vom Schloss über einen Hang hinab bis zum Manzanares erstreckt.

Dort oben vor dem Königspalast und der benachbarten Kathedrale, einer neogotisch-neobarocken, seltsam aus ihrer Zeit gefallenen Kirche des 20. Jahrhunderts, wird vermutlich das alltägliche Touristengedränge herrschen. Straßenmusikanten spielen auf, lebende Statuen wollen Aufmerksamkeit. Hier unten aber wirkt nur das schöne Bild der mächtigen Bauten, begleitet vom Generalbass der Großstadt, dem dumpfen Rauschen des Verkehrs aus ungewisser Distanz.

Auf einer niedrigen Mauer am Rande des Parks sitzt ein junges Paar, die Körper ineinander verschlungen. Ein Radfahrer rauscht über den breiten Asphaltweg den Fluss entlang, in Sportlermontur, mit Helm und spiegelnder Sonnenbrille – weil Fahrräder in Madrid nicht als Fortbewegungsmittel, sondern als Fitnessgeräte gelten. Elegant umkurvt er ein altes Ehepaar, das auch heute, mitten in der Woche, nicht auf seinen Sonntagsstaat verzichtet. Die Eheleute haben sich viel zu erzählen. Aber sie reden leise, wie es die Madrider gewöhnlich selten tun.

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