Vier bis sieben Tage dauert es, bis der Keim eines vergrabenen Maiskorns die Ackerkrume durchbricht. »Auflaufen« nennen Bauern das Schauspiel, das sie auf mehr als zweieinhalb Millionen Hektar inszenieren – besonders geballt in Niedersachsen und Bayern. Vor zehn Jahren nahm das Süßgras lediglich 1,5 Millionen Hektar, ein Zehntel des deutschen Ackerlands, in Beschlag.

Seit Landwirte nicht mehr nur Tiere damit füttern, sondern zunehmend auch Biogasanlagen, expandiert der Anbau. Niedersachsen produzierte 2011 fast 20 Prozent mehr Energiemais als im Vorjahr, in einigen Landkreisen wächst Mais auf der Hälfte der landwirtschaftlichen Nutzfläche. Umweltschützer warnen vor »Maiswüsten« in Deutschland – unschön fürs Auge, vor allem aber artenarme Biotope, die die traditionelle Milch- und Viehwirtschaft und das Grünland verdrängten.

Das Deutsche Maiskomitee (DMK), Interessenverband der Maisbauern, gibt zu, dass »in einigen Regionen deutlich zu viel Mais« wächst. »In anderen wäre ein bisschen mehr aber gut für die Auflockerung der Fruchtfolge«, sagt Sprecherin Susanne Kraume. Im Osten etwa könne mehr Mais die dichten Rapsbestände für den Biodiesel auflockern. Auch Armin Werner, Leiter des Instituts für Landnutzung in Müncheberg, findet, der Maisanteil sei zwar »regional sehr unterschiedlich«, aber, bezogen auf die gesamte landwirtschaftliche Nutzfläche, derzeit noch »überschaubar«. Obwohl Weizen auf einer viel größeren Fläche wachse, falle der Mais durch seinen hohen Wuchs besonders auf. Deshalb gehe »die Wahrnehmung der Menschen weit über den realen Zuwachs hinaus«, sagt Werner. »Diese gefühlte Zunahme beim Mais ist die Folge einer Politik, die von der Gesellschaft so gewollt wurde.«

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Den Boom entfachte das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Es sollte helfen, Treibhausgase einzusparen – und verlockte bald Tausende Investoren, mit Mais- und Güllevergasung scheinbar ökologisch korrekt Geld zu scheffeln.

Das Süßgras wurde erst durch Jahrtausende währende Zucht zu den übermannsgroßen Pflanzen, die uns im Herbst die Sicht versperren. Mais ist genügsam, braucht vergleichsweise wenig Wasser und produziert schnell viel Biomasse, wenn man tüchtig düngt. Deshalb ist er bevorzugt in der Nähe von Ställen zu finden. Er liefert viel Futter, das Vieh viel Dung. Und weil die Viehzüchter reichlich Erfahrung mit Mais und Gülle haben, sprießen dort die Biogasanlagen. So ist der norddeutsche Schweinegürtel, von der niederländischen bis fast zur dänischen Grenze, auch ein Biogasgürtel, »weil die Bauern dort bereits die Kompetenz für Maisanbau haben«, sagt Werner.

Klicken Sie auf das Bild, um die Grafik zu vergrößern.© ZEIT-GrafikDas Problem ist, dass es in der Umgebung der Ställe und Biogasanlagen nicht genügend Flächen gibt, um Exkremente und Gärreste umweltgerecht zu entsorgen. Auf leichten Standorten mit erhöhtem Auswaschungsrisiko wird das Nitrat nicht mehr recycelt, sondern belastet das Wasser. Die Bundesregierung hat deshalb das EEG zum Jahreswechsel geändert. Anlagen, die nicht nur Mais vergasen, werden jetzt begünstigt. Auch die Ausbringung von Gülle aus Ställen und Fermentern soll künftig strenger kontrolliert werden.

Mitte April meldete das DMK, es erwarte für dieses Jahr nur noch ein Wachstum der Maisanbauflächen von 0,1 Prozent. Die beruhigend klingende Meldung hielt jedoch nur eine Woche. Denn der harte Winter hat viele andere Feldfrüchte zerstört. Die Bauern mussten betroffene Flächen umpflügen. Auf den meisten haben sie nun wieder gesät: Mais.