Sausen Abdelilah und Luisa Stachowiak in dem Theaterstück "Koranschule" © Christian Kleiner/Nationaltheater Mannheim

Das Theater zeichnet sich durch Sendungsbewusstsein und Eindeutigkeit aus, abseits der Bühnen herrscht dagegen die Ambivalenz der Realität. Ähnlich strukturiert ist das Spannungsverhältnis zwischen Islam und Säkularismus. »Kultur ist tiefer verwurzelt als Religion«, sagte einmal die iranische Menschenrechtsaktivistin und Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi, die 2009 vor den Mullahs nach Großbritannien floh, und der Komparativ markiert einen Gegensatz, der nicht nur bei den Mohammed-Karikaturen zum Dualismus wurde.

Hingegen erklären Nina Gühlstorff und Dorothea Schroeder bei ihrem neuen dokumentarischen Theaterprojekt Koranschule den Islam über die Kunst. Statt im Nationaltheater Mannheim bezog das Regie-Kollektiv ein Büro im Stadtteil Jungbusch, der mit hohem Migrationsanteil und niedrigem Durchschnittseinkommen alle Voraussetzungen eines Problembezirks aufweist. Hier, im Jungbusch, stellten sie Muslime eine moderne Variation der Gretchen-Frage: Nicht der politische oder der institutionelle, sondern der privatisierte Islam war Gegenstand der Interviews, die während eines Jahres entstanden. Geformt hat sich das Panorama einer alltäglichen Religiosität, wie man es in Buchform vergeblich sucht, seitdem Duran Akbuluts Monografie Türkische Moslems in Deutschland vergriffen ist.

Aus den Befragungen wurde ein Theaterstück: In einer Wohnung sowie in Geschäfts- und Gebetsräumen trugen Darsteller bei der Mannheimer Premiere die kaum redigierten oder dramaturgisch bearbeiteten Texte vor. Ehrenmorde, Parallelgesellschaften, Extremismus – die mancherorts realen Begleiterscheinungen des Euro-Islams kommen dabei nur in der Negation vor: Indem die Monologe Auswüchse zum Klischee verhindern, erscheint jede »Allgemeingültigkeit« fragwürdig; die Ausnahmen kommen zu ihrem Recht. Deren Allgegenwart zeigt sich, ungewollt und zufällig, auch bei der Besetzung: Die Schauspielerin Michaela Klamminger, die allen Frauenfiguren eine Aura der Transzendenz und Renitenz verleiht und virtuos im Widerstreitenden das Zusammengehörige findet, ist eine Nichte von Josef Klamminger, der als Leiter der Sicherheitsdirektion Steiermark regelmäßig vor islamistischen Aktivitäten in Österreich warnt.

Weltlicher als die Charaktere Klammingers erscheinen die von Martin Aselmann und Klaus Rodewald, aber auch bei ihnen zeigt sich Religion als ein identitätsstiftendes Mittel gegen die alltägliche Ablehnung. Diese Ablehnung schlug bisweilen auch Nina Gühlstorff und Dorothea Schroeder während der Vorarbeiten entgegen – nicht bei den Spitzen von Kommunalpolitik und Moscheegemeinden, sondern an der jeweiligen Basis stieß das Theaterprojekt auf Widerstände. In einem Fall monierten zwei Gläubige, dass die Muslime von nicht muslimischen Darstellern verkörpert werden, und als die Regisseurinnen in einem städtischen Gebäude inszenieren wollten, wurden sie von einer Sachbearbeiterin ins Rathaus einbestellt. Schroeder: »Uns wurde gesagt, man erwarte eine eindeutige Positionierung gegen das Kopftuch

Der Weigerung der Theatermacherinnen folgte, vorgeblich aus Termingründen, die Ablehnung. Das sei eine Einzelmeinung und nicht die Position der Stadtverwaltung, versichern Rathaus-Sprecher auf Anfrage. Dabei taugt gerade in Mannheim, wo selbst die vom Verfassungsschutz als antidemokratisch eingeschätzte Gruppierung Milli Görüş im Dezember auf Plakatwänden Weihnachtsgrüße entbot, das Kopftuch nicht zum Symbol religiöser Repression: Muslimas ist hier der Besuch der Yavuz-Sultan-Selim-Moschee, der zweitgrößten Deutschlands, ohne Kopfbedeckung erlaubt.

Koranschule bietet Innenansichten eines muslimischen Mikrokosmos zwischen Fremdheit und Integration. Wenig repräsentativ, weil subjektiv und insgesamt ein wenig zu gefällig, aber geeignet, das Zerrbild vom monolithischen Diaspora-Islam zu korrigieren. Nicht wenig in einer Zeit, in der in deutschen Fußgängerzonen verteilte Korane zur vermeintlichen Staatsgefährdung mutieren können.