Wenn ich spät nach Hause komme, schalte ich gerne noch mal den Fernseher ein. Nachts laufen auf den öffentlich-rechtlichen Kanälen oft Dokumentarfilme über die Nazizeit. Früher kam im Nachtprogramm meistens Erotik. Ich habe nichts gegen Erotik, aber diese Filme waren künstlerisch einfach nicht gut. Inzwischen aber stehen die Nazis im Nachtprogramm kurz vor dem Endsieg.

Ich sehe Nazidokumentationen eigentlich ganz gerne, vielleicht habe ich mich auch nur daran gewöhnt. Die Fakten kenne ich alle, auch über die Verwerflichkeit dieser Ideologie muss mich niemand aufklären. Das hatten wir alles in der Schule. Für mich ist das inzwischen wirklich Unterhaltung, Rühmann, Goebbels, Hitlers Frauen, da sage ich: Aha, interessant. Die Ausschnitte aus der alten Ufa-Wochenschau sind schön langsam geschnitten, gut, dass die Nazis in puncto Geschwindigkeit nur das Düsenflugzeug erfunden haben und nicht etwa den Videoclip. Ich mag auch die Mode und die Autos. Als ich kürzlich bei einem Kollegen zum Geburtstag eingeladen war, erzählte seine Freundin, dass auch er am Wochenende nachts oft stundenlang Nazidokumentationen anschaut. Das nervt sie ein bisschen. Sie hat Freunde gebeten, ihm Dokumentarfilme über andere Epochen zu schenken, einer brachte einen ganzen Schuber mit Filmen über 1968.

Es gibt natürlich kaum noch Zeitzeugen. Ich habe mich gefragt, wie die Nazi-Unterhaltungsindustrie damit umgeht. Bei der Erotik wächst ja an der Darstellerfront immer etwas nach, da hat man dieses Problem nicht. Dann schlug ich die Bild- Zeitung auf und sah einen riesigen Artikel mit der Überschrift Meine Oma war die Geliebte von Rommel. Man sah einen alten, aber noch rüstigen Herrn, Josef Pan (72). Herr Pan ist ein Gemüsehändler aus Kempten . Seine Oma Walburga hat ihm zahlreiche Liebesbriefe hinterlassen, die der spätere Marschall und Wüstenfuchs persönlich verfasst hat, die Affäre dauerte von 1910 bis 1916. Laut Bild gilt jetzt als wissenschaftlich erwiesen: » Erwin Rommel war auch romantisch.« Der Artikel erschien im März.

Im April kam in Bild ein noch größerer Text mit der Überschrift Ich bin Hitlers Enkel . Offenbar wird das jetzt eine Serie, Hitlers Enkel oder Hitlers uneheliche Erben. Der angebliche Enkel ist ein französischer Klempner und erst 56-jährig, er heißt Philippe Loret und sieht, was natürlich super rüberkommt, Hitler tatsächlich ein bisschen ähnlich. Er trägt sogar Schnurrbart. Der Zeugungsakt soll im Ersten Weltkrieg stattgefunden haben, 1917, als Hitler Soldat in Frankreich war. In der fraglichen Nacht sei der spätere Abstinenzler betrunken gewesen, in nüchternem Zustand hatte Hitler ja mit Frauen Probleme, soweit man weiß. Monsieur Loret sagt über das Lebenswerk seines Großvaters: »Für all die Dinge, die im Krieg passiert sind, kann ich nichts.« Dem wird jeder beipflichten. Es gibt auch schon drei Urenkel und sechs Ururenkel.

Was mich betrifft, ich bin vermutlich der Ururenkel von Hindenburg , dem Reichspräsidenten, der Hitler zum Kanzler gemacht hat. Das ist jetzt keine Ironie! Einer meiner Großväter hat behauptet, seine Großmutter sei Dienstmädchen bei den Hindenburgs gewesen. Da sei es passiert. Paul von Hindenburg ist als Staatsoberhaupt kein Vorbild, vorbildlich finde ich aber seine letzten Worte, die er auf dem Totenbett zum Arzt gesagt hat: »Ich habe den Eindruck, Freund Hein steht vor der Tür. Sie können den Herrn hereinlassen.« Für Interviews stehe ich zur Verfügung. Für all die Dinge, die Hindenburg politisch gemacht hat, kann ich nichts.

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