Martenstein"Ich bin vermutlich der Ururenkel von Hindenburg"

Harald Martenstein über die Nachfahren politisch fragwürdiger Menschen von 

Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen

Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen  |  © Nicole Sturz

Wenn ich spät nach Hause komme, schalte ich gerne noch mal den Fernseher ein. Nachts laufen auf den öffentlich-rechtlichen Kanälen oft Dokumentarfilme über die Nazizeit. Früher kam im Nachtprogramm meistens Erotik. Ich habe nichts gegen Erotik, aber diese Filme waren künstlerisch einfach nicht gut. Inzwischen aber stehen die Nazis im Nachtprogramm kurz vor dem Endsieg.

Ich sehe Nazidokumentationen eigentlich ganz gerne, vielleicht habe ich mich auch nur daran gewöhnt. Die Fakten kenne ich alle, auch über die Verwerflichkeit dieser Ideologie muss mich niemand aufklären. Das hatten wir alles in der Schule. Für mich ist das inzwischen wirklich Unterhaltung, Rühmann, Goebbels, Hitlers Frauen, da sage ich: Aha, interessant. Die Ausschnitte aus der alten Ufa-Wochenschau sind schön langsam geschnitten, gut, dass die Nazis in puncto Geschwindigkeit nur das Düsenflugzeug erfunden haben und nicht etwa den Videoclip. Ich mag auch die Mode und die Autos. Als ich kürzlich bei einem Kollegen zum Geburtstag eingeladen war, erzählte seine Freundin, dass auch er am Wochenende nachts oft stundenlang Nazidokumentationen anschaut. Das nervt sie ein bisschen. Sie hat Freunde gebeten, ihm Dokumentarfilme über andere Epochen zu schenken, einer brachte einen ganzen Schuber mit Filmen über 1968.

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Es gibt natürlich kaum noch Zeitzeugen. Ich habe mich gefragt, wie die Nazi-Unterhaltungsindustrie damit umgeht. Bei der Erotik wächst ja an der Darstellerfront immer etwas nach, da hat man dieses Problem nicht. Dann schlug ich die Bild- Zeitung auf und sah einen riesigen Artikel mit der Überschrift Meine Oma war die Geliebte von Rommel. Man sah einen alten, aber noch rüstigen Herrn, Josef Pan (72). Herr Pan ist ein Gemüsehändler aus Kempten . Seine Oma Walburga hat ihm zahlreiche Liebesbriefe hinterlassen, die der spätere Marschall und Wüstenfuchs persönlich verfasst hat, die Affäre dauerte von 1910 bis 1916. Laut Bild gilt jetzt als wissenschaftlich erwiesen: » Erwin Rommel war auch romantisch.« Der Artikel erschien im März.

Im April kam in Bild ein noch größerer Text mit der Überschrift Ich bin Hitlers Enkel . Offenbar wird das jetzt eine Serie, Hitlers Enkel oder Hitlers uneheliche Erben. Der angebliche Enkel ist ein französischer Klempner und erst 56-jährig, er heißt Philippe Loret und sieht, was natürlich super rüberkommt, Hitler tatsächlich ein bisschen ähnlich. Er trägt sogar Schnurrbart. Der Zeugungsakt soll im Ersten Weltkrieg stattgefunden haben, 1917, als Hitler Soldat in Frankreich war. In der fraglichen Nacht sei der spätere Abstinenzler betrunken gewesen, in nüchternem Zustand hatte Hitler ja mit Frauen Probleme, soweit man weiß. Monsieur Loret sagt über das Lebenswerk seines Großvaters: »Für all die Dinge, die im Krieg passiert sind, kann ich nichts.« Dem wird jeder beipflichten. Es gibt auch schon drei Urenkel und sechs Ururenkel.

Was mich betrifft, ich bin vermutlich der Ururenkel von Hindenburg , dem Reichspräsidenten, der Hitler zum Kanzler gemacht hat. Das ist jetzt keine Ironie! Einer meiner Großväter hat behauptet, seine Großmutter sei Dienstmädchen bei den Hindenburgs gewesen. Da sei es passiert. Paul von Hindenburg ist als Staatsoberhaupt kein Vorbild, vorbildlich finde ich aber seine letzten Worte, die er auf dem Totenbett zum Arzt gesagt hat: »Ich habe den Eindruck, Freund Hein steht vor der Tür. Sie können den Herrn hereinlassen.« Für Interviews stehe ich zur Verfügung. Für all die Dinge, die Hindenburg politisch gemacht hat, kann ich nichts.

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Leserkommentare
  1. ... der 5x-Urenkel von Friedrich Engels, in dessen Haus meine Ururururgroßmutter Mädchen für alles war. Dafür, dass es die Linkspartei gibt, kann ich nichts.

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    • Kometa
    • 10. Mai 2012 9:09 Uhr

    Ob Dienstmagd, ob Dienstmädchen - Putzmaid, Putzmagd, Putzfrau… - die deutsche und undeutsche Literaturgeschichte ist voller dankbar dienstfähiger Opfer: Na, gut, nur die Magd? Roettgens Hausdame holte Feuer beim Göttle Prometheus und verbrannte dem MP sein wollenden Hausherrn die Schwurhand. -
    Hilfe benötigte kürzlich auch der Gossen-Goethe Wagner, um weiter den helden spielen zu können. Er schrieb an seine „Brieffreunde“ (nicht an die Facebooker wie Bayerns Fast-Kini Seehofer):

    „Ich schrie Hilfe, Hilfe. Ja, so war es. Ich bin ein gut verdienender, allein lebender Mann, ich fahre einen Oldtimer-Porsche.
    Hilfe, Hilfe schrie ich. Als meine Putzfrau um zehn Uhr die Tür öffnete, war ich nicht mehr ansprechbar. Alles ging dann ganz schnell. 112, Feuerwehr, Notaufnahme. (…)“

    'st wahr. Ein Anruf oder Click bei BILD gewährt Ihnen Gunst, ohne auf der Box zu landen:
    http://www.bild.de/news/s...

  2. Dazu brauchen Sie kein Nachtprogramm. Schon um 20.15 Uhr läuft auf ZDF info fast tägliche eine Nazidokumentation, manchmal auch mehrere hintereinander. Sie werden dauernd wiederholt. Ich habe alle gesehen (mehrmals). Am liebsten sehe ich "Hitlers Frauen".

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    • Behh
    • 10. Mai 2012 13:20 Uhr

    Es gibt tatsächlich noch Leute, die sich diese Hitler-Programme ansehen? Das ist zutiefst schockierend. Und sie sind sogar süchtig danach geworden, brauchen ihre ständige Hitler-Dosis? Ein schauderhafter Gedanke. Ich war immer der Meinung, daß sich das Fernsehen hier eine Pause vom Angeglotzt-Werden gönnt, wie bei der Sendung "Die Welt ohne Menschen", die seit Jahren in Endlosschleife auf N24 gezeigt wird. Im öffentlichen TV der USA liefen früher zu diesem Zweck die (gemeinfreien) deutschen Stummfilme rauf und runter, was den hübschen Nebeneffekt hatte, daß den Amis "Metropolis" und "Caligari" weitaus vertrauter waren und sind als den Deutschen.

    Als Methadon für die H-Süchtigen bieten sich französische und amerikanische Filme aus den Dreißigern an, gleiche Langsamkeit, Mode und Autos, aber weitaus weniger schädliche Zusatzstoffe. Mittelfristig sollte ein Wechsel in die Fünfziger angepeilt werden: Optimismus, Aufbruchstimmung, lustige Autos, Gemütlichkeit, Elvis. Wohlfühl- statt Depri-Programme. Dann klappt's auch besser mit dem Einschlafen - und das Fernsehen kann endlich machen, was es immer macht, wenn keiner hinsieht.

  3. Nach umfangreicher Recherche bin ich der vermutliche
    Ur,ur,ur,ur,Urenkel von Chikuwahatschu.
    Chikuwahatschu,ein fast eintonnenschwerer Silberrücken
    aus dem afrikanischem Urwald,ein zeitweiser Demokrat,
    ansonsten jahrzehntelang damit beschäftigt seinem Volk
    zusammenhalt zu gestalten.
    Ein Bulle der Macht,souverän kämpfend für sich selbst
    und für sein Volk.
    Niemals kriegerische Absichten sondern immer anerkennend
    für sich selbst,etwas Egoismus darf sein, ansonsten ein
    tapferer Kämpfer für seine Horde.
    Treu für sich und treu für die Gemeinschaft.

  4. Leider tummeln sich im Fernsehen (öR und privat) ein paar einschlägige Hysteriker ...ähh... "Historiker" die der Geschichtswissenschaft keinen besonderen Gefallen tun. Da werden einfach Bilder aus alten Wochenschauen recycelt, um irgendein unwichtiges historisches oder auch nur vermutet historisches Detail zu einem 45 Min Feature aufzublasen, welches dann auch noch mit apodiktischen Kommentaren versehen sind, die keinen Zweifel am angeblichen Wahrheitsgehalt der verschrobenen Theorien des Autors aufkommen lassen und die dann, als Krönung quasi, auch noch von typischen Wochenschausprechern eingedröhnt werden.
    Leider hat das wohl tatsächlich was mit Sucht zu tun. Der Beweis siehe hier:
    http://www.youtube.com/wa...

    • Euwie
    • 07. Juni 2012 10:04 Uhr

    hat da jemand etwa die Nazidiktatur mit '68 verglichen?

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  • Serie Martenstein
  • Schlagworte Erwin Rommel | Film | Dokumentarfilm | Enkel | Erotik | Paul von Hindenburg
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