Wenn Wolfgang Joop morgens aufsteht, dann kriechen seine Dämonen mit ihm aus dem Bett. Um ihnen zu entkommen, steigt Joop auf sein Fahrrad und fährt. Immer durch Potsdam . Und wenn er dann vom Fahrradfahren zurückkommt, erzählt er bei einer Tasse Kaffee davon, wie er den bösen Geistern davongestrampelt ist, die ihn verfolgen: den Gedanken an den Tod seiner Mutter und dem öffentlich ausgetragenen Streit mit seiner Tochter Jette um das Familienanwesen. Und er erzählt, wie ihm die Potsdamer Autofahrer rücksichtslos nach dem Leben trachten, in "schrecklich ordinären Autos". Man muss staunen: Es ist noch nicht Mittag, und Wolfgang Joop hat schon alles erlebt.

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Und dabei soll es doch gerade erst losgehen. Heute ist Anprobe der neuen Modelle von Wunderkind . Wunderkind ist die Luxusmarke von Joop, die im Streit mit ihren Investoren vor einem Jahr untergegangen war . Nun küsst der Designer sie wieder wach. Für drei Millonen hat er sie zurückgekauft und finanziert den Neustart selbst. Sara, das Model mit den roten Haaren, wartet in der Firmenvilla auf den Meister, alle warten auf ihn. Zwei Saisons hat die Marke ausgesetzt. Keine Präsentation in Paris mehr, keine Belieferung von Einzelhändlern – bis auf drei Verkaufspunkte wurden alle Wunderkind-Boutiquen dichtgemacht. Und es sah so aus, als würde Joop sich künftig darauf beschränken, Künstler zu sein. Joop malte Affen. Er spannte die Leinwände in Rokoko-Rahmen und bestickte die Bilder mit Goldfaden. Das jüngste Motiv liegt schon seit Wochen fertig auf seinem Pult im Erdgeschoss seiner weißen Villa am Potsdamer Heiligen See. Er kommt nicht dazu, weiterzumachen. Joop, der Maler, hat Pause. Joop, der Designer, ist zurück. Seine neue Wunderkind-Kollektion zeigt er am 10. Mai in der Villa Rumpf, dem Firmensitz der Marke, die ein paar Fußminuten von seinem Wohnsitz entfernt ist. Die Villa Rumpf – war die nicht zum Verkauf ausgeschrieben? "Ach nee, die brauchen wir doch jetzt wieder", sagt Joop. Wunderkind ist ja wieder da. Alles neu. Alles beim Alten.

Wunderkind wurde 2003 gegründet. Da hatte Wolfgang Joop gerade seine Marke JOOP! verkauft, den Namen, mit dem er bekannt geworden war. Während JOOP! von Lizenznehmern gefertigte Mode für den Mittelstand war, stieß Joop mit seinem neuen Projekt in das Spitzensegment vor: "Ich wollte ein Statement machen, das nach dieser alten Freiheit riecht, nach der wir süchtig waren." Kleider, die nach Couture duften, nach Sexiness, Intellektualität, mit einem kleinen subversiven Twist. In einem eleganten Mantel wurden etwa Möbelstoffe verarbeitet oder Plastikplanen. In seinem Modespürsinn war Joop " early" , wie er das nennt. Schon 2006 zeigte er die später allgegenwärtigen Pagodenschultern, als einer der Ersten ließ er Seidenkleider künstlich verbleichen, und bei seinem Pariser Defilee 2010 konnte man schon Schößchen an den Kleidern sehen und Blumenprints , wie sie zwei Jahre später die Schauen beherrschen sollten.

Eine Kollektion aneinandergereihter Geistesblitzeinschläge

Joop, schien es, war endlich dort angekommen, wo er eigentlich hingehört, auf dem internationalen Parkett. Was man dabei leicht vergessen konnte: High Fashion in Paris ist ein Geschäft, in dem Geld nicht verbrennt, sondern verpufft. Wenn man bedenkt, dass Karl Lagerfeld gerne mal den Grand Palais in eine Unterwasserlandschaft verwandelt und Marc Jacobs die Models eben mal mit einer Dampflok an den Laufsteg am Louvre fahren lässt, kann man sich vorstellen, wie teuer es ist, neben dieser Konkurrenz Aufmerksamkeit zu erringen. Mode in der Liga von Wunderkind muss aufwendigst verarbeitet werden – und wer keine Kunden hat, die nie über Geld nachdenken, braucht einen langen Atem und gute Nerven. Es fehlte wohl beides.

Und jetzt geht es wieder los. Wolfgang Joop hat seine Kollektion in Marrakesch gemalt, sitzend im Garten von Yves Saint Laurent . Mit einem großen Kohlestift und einem Aquarellblock, berauscht von dem Licht Marokkos , hat gezeichnet wie besessen, ein Kleid, dessen Ärmel in eine Schleppe übergehen, einen Mantel, dessen Futter sich als Übergangsmantel abknöpfen lässt, eine mandarinfarbene Jacke aus Knötchenwolle. Eine Kollektion aus lauter Einzelteilen, aneinandergereihte Geistesblitzeinschläge, kein Thema, keine Variation, immer nur Volltreffer. Und irgendwann war der Block zu Ende und die neue Kollektion da. Gemein war allen Skizzen die Frisur der Damen, die er skizzierte. Ein eiförmiger Dutt, der etwas Außerirdisches hatte.

Genau so ein Haarteil trägt nun das Model Sara, als es Wolfgang Joop erwartet. Sie sieht so aus, als wäre sie geradewegs aus dem Skizzenblock auf das Fischgrätparkett der Villa gesprungen. Sara arbeitet schon seit mehreren Jahren für Joop. Sie weiß genau, wie man sich in Frau Wunderkind verwandelt. Sie stakst wiegenden Schrittes durch den Raum, knickt in der Hüfte ein, schaut über die Schulter, als wäre sie in einer Vernissage, die sie schrecklich langweilt, und wartete darauf, von jemandem angesprochen zu werden, der hoffentlich etwas weniger langweilig ist. Sara ist genau so, wie Joop sich seine Kundin vorstellt. Überhaupt ist alles in dem Studio genau so, wie Wolfgang Joop es sich erträumt: Auf dem Tisch stehen Kaffee und Apfelkuchen mit Schlagsahne, als er mit dem Ridgeback Charlotte und dem Dalmatiner Gretchen den Raum betritt. Charlotte bettelt. "Habt ihr dem Hund noch keine Schlagsahne gegeben?", ruft Joop. Charlotte bekommt einen Teller Schlagsahne. Keine Spur mehr von bösen Geistern. Als er Sara im Kleid sieht, schwärmt Joop: "Für diesen Augenblick mache ich das: Wenn ich ein Kleid das erste Mal an einer Frau sehe. Es geht mir dann wie einem Bildhauer. Was danach geschieht, interessiert mich gar nicht so sehr."

Ist das neue Wunderkind bescheidener?

Im ersten Stock in einem Winkel hängen die Schnittmuster seit 2004. Unter verschiedenen Auszeichnungen wie "Röcke", "Kleider", "Mäntel" ist dort alles aufgehängt, was einmal für ein Wunderkind-Stück als Vorlage diente. Die Wunderkind-Geschichte passt auf ein paar Meter Kleiderstange. Doch die wenigen Kollektionen, die Wolfgang Joop gemacht hat, zählen ohne Frage zum Besten, was nach dem Krieg in Deutschland an Damenmode entworfen wurde. Das stellt Joop nicht in Abrede, er meint sogar, er habe jetzt schon Geschichte geschrieben, aber er wolle weiter Geschichte schreiben.

Wolfgang Joop war schon immer ein Mann großer Worte, und es gehört zu seinem Prinzip, dass man manchmal zusammenzuckt und denkt: Geht’s nicht eine Nummer kleiner? Und im nächsten Moment dann doch dankbar dafür ist, weil es gar nicht so viele Menschen in der Öffentlichkeit gibt, die nicht nur groß denken, sondern auch groß darüber reden. Wer groß redet, über den wird geredet. In den Boulevardzeitungen stand, Joops autobiografischer Roman Im Wolfspelz solle nun sogar verfilmt werden – von Regisseur Oskar Roehler .

Wird das neue Wunderkind bescheidener? Menschen aus Joops Umfeld meinen, er sei nicht fähig zum Kompromiss. Die Stücke seien oft einfach zu aufwendig gewesen. Joop habe auch eine günstigere Zweitkollektion verweigert. Das sieht Joop freilich anders. Eine Marke wie Wunderkind könne man nur zum kommerziellen Erfolg bringen, wenn sie hundertprozentig authentisch sei, sagt er. Ohne Abstriche wegen angeblicher Marktbedürfnisse oder Materialkosten.

Entsprechend entschieden stattet der Designer sein Wunderkind aus. An der Wand des Ateliers sind die verwendeten Stoffe aufgepinnt. Joop lässt sie sämtlich eigens für Wunderkind entwickeln. Bei den besten Adressen. Die Seide kommt von Taroni, der Kaschmir von Loro Piana, die Spitze von Sophie Halette. Bei der Anprobe einer Jacke im Bikerschnitt hatten dem Meister die Reißverschlüsse nicht gefallen. Sie waren chromfarben, Joop hätte dann aber doch lieber schwarze gehabt. "Aber das sind die teuersten Reißverschlüsse, die es gibt, und wir haben schon tausend davon bestellt", sagte ein Mitarbeiter mit leichter Verzweiflung in der Stimme. Joop antwortete mit noch mehr Verzweiflung: "Bei allem höre ich ständig auf das, was ihr mir sagt! Darf ich denn nicht einmal mehr die Reißverschlüsse für meine Kollektion aussuchen?" Natürlich einigte man sich darauf, neue zu bestellen. In Schwarz.

"Warum ist etwas nur akzeptabel, wenn es Geld verdient?"

Joop erzählt von seiner Zeit im Paris der siebziger Jahre, als Karl Lagerfeld noch ein Bär mit Vollbart war und sich mit Yves Saint Laurent um die Hegemonie in der Modewelt stritt. Als am Boulevard Saint-Germain der Champagner floss und es keine Grenze zu geben schien, nach oben nicht und auch nicht nach unten. "Damals haben wir auch die tollsten Shows gemacht – und wir hatten alle kein Geld", sagt Joop. "Aber irgendwie ging das damals alles."

Yves Saint Laurent ist tot , und Karl Lagerfeld hat sich in eine Modemaschine verwandelt, die mühelos zehn Kollektionen im Jahr auswirft. Lagerfeld sagt, er schaue niemals zurück, das Gestern interessiere ihn gar nicht. Nur Wolfgang Joop schaut zurück. Und man meint zu verstehen, dass er mit Wunderkind versucht, den Zauber dieser Zeit wieder heraufzubeschwören. Joop stemmt sich gegen die anschwellende Unmöglichkeit unserer Tage. Gegen die Herrschaft all der "aber". Wo alles "aber zu teuer", "aber zu schwer zu verstehen", "aber zu schwer zu vermarkten" ist. Warum tut er das? "Die Mode ist ein Planet, auf dem jeder landen darf, egal welche Hautfarbe, Herkunft oder Überzeugung er hat. Die Mode ist aber auch ein Planet, von dem man schnell verstoßen wird." Wolfgang Joop will weiter auf diesem Planeten leben. "Ich tröste mich mit Wunderkind."

Neulich, erzählt er, war eine Journalistin zu Besuch. Die habe ihn gefragt, wann er endlich Geld verdienen wolle mit der Wunderkind-Mode. "Geld verdienen." Joop wiederholt die Worte grimmig. "Warum ist etwas nur akzeptabel, wenn es Geld verdient?" Irgendwie Geld verdienen ist keine Kunst. Aber wie Joop Geld ausgibt, ist eine Kunst für sich.

Hingabe an das Universum

Im Arbeitszimmer hängt ein Bild, es zeigt einen Ozelot, der einen Ara zerfleischt. Es stammt von Johann Friedrich Seupel, einem Tiermaler aus dem 18. Jahrhundert. Joop hatte auf das Bild bei einer Auktion in Monte Carlo geboten, als er feststellte, dass Valentino und Ralph Lauren ebenfalls Gebote abgaben. "Da habe ich gedacht, jetzt zeige ich mal, wer ich bin." Das Bild war auf knapp 30.000 Dollar taxiert, Joop zahlte 600.000.

Das Tier, mit dem er die Modekonkurrenten in die Schranken wies, ist nun der Star seiner Comeback-Kollektion: Das Innenfutter der Jacken und Mäntel zeigt einen Ozelot-Print. Mit einem kleinen subversiven Detail: Aus dem Fleckenmuster heraus fixieren den Betrachter die auf Beute lauernden Augen des Raubtieres. Als überlege der Mantel, seinen Träger zu verspeisen. Schon wegen dieser Idee muss man dankbar sein, dass es wieder eine Wunderkind-Kollektion gibt.

Das Handy klingelt. Der Regisseur Oskar Roehler teilt mit, dass er den Film über das Leben von Joop doch nicht machen will. Joop lässt sich die Enttäuschung nicht anmerken. Der Tag in Potsdam geht zu Ende. Der Meister wirkt ein bisschen müde. Die Nacht wartet auf ihn, mit ihren Dämonen. Er habe neulich, als er nicht schlafen konnte, ein Porträt von Max Planck gesehen. Planck habe im Leben viel gelitten, die Nazis hätten seinen Sohn umgebracht. Planck habe gesagt, das Universum habe seinen Ursprung in einem einzigen Punkt gehabt und werde wieder zu diesem Punkt zurückkehren – unweigerlich. Wenn man darum wisse, dann gebe es nur zwei Haltungen: Angst vor dem Universum oder Hingabe an das Universum. "Ich wähle Hingabe."

Vielleicht hat Oskar Roehler seinen besten Film verpasst.