Der Nahe Osten im Jahr 2015: Der Iran ist Atommacht. Die Verhandlungen mit dem Westen sind gescheitert. Teheran stellt seine erste Interkontinentalrakete vor. Ägypten rüstet nach. Nuklearanlagen und Raketenfabriken werden aus dem Boden gestampft. Dies lässt Saudi-Arabien aufschrecken. Dollar-Milliarden aus dem Ölgeschäft fließen in die Atomforschung. Nuklearwaffenträger werden getestet. Nun hält auch die Türkei ihre konventionellen Arsenale für nicht mehr abschreckend genug und baut eine nukleare Streitmacht auf.

Derlei Szenarien werden derzeit oft mit dem Appell verbunden, alle Mittel gegen eine atomare Bewaffnung des Irans zu erwägen.

Leben wir in Vorkriegszeiten? Wird Israel den nach der Atombombe strebenden Iran angreifen? Ist nach der Zerstörung der Nuklearanlagen des Iraks 1981 und Syriens 2007 auch dieses Mal Angriff die beste Verteidigung? Sicherheitsexperten, vor allem aus Israel, glauben, dass Jerusalem längst einen Präventivschlag gegen Teheran beschlossen hat – inzwischen soll er als alternativlos gelten. Und in der Tat: Wirtschaftssanktionen dürften das iranische Regime kaum davon abhalten, seine Nuklearrüstung weiter voranzutreiben. Zum einen verhindern wirklich schmerzhafte Sanktionen bislang China und Russland als Vetomächte im UN-Sicherheitsrat. Zum anderen litt bereits beim Embargo gegen Saddam Husseins Irak das Regime weniger als das Volk.

Eine militärische Entmachtung des Regimes wie in Afghanistan oder im Irak scheidet im Fall des Irans schon alleine wegen fehlender Kapazitäten der USA aus. Selbst wenn der Westen intervenieren wollte, würde eine Invasionstruppe nicht nur das iranische Regime, sondern auch das Volk gegen sich haben. Denn der Wille, zu einer regionalen Vormacht zu werden, ist selbst in iranischen Exilkreisen verbreitet. Bereits vor der Islamischen Revolution 1979 verfolgte der Schah atomare Pläne – mithilfe des Westens. Ein nuklear gerüsteter Iran ist weniger eine Frage des Regimes oder der Regierungsform.

Präventivschlag hätte verheerende Folgen

Folglich dürften auch Militärschläge gegen die iranischen Atomanlagen langfristig keinen Erfolg haben. Selbst amerikanische und israelische Militärs zweifeln an einer durchschlagenden Wirkung von Angriffen aus der Luft mit Kampfjets, Marschflugkörpern, Raketen und Drohnen sowie vom Boden mit Spezialeinheiten. Von höchstens drei bis fünf Jahren Verzögerung im iranischen Atomprogramm wird ausgegangen. Als verheerend schätzen Sicherheitsexperten hingegen die möglichen Folgen eines Präventivschlags ein. Teheran könnte versucht sein, einen »heiligen Krieg« nicht nur gegen Israel, sondern auch gegen die westlichen Truppen am Golf, in Afghanistan und im Libanon zu beginnen – von einer Blockade der für die Weltwirtschaft bedeutenden Öltankerroute durch die Straße von Hormus ganz zu schweigen. Und auch ohne derlei Eskalationen zeigt sich der Westen bereits heute militärisch überfordert.

Die Frage ist also: Was bleibt? Die einzig mögliche Antwort scheint zu sein: Abschreckung. Denn ebendiese ist das Hauptmotiv auch der Iraner. Teheran möchte sicher sein vor westlichen Interventionen. Als Atommacht wäre es dies – aber nur so lange, wie es atomar friedlich bliebe. Sollte der Iran sich anschicken, auch nur eine Rakete mit einem nuklearen Gefechtskopf startklar zu machen, geschweige denn auf Israel oder ein anderes westliches Land abzuschießen, dann würde dies zugleich das Ende nicht nur des iranischen Staates, sondern auch großer Teile der Bevölkerung bedeuten. Denn selbst wenn das Teheraner Regime seine Drohungen gegenüber Israel wahr machen und dort einen nuklearen Sprengkopf ins Ziel bringen wollte, wäre Jerusalem bereits heute in der Lage, mit seiner Raketenabwehr einem solchen Angriff zu begegnen. Und selbst wenn diese Abwehr versagen sollte und auch – was noch unwahrscheinlicher ist – die schätzungsweise 100 bis 300 land- und luftgestützten Atomwaffen Israels durch einen solchen Angriff vernichtet werden sollten, könnte Jerusalem durch die nukleare Zweitschlagsfähigkeit seiner aus Deutschland erhaltenen U-Boote den Iran auslöschen.

Welcher politisch Verantwortliche in Teheran weiß all dies nicht? Ohnehin scheinen die atomaren Vernichtungsdrohungen iranischer Hardliner gegenüber Israel eher innenpolitischen Machtkämpfen geschuldet als einer ernsthaft erwogenen Erstschlagsdoktrin. Eine solche würde mit nicht weniger als einer historischen Tradition des Irans brechen: seine regionale Nachbarschaft mit klassischen Staatenkriegen zu verschonen. Anders als meist wahrgenommen, handelt das iranische Regime durchaus rational innerhalb seiner eigenen Logik.